Jahrgang 
1857
Seite
61
Einzelbild herunterladen

Ne 16. Beiblatt zum

Geſchwind, mas

Den Bewohnern desHimmliſchen Reiches, den Chineſen, die ſich bekanntlich mit denrothborſtigen Bar⸗ baren, wie die Engländer von ihnen titulirt werden, in eine diplomatiſche Prügelei eingelaſſen haben, beginnt der Zopf zu wackeln. Die engliſche Regierung iſt nämlich feſt entſchloſſen ihn abzukanoniren, um zu zeigen, daß die rothborſtigen Barbaren über Mittel verfügen, von deren Barbarismus ſich die Weisheit der Himmliſchen nichts träumen läßt. Seit dem Feldzug in der Oſtſee ſind die engliſch en Geſchütze bedeutend verbeſſert worden und bringen jetzt eine ungeheure, fabelhafte Wirkung hervor. Da könnte vielleicht für den Zopf der 13. Juni eine Wahrheit werden.O Zopf du mußt ſterben und biſt noch ſo jung!

Der jetzige Kaiſer von Rußland, Alexander II., iſt ein milderer Herrſcher als ſein Vater war. Das weiß Jeder und die Zeitungen haben viel von dieſer Milde ge⸗ redet und beinahe gethan, als ſähe bereits Alles roſig aus im Reußenlande. Aber dem iſt doch nicht ſo, und zumal in Ruſſiſch⸗Polen drückt der Schuh noch tüchtig. Da muß Alles ſtrenge Controlle paſſiren, döſeedlic die Zeitungen. Sogar ökonomiſche Artikel ſolcher Blätter, dergleichen Nachrichten über Feuersbrünſte, Uunglücksfäll, müſſen Behufs ihrer Beſtätigung erſt eine Reihe von Re ferenten, Räthen, Vorſtehern, Commiſſionen ꝛc. entlang wan⸗ dern, ehe ſie der Cenſur und dann erſt dem Druck über⸗ geben werden, ſo daß wenn z. B. die Nachricht von einem abgebrannten Gebäude zum Druck gelangt oft ein neues an der Stelle des alten aufgeführt iſt. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Zeitungsſchreiber keine kritiſchen Bemerkungen machen, ſondern Alles unbedingt fh müſſen. Es darf nichts über die Verwaltung des Theaters, die Wahl der Stücke ꝛc. geſchrieben werden. Es iſt nicht erlaubt zu berichten, daß z. B. die Gaſſen kothig ſind, weil dadurch das Stadtamt angegriffen wird.

nicht ſchreiben: Dieſer Ochs auf der Ausſtellung war zu mager, jenes Pferd hinkte am Vorderfuß, dies iſt eine Uebertretung der Cenſurvorſchriften. Und ſo könnte man noch viele Fälle zu dem Beweiſe aufzählen, daß der neue Herrſcher noch gar viel zu thun hat, ehe freiere, beſſere Zu⸗ ſtände allgemeiner werden im Reiche.

James, der Rattentödter. Gegen den neuen ameri⸗ kaniſchen Präſidenten J. Buchanan iſt bereits eine furcht⸗ bare Verſchwörung im Werke geweſen, aber noch glück⸗

lich entdeckt worden. Die näheren Umſtände dieſes tragiſchen

Ereigniſſes, das auf die Geſchicke der Welt und ſpeciell Amerika's von unberechenbarem Einfluß hätte werden können, ſind wahrheitsgetreu folgende: Der neue Präſident iſt ein abgeſagter Feind aller Ratten und der feinſte Witterer der⸗ ſelben. Wo er die Nähe dieſer ekelhaften Thiere merkt, ruht und raſtet er nicht, bis er der letzten derſelben ihren

Feierabend.

Epidemien

ſchon

Es iſt nicht einmal geſtattet die Thiere zu beleidigen; man darf V

1857.

Motto: Alles für Alle.

giebts Neues?

Standpunkt als Ungeziefer klar gemacht hat. Dieſe in⸗ humane und anti⸗demokratiſche Geſinnungsweiſe Buchanans hatte bereits früher, vor Antritt ſeines Präſidiums, in den echt⸗republikaniſch geſinnten Rattenſtaaten die racheglühendſten Gefühle erweckt. Als nun der Erwählte des 4. Nov., um gleich von vornherein ſeinen Feinden mit einem Haupt⸗ ſtaatsſtreich darzuthun, was ſie von ſeiner Regierung zu erwarten hätten, in dem Hotel National, welches er be⸗ wohnte, und wo ſich eine große Rattencolonie befand, die deſtructive Maßregel des vergifteten Waizens ergriff, und als in Folge deſſen die dergeſtalt hinterliſtig geſchlagenen Feinde ihr Ende nahe fühlten da brach im letzten Moment des entſchwindenden Rattenlebens der langverhaltene tödt⸗ liche Haß gegen den Anti⸗Republikaner in furchtbare Flammen aus. Im lohenden Scheine dieſer Gluthen ſtürzte, wie auf ein gegebenes Wort, die ganze Rattenwelt des Hotel National in ungeheurer Menge in das im oberen Theil des Hauſes befindliche Waſſerreſervoir, um den Arſenikgehalt ihrer Ein⸗ geweide mit dem Waſſerſtoff des Waſſers chemiſch zu ver⸗ binden und ſo ein Getränk herzuſtellen, deſſen Genuß ihrem Todfeinde unfehlbar den Untergang bereiten mußte. Das iſt der Fluch der böſen That, daß ſie fortzeugend Böſes muß gebären! Aber nein, es ſtand anders in den Sternen geſchrieben: der ruchloſe Racheanſchlag gelang nur zum unbedeutenden Theil. Eines Morgens kredenzte James' Kammerdiener ihm eine Schale dieſes hölliſchen Waſſers, glitt aber aus und es blieb nur ein kleiner Reſt im Gefäße, deſſen Genuß dem Präſidenten nur einiges Unbehagen ver⸗ urſachte und nur dazu diente, die That der Ratten ans Licht zu bringen. Seit dieſem Tage trägt der Präſident den ehrenvollen Beinamen: James, der Rattentödter!

Keine Uhrſchlüſſel mehr! heißt das neneſte Schweizerkunſtſtück. Wie ſo? fragt der geneigte Leſer. Nun, die Schweizer ſind brl hinte Uhrkünſtler und haben einen praktiſchen Sinn. Da haben ſie neulich gedacht, es ſei ſehr unbequem, jeden Abend oder Morgen den Uhrſchlüſſel ſuchen zu müſſen, um den runden Taſchenzeitverkündiger wieder zu neuer ihistin anzufeuern. Nicht Jeder, dachten ſie, trägt den Schlüſſel an der Uhrkette, er legt ihn heute hierher, morgen orthin, vergißt iyn zu Hauſe, wenn er eine Reiſe antritt u. ſ. w. So haben die Schweizer gedacht, und weil ſie glaubten, daß es lhrer Ehre als große Uhrkünſtler zu⸗ wider wäre, wenn ſie das lünger ſo mit anſähen, ſo haben ſie ſich flugs hingeſetzt um allen dieſen kleinen Leiden eines Uhrenbeſitzers mit Einemmale abzuhelfen. Das iſt ihnen denn auch gelungen, und ſie haben eine Taſchenuhr erfunden, die man nicht Kffuichen braucht, weil ſie ſich ſelbſt aufzieht. Der alte Jean Paul dachte auch ſchon:Nichts geht über die Bequemlichkeit! Die Schweizer haben; s ihm

nachgedacht. Sofern ſie uns nicht etwa mit dieſer Nachricht von den ſich ſelbſt aufziehenden Uhren aufgezogen haben.