Jahrgang 
1857
Seite
49
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Na. 13.

Beiblatt zum

Politiſche

Aller Augen ſchauen jetzt hinüber jenſeits des deutſchen Meeres, wo in dem, durch ſeine innere Freiheit ſo mäch⸗ tigen England eine Wahlbewegung für das neue Parlament beginnt, wie ſie darin ſtimmen alle Berichte überein ſo lebhaft und ſo tief eingreifend ſeit der Abſchaffung der Korngeſetze nicht geweſen. Es iſt in der That ein erhebendes Schauſpiel, dieſe ächt conſtitutionelle Appellation eines Miniſteriums von den Vertretern des Volkes, an dieſe ſelbſt, und noch erhebender, wie Männer von den höchſten Würden, als Bewerber um die noch höhere Würde eines Volks⸗ vertreters im Parlament in die buntſcheckigen Volksver⸗ ſammlungen treten, beſcheiden ihr politiſches Glaubens⸗ bekenntniß ablegend, und hienach das Urtheil und die Ent⸗

ſcheidung des Volkes erwartend, Alle aber gezwungen oder

getrieben, ſich für den Fortſchritt(nach irgend einer Richtung) zu erklären, und der großen Strömung der Freiheit zu folgen, die ſeit der Reformbill das, durch ſeine volksthümliche Verfaſſung und Regierung die halbe Welt beherrſchende, Eiland ergriffen.

Nachrichten aus London zufolge ſind die Hauptgrund züge der Botſchaft des neuen nordamerikaniſchen Präſi⸗ denten Buchanan: friedliche Politik; Nicht⸗Intervention außer zur Selbſterhaltung; Tarifherabſetzung und Schulden⸗ verminderung; Flottenvermehrung; Herſtellung einer Mili⸗ tärſtraße nach dem ſtillen Meere, Nichtagitation in der Sclavenfrage; Sparſamkeit in der Ländereivertheilung.

Nachdem der ſchon 1847 gefaßte ſchlaue Plan Däne⸗

marks, durch den Reiz einer liberalen Geſammtverfaſſung die deutſchen Herzogthümer zum Verzicht auf ihre nationale Selbſtſtändigkeit zu bewegen, geſcheitert, dieſe vielmehr nach ihrer ſiegreichen Erhebung in den zwei folgenden Jahren, nur durch die beiden deutſchen Großmächte wieder zur Unter⸗ werfung unter die däniſche Macht gebracht wurden, jedoch gegen das ausdrückliche königliche Verſprechen, die Aenderung der Verfaſſung Holſteins nur auf verfaſſungsmäßigem Wege einzuführen, und niemals die aus dem Verhältniß Holſteins zu dem deutſchen Bunde für dieſen entſpringenden Rechte außer Acht zu laſſen, ward dieſes Verſprechen ſelbſt wieder gebrochen, und die Geſammtverfaſſung proclamirt. Als dagegen nun endlich die beiden deutſchen Großmächte

Beſchwerde erhoben, erwiderte Dänemark, daß der deutſche,

Bund in der Geſammtverfaſſungsfrage nicht com petent ſei, o. h. mit anderen Worten: man überſchritt keck die durch die Verpflichtungen gegen den Bund gezogene Grenze, und erklärte dann, daß ein Urtheil des Bundes hierüber die Grenze ſeines Rechts überſchreite. Das wollen denn doch die beiden deutſ chen Großmächte ſich nicht gefallen laſſen,

Feierabend.

Motto: Alles für Alle.

1857.

Rundſchan.

und hoffentlich werden ſie dieſes ſonnenklare Recht Deutſch⸗ lands, gegen etwaige aͤndere Anſchauungen in Paris, London und Petersburg zu vertreten wiſſen.

Seinen ſchönſtenKronjuwel hat nun aber doch Däne⸗ mark verloren. Es iſt dieſes der Zoll, welchen es nun ſchon ſeit Jahrhunderten von allen Schiffen erhob, welche den Sund(die Meerenge zwiſchen der däniſchen Inſel Seeland und der ſchwediſchen Landſchaft Schonen, und die gewöhnliche Durchfahrt aus der Nordſee in die Oſtſee) paſſirten, und welche Einnahme ihm jährlich an drei Millionen Thlr. ein⸗ brachte. Er iſt nun gegen eine Ablöſungsſumme von 30 Millionen Thlr. aufgehoben. Und dieſe Errungenſchaft hat Europa der neuen Welt zu verdanken, da bekanntlich Nord⸗ amerika es war, welches im Jahre 1854 mit der Erklärung voranging, ſich jenem Zoll nicht ferner unterwerfen zu wollen.

Frankreich hat jetzt auch ſeine politiſchen Faſten⸗ predigten, Pater Ventura hält nämlich ſolche in den Tuilerien, in welchen er unter Anderem den Kaiſer der Franzoſen ſelbſt folgendermaßen anredete:Es giebt Jour⸗ nale, die man öffentlich autoriſirt, die Dogmen, die Myſterien und die Diener der katholiſchen Kirche anzugreifen, und lächerlich zu machen. Ich fürchte mich nicht, es auszu⸗ ſprechen, daß eine ſolche Politik, Sire! dazu angethan iſt, das mächtigſte und ſtärkſte Reich zu ſtürzen.

Deutſchland ſoll nun doch wieder ein Stück Einheit, und zwar auf dem Gebiete des Rechts, erhalten. Es hat nämlich die Bundesverſammlung die in Nürnberg ver⸗ ſammelte Conferenz beauftragt, Vorſchläge für eine allge⸗ meine deutſche Geſetzgebung über den Gerichtsſtand, und über die Vollziehbarkeit rechtskräftiger Urtheile auszuarbeiten.

Wichtiger, weil unmittelbar die Volkswohlfahrt be⸗ rührend, iſt die jetzt in Berlin tagende Conferenz, welche ſich mit den Vorſchlägen Oeſterreichs zur Annäherung und theilweiſen Gleichſtellung ſeines Tarifs mit dem des Zoll⸗ vereins beſchäftigt..

Die politiſche Verketzerung der Bewegungsjahre, von Seiten eines Geiſtlichen in der hannöverſchen Kammer, rief heftige Gegenreden hervor.Es ſei, bemerkte man dem geiſtlichen Herrn, bekannt, daß kleine Nachfolger eines großen Apoſtels nicht ermüdeten, deſſen Wort vom Gehorſam wider die Obrigkeit auf ganz andere Staatszuſtände und Ent⸗ wickelungsſtufen buchſtäblich in Anwendung zu bringen.

Land und König müſſe man aber gegen die Darſtellung ver⸗ wahren, welche ihre beiderſeitige Haltung im Jahre 1848 4 hier ſo eben gefunden. 3