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Beiblatt zum„Feierabend.“
1857.
Motto: Alles für Alle.
Politiſche Rundſchau.
Die Thronrede zur Eröffnung des engliſchen Parlaments welche bereits mit einer die Politik der Regierung billigenden Adreſſe erwidert worden), erwähnt u. A., daß die Königin mit dem Kaiſer von Frankreich den Neuenburger Conflict zu ſchlichten ſich bemühe und auch zuverſichtlich den Abſchluß eines ehrenwerthen und befriedigenden Arrangements erwarte. Von einer Hoffnung auf Frieden mit Perſien, welchen alle öffentlichen Blätter als nahe bevorſtehend verkündigt hatten, erwähnt aber die Thronrede nichts, und auch nach den jetzigen übereinſtimmenden öffentlichen Nachrichten wollen ſich die Engländer auf der Inſel Karrack(dem einzigen und trefflichen Hafen im perſiſchen Meerbuſen) feſtſetzen, ja noch weiter dringen. Auch ſoll der Schah von Perſien bereits eine Kriegserklärung an England veröffentlicht haben; hin⸗ gegen wird jetzt der Nachricht über die Abſicht des Admirals Seymour, Canton einzuäſchern, widerſprochen.—
Die fürſtlichen Beſuche am franzöſiſchen Hofe mehren ſich, und gewiß zu nicht geringer Befriedigung Louis Napo⸗ leons. So ſollen namentlich jetzt die Beſuche des ruſſiſchen Großfürſten Conſtantin und des Königs von Baiern bevor⸗ ſtehen. Gerühmt wird auch die kluge, weit populäre Entſchließung Louis Napoleons, auf den erzbiſchöflichen Stuhl in Paris einen Prieſter von gemäßigter und humaner Geſinnung, den Cardinal Morlot, zu erheben.—
Das neue in Brüſſel gegründete Organ der ruſſiſchen Regierung, der„Nord“, läßt ſich über deren jetzige Politik folgendermaßen aus:„Rußland weiß, was die Politik ihm gekoſtet hat, zu der man es thörichterweiſe zurückhaben will; es weiß, was für eine Laſt von Unpopularität und Undank⸗ barkeit ſeine uneigennützige Beförderung der heiligen Allianz ihm eingebracht hat. In einem ganz andern Geiſte bereitet es daher ſeine neuen Bündniſſe vor.“ Unſere Leſer werden wol kaum in die Verſuchung kommen, dieſen ruſſiſchen Er— gießungen unbedingten Glauben zu ſchenken; ſie verrathen aber— und das macht ſie intereſſant— den Groll Ruß⸗ lands gegen das für die Hülfe in Ungarn ſo undankbare Oeſterreich; ferner das eigne Mißgefühl über die in einen falſchen Kriege offenbar gewordene Ohnmacht des bis dahin für übermächtig gehaltenen nordiſchen Coloſſes, und daß end⸗
von Oeſterreich in Italien hat das Volk, welches Oeſter⸗
reich und der den Volksfreiheiten gramen Ariſtokratie nie recht
traute, treuer und feſter an die Regierung geknüpft und über⸗
dies der letzteren das ernſtliche Beſtreben einer bedeutſamen Armeereduction(man ſchätzt die Erſparniß auf 10 Mill. fl.) erleichtert.
Die Commiſſion der Schleswigſchen Ständeverſamm⸗ lung in der Sprachſache hat einſtimmig darauf angetragen,
daß die deutſche Sprache da, wo ſie in Kirche, Schule und
Gericht herkömmlich ſei, wieder hergeſtellt werde.— Ein großer folgenreicher Schritt zur materiellen Einigung
des Geſammtvaterlandes iſt durch den in der Wiener Con⸗
ferenz erfolgten Abſchluß einer Münzconvention geſchehen,
indem derſelbe den verbundenen Staaten die unſchätzbare
lich dieſer ebenſo eine Weile auf Seite der Revolution zu 5
treten geneigt iſt, als er bisher zu dem Abſolutismus geſtan⸗ den, wenn es— ſein Vortheil erheiſcht.—
Ein engliſches Journal verſichert, England und Frank⸗ reich hätten bereits die nöthigen Weiſungen zur Zurückziehung ihrer Truppen aus Griechenland ertheilt.
Der großartige Verzeihungsact(Amneſtie) des Kaiſers
Wohlthat einer gemeinſamen Grundlage der Münzver⸗ faſſungen, einer weſentlichen Annährung der verſchiedenen Syſteme und endlich der Ausprägung von Vereins⸗Silber⸗ münzen und von gemeinſamen Gold⸗Handelsmünzen gewährt. In der Neuenburger Frage tritt jetzt in den Schweizer Blättern ein Dreifaches hervor: Der eine Theil kündigt die ganze Angelegenheit durch die ſchließlichen Verhandlungen zwiſchen Dr. Kern, dem Schweizer Abgeordneten, und dem Grafen Hatzfeld, dem preußiſchen Geſandten in Paris, be⸗ reits als erledigt an, ſo daß die Conferenz der Großmächte (zur Abänderung der Wiener Congreß⸗Beſtimmungen) nur Act davon zu nehmen habe; der andere Theil erklärt hingegen die Bedingungen Preußens für durchgängig unannehmbar, während der dritte, beſonders aus Anlaß der Berliner Stimmen in der dortigen und der auswärtigen Preſſe, nur überhaupt ſeinen Mißmuth und ſein Mißtrauen über Ver⸗ ſchleppung der Angelegenheit Seitens Preußens zu erkennen gibt. Es wird dieſer dreifachen Auffaſſung gegenüber ge⸗ rathen ſein, die Schweizer und Berliner Zeitungsſtimmen nicht mit den Anſichten der beiderſeitigen Regierungen zu ver⸗ wechſeln und vielmehr daran feſtzuhalten, daß, nachdem ein⸗ mal Preußen den ernſten Willen auf den Verzicht der Sou⸗ veränetät über Neuenburg nach der Freigebung der Gefan⸗ genen ausgeſprochen und Louis Napoleon vertraulich die volle Vermittelung übertragen, ſein König es auch als Sache der eigenen Ehre anſehen werde, keine Bedingungen zu ſtellen, welche die gedachte Zuſicherung wirkungslos machen würden. Die betreffenden Ausſchüſſe der preußiſchen Kammern haben in drei wichtigen Punkten, der Erhöhung der Salz⸗ ſteuer, der Verlegung der ſtändiſchen Sitzungszeit und der Verkürzung der Friſten bei Berathungen über Verfaſſungs⸗ abänderungen, die Regierungspropoſition abgelehnt.
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