Nae S.
V In Betreff Neuenburgs äußerten jüngſte Woche die Schweizer Blätter eine gewiſſe Ungeduld und ein gewiſſes Mißtrauen, und auch deutſche Blätter gaben dieſem Gefühle einen Ausdruck. Indeß hat ſich unſere Vorausſicht voll⸗ kommen beſtätigt, indem, den neueſten Nachrichten zufolge, die franzöſiſche Regierung die europäiſchen Höfe eingeladen, zu der in jener Angelegenheit demnächſt in der franzöſiſchen Hauptſtadt ſtattfindenden Conferenz ihre Geſandten mit der nöthigen Anweiſung zu verſehen, woraus mit ziemlicher Ge⸗ wißheit zu ſchließen, daß die zwiſchen dem Tuilerien⸗Cabinet und dem außerordentlichen Abgeordneten der Schweiz ſtattge⸗ fundenen Verhandlungen bereits zu einem Punkte gelangt, welcher ein beiderſeitiges befriedigendes Ergebniß in ſichere Ausſicht ſtellt.—
Wegen der durch die däniſche Geſammtverfaſſung und die Einziehung der Domänen verletzten Gerechtſame von Holſtein und Lauenburg haben die beiden deutſchen Groß⸗ mächte eine neue Note an den ſchweigſamen König von Däne⸗ mark erlaſſen, in welcher ſie zu einer Erklärung binnen vier Wochen auffordern, indem ſie ſonſt die Angelegenheit vor den deutſchen Bund bringen würden; aber ſchon hört man, daß Seitens des Königs von Dänemark gegenwärtig Alles auf⸗ — geboten werde, um Rußland, Frankreich und England günſtig für ſich zu ſtimmen.—
In der Schleswiger Ständeverſammlung erhob ſich neuerdings Rathmann Thomſen gegen die Beeinträchtigung der Rechte Schleswigs und der deutſchen Intereſſen daſelbſt. Schleswig— erklärte er u. A.— ſei in einer Stellung, die ärger ſei als eine Einverleibung(Incorporation), es ſei po⸗ litiſch unmündig. Es herrſchen Polizeizwang, politiſche Polizei, ſelbſt in Kirchen und Schulcollegien. Viele treue Beamte würden entlaſſen, die Landeskinder aber trotz der Amneſtie nicht angeſtellt.— Auch in der Sprachſache fand bei ge⸗ drängt vollen Tribünen die erſte Berathung des Comité⸗ — Antrags ſtatt, der darauf hinausging, daß jene Unterſuchung
aauf dem Wege der Abſtimmung unter der Aufſicht unpar⸗ * 5 teiiſcher Männer ſtattfinden möge.— Man ſagte dabei, es werde dieſer Antrag ſtets wiederkehren, bis er endlich Ge⸗ — währung finde; doch ſcheine Ausſicht zu ſein, daß dies nicht
in allzugroßer Entfernung geſchehe, da bereits in den Herzen der Dänen ein Funke für dieſe Sache ſich rege.
Im engliſchen Unterhauſe legte der Schatzkanzler den Voranſchlag der Staats⸗Einnahmen und Ausgaben vor. Die Jahresausgaben werden hiernach auf 65 Millionen Pfd. DSteelling, die Einnahmen auf 66 Millionen veranſchlagt. efte) Der Artikel des Pariſer Moniteurs für eine Vereini⸗
Beiblatt zum„Feierabend.“
1857.
Motto: Alles für Alle.
Politiſche Rundſchau.
gung der Donau⸗Fürſtenthümer hat heftige Entgeg⸗ nungen in der Wiener Preſſe hervorgerufen, da Oeſterreich nicht ohne Grund beſorgen mag, es werde ein moldau-wal⸗ lachiſches(rumeniſches) Reich, zu groß, um der Pforte un⸗ terwürfig zu bleiben, zu ſchwach, um durch eigne Kraft ſelbſt⸗ ſtändig zu beſtehen, der ruſſiſchen Agitation ſtets eine will⸗ kommene Handhabe bieten.— Indeß hat man, erwägend, daß gleicher Grund auch die Pforte, welche hier doch die erſte Stimme hat, bedenklich machen müſſe, in Paris wieder ein⸗ gelenkt, und ſo wird wol trotz des Journallärms die ganze ſchöne Idee in der Luft verpuffen.—
Dem in Paris erwarteten Großfürſten Conſtantin wird ein ungewöhnlich glänzender Empfang vorbereitet; in Berlin will man aber auch wiſſen, daß der ruſſiſche Kaiſer ſelbſt dem Kaiſer der Franzoſen im März oder April einen Beſuch machen werde.—
Die Zeitungen prophezeien noch mehre Amneſtien. Es werde der Kaiſer von Oeſterreich die rebelliſchen Ungarn, der König von Dänemark die Holſteiner, der Kaiſer von Rußland die verbannten Polen und die Könige von Sachſen und Würtemberg ihre aufſtändiſchen Unterthanen aus den letzten Bewegungsjahren begnadigen. Möchten hier die Zeitungsſtimmen Prophetenſtimmen ſein!
Die Baierſche Regierung, deren Antrag beim Bun⸗ destage die jetzt in Nürnberg tagende Conferenz zur Her⸗ ſtellung eines gemeinſamen deutſchen Handelsrechts ihr Beſtehen zu verdanken, hat nun auch durch ihren Geſandten beim Bunde einen Antrag auf Vereinbarung gemeinſamer Beſtimmungen über Gerichtsſtand und Urtelsvoll⸗ ſtreckung im ganzen Bundesgebiete angetragen.
Im preußiſchen Abgeordnetenhauſe rief eine Peti⸗ tion, über welche das Haus zur Tagesordnung überging, wegen Wiederherſtellung der Jagdgerechtigkeit, eine ſehr gereizte Debatte hervor. Der wohl bekannte Redacteur der Kreuzzeitung, Abgeordneter Wagner, erlaubte ſich näm⸗ lich die Bemerkung, daß ſeine Partei 1848 deshalb ge⸗ ſchwiegen, weil ſie es nicht für anſtändig gehalten, ſich an die(preußiſche) Nationalverſammlung zu wenden. Hierauf antwortete mit ſichtbarer Entrüſtung Abgeordneter Wentzel: „Herrn Wagner ſei allerdings nicht die Ehre zu Theil ge⸗ worden, in der Nationalverſammlung zu ſitzen!“ und fuhr dann, vom Lärm der Rechten unterbrochen, fort:„Ja, meine Herren! Lärmen Sie nur fort! Vielen von Ihnen iſt nicht die Ehre zu Theil geworden, in der Verſammlung zu ſitzen, welcher der König von Preußen als Mitglied angehört hat.“


