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9. 21.
Beiblatt zum„Feierabend.“
1857.
Motto: Alles für Alle.
Geſchwind, was giebts Ueues?
Großfürſt Conſtantin, Bruder des ruſſiſchen Kaiſers, bereiſ't gegenwärtig das„ſchöne Frankreich,“ und daſſelbe Volk, welches vor Kurzem noch jedem Ruſſen ein„Kreuziget ihn“ nachrief, ſtreut heute Palmen und ruft mit tauſend Mäulern:„Hoſiannah, dem Sohne Nicolaus!“
„Es iſt eine alte Geſchichte Doch bleibt ſie ewig neu“—
daß die große urtheilsbaare und charakterloſe Menge ſich gleich bleibt in allen Wandelungen der Weltgeſchichte. Wem die ſchönen Worte von Rettung der Civiliſation noch in den Ohren dröhnen, wer den Leichengeruch aus den entſetzlichen Blutbädern der Krimm nicht los werden kann, dem klingen dieſe Berichte aus Paris, dieſe Nachrichten von Banketten und Feſtconcerten auf dem Stadthauſe, von brüderlichen Freundſchaftsſchmäuſen beim Geſandten, wo die weiland „grimmen Hagen“ der Krimm ſich betoaſten und Schmollis trinken, während die Tauſende, die um nichts als um den „Ruhm“ der Heerführer dahingeopfert wurden, im Grabe modern, und während die übrigen Tauſende die Koſten der ehemaligen Metzeleien und der heutigen Schmauſereien zahlen— dem klingen alle dieſe prächtigen Dinge wie ein furchtbarer ſchneidender Hohn auf den großartigen Humbug des Menſchenlebens. Der Großfürſt küßte die Hand der Kaiſerin— und die Kaiſerin lächelte. Wer aber zuletzt lacht, das wird dieſer Handküſſer, das wird der Großadmiral und Chef des ruſſiſchen Marineminiſteriums ſein, dem man jetzt mit franzöſiſcher Höflichkeit verſchiedene praktiſche Kriegskunſt griffe der Civiliſation beibringt, womit er eines ſchönes Tages ſeine Lehrmeiſter knebeln wird. Trau, ſchau, wem!
In der engliſchen Thronrede, mit der das am 30. April zuſammen getretene Parlament eröffnet wurde, vermißten die Hörer und Seher mit Befremden die Erwäh⸗ nung eines wichtigen Punktes. Dieſer Punkt iſt die Allianz mit Frankreich, welche letztere in der Thronrede nur durch ihre totale Abweſenheit glänzte. Warum iſt man ſo ſtumm, als wären die Ereigniſſe der letzten Jahre aus dem Gedächt niſſe der Königin und ihrer Miniſter weggewiſcht? So fragen die Engländer, eſſen unruhig ihr Beefſteak und ſchütteln be denklich den Kopf; die höflichen Franzoſen aber ſagen:„Es
muß eine reine Vergeßlichkeit geweſen ſein; Lord Palmerſton hat
viele Sachen im Kopfe und der Mann wird mit der Zeit ſehr alt!“ Freilich ja, und wenn er mit der Zeit überhaupt nicht alt und müd geworden wäre, mit dieſer Zeit müßte er es werden.
Die däniſche Geſammtſtaatsverfaſſung, bemüht die deutſchen Herzogthümer, dieſen Raub der däniſchen Klauen, regelrecht auf den Hund zu bringen, hat ſie wenigſtens vor läufig auf den— Stahl gebracht, und da muß es wahrlich ſchon traurig genug mit ihnen ſtehen. Dr. Stahl, dieſer
Ausbund reaktionärer und conſervativer Gemüthlichkeit, hat im preußiſchen Herrenhauſe einen Harniſch angelegt und eine gar mächtige Bombe wider die däniſchen Miniſter entſandt, welche ſyſtematiſch darauf hinarbeiten die Herzogthümer in den däniſchen Geſammtſtaat einzuſchlachten. In der Rede Stahls kommen Stellen vor, die um ſo frappanter wirken, als ſie aus dieſem Munde wol Niemand erwartet hätte. Sie lauten:„Die holſteiniſche Sache iſt eine Sache deutſchen Nationalgefühls und deutſcher Natio nalehre. Die nationale Forderung ſelbſt iſt wahr lich nicht Revolution. Die Nationalitäten ſind ebenſowol als die Königthümer von Gott gegrün det, und nicht von Menſchen gemacht, ſind legi tim, ſind hiſtoriſchen Rechts. Trotz aller Irr wege iſt und bleibt es ein wahres und heiliges Ziel um ein einheitliches und mächtiges Deutſch⸗ land. Die Sehnſucht nach ihm wird ſich die deutſche Nation nicht aus dem Herzen reißen laſſen und ſoll es auch nicht.“ Hätte die europäiſche Politik, die im Jahre 1848 die Erhebung der Herzogthümer für einen Aufſtand gegen den legitimen Herrn erklärte, da mals eine ſolche Sprache geführt, ſo würde der große Staats philoſoph von Berlin heute, wo es längſt zu ſpät iſt, nicht nöthig gehabt haben, ſich unnütz zu echauffiren!
Der 13. Juni hat ſchon wieder ein Opfer gefordert. Am 7. Mai Nachmittags hatte ſich in der Avonue de l'Ob- servatoire in Paris eine ungeheure Menſchenmenge verſam⸗ melt. Eine äußerſt elegant gekleidete Dame war dort auf eine Bank geſtiegen und richtete, indem ſie ſich wie eine Sehe rin geberdete, folgende prophetiſche Worte an die erſtaunte Menge:„O! ihr entarteten Männer, die Ihr den Weg des Heils verlaſſen habt, um dem Pfade der Verdammniß zu folgen; und ihr leichtfertigen Frauen, die Ihr der Thorheit dieſer Welt fröhnt, hört die Stimme Gottes, welche durch meinen Mund zu Euch ſpricht. Noch einige Tage und die Welt wird in die Zuckungen der Agonie verfallen; ſchon verhüllt die Sonne ihr Angeſicht mit einem Schleier der Trauer und der Mond verlor ſeine ſanften Farben. Die Sterne werden vom Himmel fallen und ſchon öffnet ſich die Erde unter Euren Füßen. Hören Sie die unterirdiſchen Donner und benutzen Sie meine Ermahnungen, denn die Tage ſind nahe, wo es zu ſpät ſein wird!“ So fuhr ſie fort, als ein Livreebedienter zu ihr trat und ihr einige Worte ins Ohr flüſterte. Da verließ ſie die Bank, ſtreckte die Arme zum Segen aus, betrachtete die Menge mit traurigem Blick und entfernte ſich. Man erfuhr, daß dieſe auffallend ſchöne und blaſſe Frau durch die Vorherſagungen vom Unter⸗ gang der Welt den Verſtand verloren habe.


