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amen
Na 11.
Beiblatt zum„Feierabend.“
1857.
Motto: Alles für Alle.
Politiſche Rundſchau.
Wir eröffnen unſere heutige Rundſchau billig mit dem wichtigſten Ereigniß, mit dem von der Majorität des eng⸗ liſchen Parlaments angenommenen Antrag Cobdens auf Miß⸗ billigung der Politik des Miniſteriums in der China⸗Frage und der hierauf von dieſem nach der Erklärung Lord Pal⸗ merſton beabſichtigten Auflöſung des Parlaments. Cobden, ſeit 1841 Parlamentsmitglied, hat bekanntlich alsbald alle ſeine Kraft der Abſchaffung der die arbeitenden Klaſſen ſo drückenden Korngeſetze gewidmet, was ihm auch in dem Grade gelang, daß der damalige Premierminiſter Sir Robert Peel, allmälig zu der Anſicht Cobdens bekehrt, ſelbſt jene Ab⸗ ſchaffung im Parlamente vorſchlug, und nachdem dieſe be⸗ ſchloſſen worden, in ſeiner berühmten Rede vom 26. Juni 1846 erklärte, daß das Verdienſt dieſer ſegensreichen Re⸗ form einzig und allein Cobden gebühre. Derſelbe bewirkte auch die Aufhebung der Schifffahrtsgeſetze, welche gleichfalls den Verbrauch der Lebensbedürfniſſe dem Volke vertheuerten. Ueberhaupt iſt Cobden der hervorragendſte unter den gegen⸗ wärtigen Führern der engliſchen Reformen, und zugleich ein eifriger Beförderer der Friedensgeſellſchaften, an deren Ver⸗ ſammlungen(im Jahre 1850 in Frankfurt a. M.) er ſich eifrig betheiligte. Die Oppoſition jedoch, welche ſich in der China⸗Frage mit ihm verband, beſteht faſt in Fragen der inneren Politik und der Volkswirthſchaft aus ſehr verſchie⸗ denen Elementen, ſo daß aus dieſer Parlamentsmajorität kein neues Kabinet gebildet werden kann, und Palmerſton daher zur Auflöſung des Parlaments ſchreiten muß. Das Volk wird dann durch Neuwahlen zu entſcheiden haben, wem es die Zügel der Regierung in die Hand geben will. Ein Tory⸗ oder Whig⸗Miniſterium wird es gewiß nicht ſein, denn beide Parteien ſind dem jetzigen England, das in den letzten Jahren namentlich in ſeiner volkswirthſchaftlichen und Handelspolitik weit über die Reformen der Whigs hin⸗ ausgegangen, nur noch geſchichtliche Erinnerungen. Cobden gehört übrigens nicht zu den entſchiedenen Radicalen und hat namentlich in der Reformconferenz zu Mancheſter(den 3. Dec. 1851) ſich gegen das allgemeine Stimmrecht aus⸗ geſprochen.
Zwiſchen England und Perſien ſoll bereits ein drei⸗ monatlicher Waffenſtillſtand abgeſchloſſen und der, zwiſchen den beiderſeitigen Geſandten in Paris vereinbarte Friedens⸗ vertrag zur Beſtättgung nach Teheran abgeſendet worden ſein. Inzwiſchen hat Abdel⸗Kader⸗Khan, der mohame⸗
daniſche General, in ruſſiſchen Dienſten, mit 3000 Mann die perſiſche Grenze überſchritten, und iſt von den Behörden und dem Volke enthuſiaſtiſch empfangen worden.
Die däniſche Note, welche die Forderung Oeſterreichs und Preußens(wegen Bedrückung Holſteins durch die Ge⸗
ſammtſtaatsverfaſſung) beſtimmt abgelehnt, iſt bereits in Wien und Berlin angekommen. Schon ſprechen berliner Stimmen davon, daß man die Angelegenheit noch nicht an den Bund bringen, ſondern erſt eine Antwort nach Kopen⸗ hagen ſenden werde:„Es wird— bemerkt in Bezug hierauf ein Blatt— nun keinen Krieg geben; Eines ſchönen Mor⸗ gens werden wir nur zu berichten haben, daß der Proceß friedlich niedergeſchlagen iſt.“—
Was wir, trotz dem Widerſpruch eines großen Theils der Preſſe, immer behauptet, daß die Neuenburger Frage demnächſt gelöſt werden dürfte, ſcheint ſich bereits zu beſtä⸗ tigen, da die bezügliche Conferenz der vier Mächte nunmehr begonnen, und wie telegraphiſch gemeldet wird, den nächſten Sitzungen der preußiſche Geſandte und wahrſcheinlich auch der Bevollmächtigte der Schweiz, beiwohnen werden:„Man glaubt— fügt die telegraphiſche Meldung hinzu— daß die Sache in der nächſten Woche geordnet ſein werde.“
Eine ſchmähliche Niederlage hat doch noch die kirchlich⸗ politiſche Reaction in der preußiſchen Eheſcheidungsfrage erlitten, indem das Abgeordnetenhaus mit einer Majorität von 39 Stimmen die desfallſige Vorlage verwarf. Auch die conſervativſten Mitglieder des Hauſes mochten ſich tief⸗ verletzt über die Schmähungen fühlen, mit welchen bei der betreffenden Berathung jene Parthei ſich gegen das Landrecht, die unſterbliche Schöpfung Friedrich's des Großen, ergoß; auch Männer, welche ſonſt nie zu der Oppoſition gehörten, mußten doch jetzt zu ihr hingetrieben werden, wo es darum ſich handelte, das Autoritätsprincip,„die Macht über uns, der man ſich demüthig zu unterwerfen“ auch auf die Ehe der⸗ maßen anzuwenden, daß Perſonen, deren Band innerlich längſt aufgelöſt, lediglich durch äußere Gewalt an einander gekettet, und eine Verbindung deren ſittlicher Gehalt weſent⸗ lich auf freier Wahl und innerer Zuneigung beruht, zu einer Quelle fortwährender Unſittlichkeit gemacht werde. Es ſtimmten darum auch Mitglieder aus allen Fractionen hier mit der Oppoſition, und nach Allem was man wahr⸗ nimmt, ſcheint die Regierung ſelbſt, nur dem Drängen der ſtarrkirchlichen Parthei durch eine Prüfung der Frage vor den Abgeordneten des Volkes, nachgegeben zu haben, und über das Ergebniß der Prüfung gar nicht verdrießlich zu ſein.
Vor einigen Thoren der Bundesfeſtung Mainz ſind die deutſchen Adler wieder mit ſchwarz⸗roth⸗goldener Farbe an⸗ geſtrichen worden.
Auch iſt auf handelspolitiſchem Gebiete wiederum ein Stück deutſcher Einheit durch die bei der Münchener Poſtconferenz be⸗
ſchloſſene Gleichmäßigkeitin der Behandlung und Tarifirung der
Fahrpoſtgegenſtände des deutſch⸗öſterreichiſchen Poſtvereins(bei Briefen beſteht ſie meiſtens ſchon) zur Ausführung gekommen.


