Jahrgang 
1857
Seite
89
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Neo 23.

Beiblatt zumFeierabend.

1857.

Motto: Alles für Alle.

Geſchwind, was giebts Ueues?

Die Schlußakten der Briefmarkengeſchichte. Nach dem Vorgang vieler anderer Blätter brachte auch kürz⸗ lich unſer Leſeſtübchen in Nr. 18 eine Notiz über die wohl⸗ bekannte und weitverbreitete Geſchichte von dem reichen Engländer und dem armen karlsruher Waiſen⸗ knaben, der für Herbeiſchaffung einer Million gebrauchter Briefmarken die anſtändige Gratifikation von 150,000 Gul⸗ den empfangen ſollte. Wir zweifelten um ſo weniger an der Wahrheit der Geſchichte, als es eben ein Sohn Albions war, der ihre Heldenrolle ſpielte und man bekanntlich bezüglich

* Es mag um Neujahr geweſen ſein, als hier auf Privat⸗

wegen die Nachricht aus Stuttgart einlief, daß ſich dort

ſeltſamer Einfälle denreichen Engländern ein ſehr großes

Zutrauen ſchenkt.

Was wir erwarten durften geſchah. Die beſagte Notiz zündete in den Kreiſen unſerer Leſer, gab der Brief⸗ markenbewegung einen neuen Anſtoß und ſetzte in Nähe und Ferne viele ſammelnde Hände in Thätigkeit. So weit war alles recht ſchön und gemüthlich, und war einmal eine kleine uneigennützige Abwechſelung in dem ſelbſtſüchtigen Getriebe unſerer Tage. Indeß die Verlegenheit hinkt nach. Man wollte dem Waiſenknaben zwar ſehr gerne zu ſeinen Schätzen verhelfen, wünſchte aber vorher ganz genau zu erfahren: ob die Geſchichtewirklich wahr ſei, wenn das bewußte Jahr

zu Ende ginge, und wie die nähere Adreſſe in Karlsruhe

laute. Dies Alles ſollte nun das Leſeſtübchen haargenau mittheilen können. Da war guter Rath theuer. Anfangs begnügten wir uns damit, Erkundigungen bei den nächſtge⸗ legenen Zeitungsredactionen einzuziehen, aber da hatte es immer einer dem andern nachgedruckt und alle beide waren gleich klüg. Als nun endlich ſogar eine ſolche Anfrage aus Ueterſen in Holſtein einlief, wo der elektriſche Funke un⸗ ſerer Notiz ein ganzes Knabeninſtitut in hellen Brand verſetzt hatte, da fanden wir es denn doch, bei der blühenden Aus⸗ ſicht, ſolche unzubeantwortende Anfragen ins Unendliche fort einlaufen zu ſehen, an der Zeit, der Sache bis auf den Grund zu gehen. Wir wandten uns alſo an die Redaktion der Karls⸗ ruher Zeitung. Die mußte es doch wahrlich wiſſen! Die Antwort derſelben, die ein höchſt charakteriſtiſches Licht auf die famoſe Geſchichte wirft, theilen wir im Nachfolgenden wörtlich mit und glauben nun annehmen zu dürfen, daß unſere lieben Leſer uns fortan aller weiteren Verantwort⸗ lichkeit wegen Aufnahme der Notiz mit dem Citat aus Shakeſpeare entheben werden:Der Mohr hat ſeine Schul⸗ digkeit gethan, der Mohr kann gehen!

Hier das beſagte Schreiben:

Verehrliche Redaction!

In Rückäußerung auf Ihre geehrte Anfrage vom 22. d. M. beeilen wir uns Ihnen Folgendes umſtehend ganz ergebenſt zu erwidern:

ein reicher Engländer befinde, der einen armen Knaben adop⸗ tiren oder doch brillant ausſtatten wolle, wenn er ihm eine Million verbrauchter Briefmarken zum Behuf des Tapezirens ſeiner Wohnung liefern würde. Klang dieſe Kunde an ſich ſchon ſeltſam genug, ſo mußte der Umſtand um ſo mehr Be⸗ denken erregen, daß die Stuttgarter Blätter ganz davon ſchwiegen. Sie wurde jedoch von namhaften und durchaus glaubwürdigen Leuten, welche ſich auf Briefe von verſchiede⸗ nen, mitunter ſehr hochgeſtellten Perſonen in Stuttgart be⸗ riefen, für ganz zuverläſſig hingeſtellt. Man glaubte es alſo mit einem bei den Angehörigen der vereinigten König⸗ reiche nicht ſeltenen, und diesmal ſehr gutartigen Spleen zu thun zu haben, und nun begann wie anderwärts(Stuttgart, Frankfurt u. ſ. w.) ſo auch hier ein Markenſammeln in ſo ausgedehntem Maßſtabe, daß die Sammler ſchon vor einiger Zeit erklärten, nach Mittheilungen aus Stuttgart ſei die gewünſchte Zahl Marken beiſammen und ein weiteres Sam⸗ meln ſei nicht mehr nöthig.

Um dieſe Zeit war es, als derKölniſchen Zeitung merkwürdiger Weiſe von Karlsruhe aus mitgetheilt wurde, hier befinde ſich beſagter Engländer und der arme Knabe ſei ein hieſiges Kind. Andere Blätter druckten dieſe Mit⸗ theilung nach und bezeichneten ihre Quelle einfach mitK. Z. Wieder andere druckten den Nachdruck nach, machten aber aus dieſemK. Z., welches das niederrheiniſche Blatt bedeutete, ohne WeiteresKarlsruher Zeitung, und jetzt war die Sache fertig: wenn dieKarlsruher Zeitung ſie von Karlsruhe berichtet, ſo kann ſie doch nicht aus der Luft gegriffen ſein. In Wahrheit aber hat unſer Blatt nie⸗ mals etwas über dieſe Angelegenheit berichtet, weder von hier noch von Stuttgart.

Richtig iſt demnach jedenfalls:

1) daß dieſe wunderliche Geſchichte nicht hier ſpielt, und daß weder der bewußte Engländer ſich hier befindet, noch daß es ſich um einen Karlsruher Knaben handelt;

daß die Geſchichte, wenn ſie kein Puff iſt, nach hieſigen Quellen ihren Schauplatz in Stuttgart hat, oder viel⸗ mehr gehabt hat, da ſie als ausgeſpielt bezeichnet wird; und

daß dieKarlsruher Zeitung mit dieſer Angelegenheit rein gar nichts zu ſchaffen hat, ſondern durch ein jetzt erklärtes Quid pro quo in unliebſame Mitleeidenſchaft gezogen worden iſt.

Wir würden uns freuen, wenn wir Ihnen ſtatt dieſer negativen Aufſchlüſſe affirmative, die fabelhafte Kurioſität beſtätigende geben könnten, und würden den ſicherlich auch

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