Beiblatt zum„Feierabend.“
1857.
Motto: Alles für Alle.
Wir bitten zunächſt unſere Leſer, es dem Corrector zu verzeihen, daß er den Druckfehler in der vorigen Rundſchau, welcher den König(ſtatt des Prinzen) von Preußen zum Mitglied der ehemaligen preußiſchen Nationalverſammlung gemacht, ſtehen gelaſſen, und lenken heute ihre Aufmerkſam⸗ keit auf die letzte franzöſiſche Thronrede, die nicht nur ein Muſter von politiſcher Beredtſamkeit iſt, ſondern ſich auch über die Stellung Frankreichs, über die Lage Europas, über die brennendſten Fragen der Gegenwart und über ihre höchſten
geſellſchaftlichen und volkswirthſchaftlichen Aufgaben, in ſo lichtvoller tröſtender und ſinniger Weiſe äußert, daß wir es für unſere Pflicht erachten, wenigſtens die Hauptſtellen hier wiederzugeben.
„Die Schwierigkeiten— ſprach der Kaiſer— welche die Ausführung des Pariſer Tractats im Gefolge hatte, ſind glücklich überwunden. Der Conflict zwiſchen dem Könige von Preußen und der ſchweizeriſchen Eidgenoſſenſchaft hat den kriegeriſchen Charakter gänzlich verloren, und eine gün⸗ ſtige Löſung iſt baldigſt zu hoffen. Nachdem alſo das beſte Einverſtändniß zwiſchen allen Großmächten herrſcht, müſſen wir ernſtlich arbeiten, nach Innen die Macht und die Reich⸗ thümer der Nation zu regeln und zu entwickeln. Es darf aber nicht verkannt werden, daß die Civiliſation wie eine Armee vorrückt. Ihre Siege werden nicht ohne Geld und Menſchenopfer errungen. Dieſe ſchnellen Wege, welche die Verbindungen erleichtern, dem Handel neue Straßen öffnen, verändern den Stand der Intereſſen und drängen die Gegen⸗ den zurück, die deren noch entbehren. Dieſe ſo nützlichen Maſchinen, welche die Arbeit des Menſchen vervielfältigen, erſetzen ihn zuerſt und laſſen momentan viele Arme unbe⸗ ſchäftigt; dieſe Bergwerke, welche in der Welt eine bis jetzt unbekannte Menge von Geld verbreiten, dieſe Zunahme des öffentlichen Vermögens, welche den Gebrauch verzehnfacht, richten ſich dahin, den Werth aller Dinge zu verändern und zu erhöhen; dieſe unerſchöpfliche Quelle des Reichthums, welche man„Credit“ nennt, zeigt Wunder, und dennoch zieht das Uebermaß der Speculation gar manchen Ruin der Ein⸗ zelnen nach ſich. Daher kommt die Nothwendigkeit, ohne den Fortſchritt aufzuhalten, Jenen zu Hülfe zu eilen, die ſeinem beſchleunigten Schritte nicht zu folgen vermögen. Man muß die Einen anfeuern, die Andern mäßigen. Erleuchten und leiten, das iſt unſere Pflicht. Das Land gedeiht, man muß es zugeſtehen, denn trotz Krieg und Theuerung hat der Fortſchritt nicht nachgelaſſen, und das Erträgniß der indirec⸗ ten Steuern, ein ſicheres Zeichen des öffentlichen Reichthums,
hat 1856 die ſchon ausnahmsweiſe hohe Zahl von 1855 um 50 Millionen überſtiegen.— Das Fortſchreiten des Acker⸗ baues muß Gegenſtand unſerer fortwährenden Sorgfalt ſein, denn von ſeiner Zunahme, oder Abnahme, rühren die Wohl⸗ fahrt,— oder der Verfall der Reiche her. Mehrere Depar⸗ tements wurden dieſes Jahr von Ueberſchwemmungen heimge⸗ ſucht; Alles läßt mich aber hoffen, daß es der Wiſſenſchaft gelingen werde, die Natur zu bemeiſtern. Ich halte es für eine Ehrenſache, daß in Frankreich die Flüſſe, wie die Re⸗ volutionen in ihr Bett zurück geführt werden und es nicht wieder verlaſſen können.— Geſtützt auf die Mitwirkung der großen Staatskörperſchaften und die Ergebenheit der Armee, geſtützt namentlich auf das Volk, welches weiß, daß alle meine Augenblicke ihm gehören, ſehe ich für unſer Vaterland eine Zukunft voll Hoffnung.“— Das ſind wirklich goldne Worte in ſilbernen Schalen, die nicht Wunder nehmen laſſen, wenn ſelbſt ein engliſches Blatt den Wunſch ausſpricht: „Es möchte der Kaiſer nie zu reden aufhören, denn er ge⸗ höre zu jenen guten Genien der Märchenzeit, die niemals den Mund öffneten, ohne Perlen und Diamanten von ſich zu geben.“— 4
Einen ungeheuren drückenden Einfluß auf den euro⸗ päiſchen Geldmarkt wird das vom Kaiſer Alexander conceſſionirte ruſſiſche Eiſenbahnennetz ausüben, das 4000 Werſte(ſieben Werſte ſind eine deutſche Meile) meſſend und nach allen Himmelsgegenden des Reichs ſich erſtreckend, ein Capital von 275 Millionen Silber verſchlingen wird.
Der Groll des ungariſchen Adels gegen das aus den letzten Bewegungsjahren verjüngt hervorgegangene Oeſter⸗ reich geht ſo weit, daß derſelbe entſchloſſen iſt, dem Kaiſer bei ſeiner demnächſtigen Anweſenheit ſich nicht in corpore vorzuſtellen. Selbſt die gemäßigtſte Preſſe ſpricht über dieſes Gebahren ihren bitteren Tadel aus.„Wer— ruft ſie jenen Rittern zu— möchte heute die aufgehobene Verfaſſung und ihre lähmenden Feſſeln wieder haben? Wer möchte Hand an⸗ legen, die eingeſunkenen Zollſchranken wieder aufzurichten? Es fällt dem magyariſchen Adel vielleicht um ſo ſchwerer, ſich in den öſterreichiſchen Rechtsſtaat einzufügen, als er in manchen deutſchen Ländern die erfolgreichen Verſuche des grundbeſitzenden Adels ſieht, wieder einen vorwiegenden An⸗ theil an der Staatsgewalt zu erlangen.“— Daſſelbe er⸗ neuete Oeſterreich iſt jetzt dem deutſchen Zollverein mit dem Vorſchlag bedeutender Zollermäßigungen entgegenge⸗ kommen, über welche demnächſt eine Conferenz in Berlin berathen wird.


