Ne 19. Beiblatt zum
Geſchwind, was
Der Herzog von Argyll, Generalpoſtmeiſter von Großbritannien und Irland, klopfte dieſer Tage eines ſchönen Morgens an die Thür der Königin von England, trat vor die Wiege der kleinen, eben angekommenen Prinzeſſin und legte einen ſchweren Sack Geld, 1,200,000 Pfd. Ster⸗ ling enthaltend, auf den Rand derſelben.„Kleine Majeſtät,“ ſagke der Herr Poſtmeiſter mit behäbigem Schmunzeln, „nehmen Hochdieſelben ein kleines Angebinde zur Feier von Dero Eintritt in die Welt des make-money. Es iſt blos der Nettogewinn meines blühenden Penny⸗Poſtgeſchäfts im Jahre 1856, welches gegründet iſt auf die ewigen Principien der Spottwohlfeilheit und des Sprüchworts„die Menge muß es bringen.“ Do J not make a very good busi- ness, my dear lady? Uebrigens nicht der Rede werth, wenn Ew. niedliche Majeſtät es gnädigſt für Dero zukünftige Schatulle anzunehmen geruhen.“ Aber die kleine Prinzeß ſchüttelte gar ungnädig das Häuptchen und wollte nichts da von wiſſen. Da erhob ſich die Königin von ihrem Ruhebett und ſprach:„Mein lieber Sir Poſtgeneral! meine Kinder wiſſen, daß England nach dem Grundſatze verfährt, das Poſtdepartementnicht als eine Einnahmequelle für den Staat zu betrachten, ſondern zufrieden da mit iſt, wenn daſſelbe im Stande iſt, die Koſten des Dienſtes ohne fremde Beihülfe zu beſtreiten. Die Zahl der im Jahre 1856 beförderten Briefe beträgt laut Bericht 478 Millionen, alſo 22 Millionen oder 4 ¾ Proc. mehr als im Jahre 1855. Wenn wir bedenken, daß im Jahre 1839 nur 76 Millionen Briefe befördert wurden, und daß ſich ſeit Einführung des ſpottwohlfeilen Penny⸗Portos die Zahl der mit der Poſt verſandten Briefe mindeſtens ver ſechsfacht hat, ſo erhalten wir einen Maßſtab für die Wohl thaten, welche dieſe Maßregel dem Publicum verſchafft hat. Sorgen wir alſo, dieſe Wohlthaten auf die Dauer zu erhal⸗ ten und zu erhöhen. Lieber Sir! verwenden Sie Ihren „nicht der Rede werthen“ Ueberſchuß auf die Unterhaltung der großen Paquetlinien, welche England mit Nordamerika, Weſtindien, Braſilien, Oſtindien, China und Auſtralien ver binden! Und damit ſei Ihr Bittgeſuch im Namen der Prin zeſſin rund abgeſchlagen!“ Der verdutzte und ergrimmte Poſt general ſchob unter dem Gelächter der Hofſchranzen ſeines Weges, ſchlug die Thüre zu, daß es dröhnte und brummte, die Fauſt in der Taſche, leiſe in den Bart:„God save the queen!“
Ein unterſetzter und routinirter Thronfolger wird ge⸗ ſucht. Das Nähere erfährt man bei den Herren Max und Napoleon in München und Paris und bei der Expedition der Staatszeitung in Athen. Anmeldungen werden baldigſt er beten.„Man ſagt“ zufolge ſoll ſich bereits ein gewiſſer Herr Murat gemeldet haben und nicht abgeneigt ſein, den ſchwie⸗
„Feierabend.“
1857.
Motto: Alles für Alle.
giebts Neues?
rigen Poſten gegen ein angemeſſenes Honorar zu übernehmen. Wer alſo noch mit concurriren will, der ſpute ſich.
Elihu Burrit, der Friedensapoſtel, berechnet in der Allg. Ztg. die Koſten der Kriegsführung. Die öffent⸗ lichen Schulden aller Staaten der Chriſtenheit in Europa und Amerika betragen in runder Summe 8860 Millionen Dollars. Davon kommen 8000 Millionen auf Rechnung geführter Kriege. Dieſen Schulden, für welche die kommen den Geſchlechter zu büßen haben, hat der letzte mörderiſche Krieg mit Rußland noch 1000 Millionen hinzugefügt. Die Zinſen von dieſer Kriegsſchuldenmaſſe zu 5 Prozent gerechnet, müſſen jährlich mit 450 Millionen Dollars bezahlt und von dem Gewerbfleiß und dem Verdienſt des Volkes genommen werden. Dazu kommen aber noch die Koſten für die voraus⸗ ſichtlichen oder möglichen Kriege d. h. die Koſten der ſtehenden Heere. Dafür wird jährlich ebenſoviel verausgabt. Alſo haben die Völker jährlich 900 Millionen Dollars für ge führte oder noch zu führende Kriege zu bezahlen.— Der Leſer wird denken: das iſt nichts Neues und es verſteht ſich von ſelbſt, daß das Kriegführen viel Geld koſtet. Aber lieber Freund, der du ſo ſprichſt, bedenke wohl und vergiß nicht, daß derjenige der Weiſeſte iſt, welcher zur rechten Zeit immer das ſagt, was ſich von ſelbſt verſteht!
Charpentier, der große Actiendieb der franzöſiſchen Nordbahngeſellſchaft, bisher wohlverwahrt im New⸗Yorker Staatsgefängniß, iſt plötzlich über Nacht verſchwunden. Wie es zugegangen iſt, weiß Niemand. In ſeinem leeren Ge⸗ fängniß niſten die Dohlen und ſeine ehemaligen Wärter gehen müßig umher, rauchen ihre Pfeife und leſen den Feierabend.
Was iſt eine Zeitungsente? Das weiß der Polizei⸗ director Stieber in Berlin. Von dem ſtand im ſchwäbiſchen Merkur, er habe im Theater einen angeſehenen Bürger ge⸗ ohrfeigt, darauf hätten ſich alle Polizeibeamten geweigert ferner mit ihm zu dienen und er ſei vom Amte ſuspendirt worden. Jetzt erklärt der Betreffende in öffentlichen Blättern, daß der Artikel von Anfang bis zu Ende erlogen ſei.
Ein großes Truppenmanöver ſoll Ende Auguſt d. J. auf den weiten Ebenen zwiſchen Halle und Merſeburg ſtattfinden, an dem wahrſcheinlich drei vollſtändige preußiſche Armeecorps theilnehmen werden. Man glaubt, daß die Con tingente der nahen ſächſiſchen, anhaltiſchen und ſchwarzbur giſchen Staaten, wie auch mecklenburgiſche und braunſchwei giſche Pionniere ebenfalls zu demſelben herangezogen würden. Ein Gerücht behauptet ſogar, daß der Kaiſer Napoleon aus Paris und der Kaiſer Alexander aus St. Petersburg dieſen Manövern beiwohnen und ſich bei dieſer Gelegenheit perſönlich begrüßen werden.


