Wegerich. Von O. Glaubrecht. 15. „Du giebſt ihnen ihre Speiſe zu ſeiner Zeit.“ Eine wahre Geſchichte.
Wie der liebe Gott Manchem den Tiſch deckt, das ge⸗ hört zu den Wundern, die wir täglich erleben, und doch nicht begreifen, obgleich wir's an den Vögeln unter dem Himmel lernen könnten. Emilie, die Tochter eines Landpfarrers, ward einſt von ihrem Vater nach der zwei Stunden ent⸗ fernten Stadt geſchickt, um ein dringendes Geſchäft zu be⸗ ſorgen, und beim Abſchiede hatte der Vater dem Kinde einen halben Gulden in die Taſche gegeben, mit dem Bemerken, erſt das Geſchäft zu beſorgen, und dann in einem näher be⸗ zeichneten Gaſthauſe ein Mittagsbrod zu eſſen; denn Ver⸗ wandte oder Bekannte, die das Kind hätten zu Tiſche laden können, hatte die Familie in der Stadt nicht. Wie Emilie aus dem Walde, der ihr Vaterdorf von der Landſtraße trennte, heraus trat, ſo ſieht ſie in voller Eile eine Chaiſe daher fahren, und hört aus dem aufwirbelnden Staub einen lauten Schrei. Sie beeilt ihre Schritte und ſieht einen Mann, der weinend neben ſeinem umgeſtürzten Schieb⸗ karren ſteht und laut klagt, daß ihm der unvorſichtige Kutſcher ſeinen Karren mit Eiern umgeworfen habe.„Er habe,“ ſo jammerte der Mann,„dieſe Eier mit geborgtem Gelde zu⸗ ſammengekauft, um von dem Erlöſe in der Stadt Brod für ſeine arme Familie mit heimzubringen und nun liege ſeine Hoffnung da und kein Gott könne ihm die Eier wieder ganz machen.“— Das Kind tröſtete den Mann, ſo gut es konnte, aber der ſtand händeringend neben den zerbrochenen Eiern und wollte ſich nicht tröſten laſſen. Da griff Emilie in ihr Arbeitskörbchen und gab ihm den halben Gulden, dafür Brod zu kaufen, Gott und gute Leute würden wohl weiter helfen. Der Kärrner nahm unter heißem Dank das Geld⸗ ſtück, und Emilie ging, froh im Herzen, ein gutes Werk ge⸗ than zu haben, weiter. Die Stadt war bald erreicht, aber das Geſchäft ſo bald nicht ausgeführt. Der Kaufmann, dem ihr Auftrag galt, war abweſend, und wurde erſt in zwei Stunden wieder zu Hauſe erwartet. Sie ging darum in der Straße auf und ab, beſah ſich die Kaufläden, und be⸗ merkte erſt, als die Sommerhitze größer und die Straßen leer wurden, daß es Mittag ſein müßte. Der Hunger meldete ſich allmälig, und ſie griff unwillkührlich in die Taſche, nach dem Gelde zu ſuchen; das aber hatte ſie dem armen Kärrner gegeben und an ſich nicht gedacht.
Müde und hungrig ging das Mädchen durch das Thor, um in dem Schatten der Lindenallee ſich auszuruhen; da fiel ihr Blick auf das offene Thor des Friedhofs und ſie trat hinein. Die Trauerweiden und blühenden Sträucher, die liebende Hände auf die Gräber gepflanzt hatten, warfen einen einladenden Schatten auf die Hügel, und unter eine ſolche Trauerweide, an dem Fuße eines ſchönen Denkſteins ſetzte ſie ſich nieder. Sie las die Inſchrift; es war die Ruhe⸗ ſtätte eines jungen Mädchens, und mit inniger Theilnahme ſchaute ſie auf die ſchöne Geſtalt, die der Künſtler in halb erhabener Arbeit auf dem Steine angebracht hatte, wie ſie ſinnend mit herabhängenden Locken auf eine verwelkte Blume zu ihren Füßen ſchaut, während über ihr ein Schmetterling
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emporflattert. Das Kind verſtand die Deutung des Bildes in der tiefſten Seele, und wie es ſich nach ſeiner Taſche
niederbückt, um die herabfallenden Thränen mit dem Taſchen⸗
tuche zu trocknen, da glänzt ihr etwas helles aus dem Graſe entgegen und es hebt zu ſeinem Erſtaunen ein werthvolles Goldſtück auf.
„Behalten und Speiſe kaufen?“ O nein, dieſer Ge⸗ danke war nicht der erſte.„Wiedergeben dem Eigenthümer“, das war der erſte. Emilie ſieht ſich auf dem Friedhofe um; da bemerkt ſie auf einem entfernten Grabe einen Fremden, der gleich ihr die Inſchrift an den Gräbern ſtudirt, gewiß mit ähnlichen Gefühlen wie ſie, denn die Gräber halten der Jugend wie dem Alter dieſelbe Predigt. Sie geht auf den Fremden zu, reicht ihm das Goldſtück und fragt ihn, ob er es verloren habe. Der Mann ſieht theilnehmend ins freund⸗ liche Auge des Kindes und ſagt dann:„Ja, meine Tochter, ich habe das Goldſtück wirklich verloren, wahrſcheinlich als ich mir das ſchöne Denkmal dort in meine Schreibtafel zeich⸗ nete; aber behalte es immerhin, ich kanns entbehren und wünſchte gern Deine Ehrlichkeit zu belohnen.“—„Aber ich bin nicht gewohnt, aus fremden Händen Gaben zu nehmen,“ ſagte beſcheiden das Mädchen,„nehmen Sie das Geld, ich kann's nicht behalten.“ Der Fremde aber wurde mit der Gabe immer dringender und endlich ſagte Emilie:„Nun ſo geben Sie mir etliche Groſchen, denn ich habe Hunger und weiß nicht, woher ich Geld nehmen ſoll.“— Mit Erſtaunen ſah der Fremde das gutgekleidete Kind an, ſchüttelte den Kopf und ſagte dann, indem er das Du plötzlich in Sie verwandelte:„Alſo fremd ſind Sie hier und haben Hunger? haben Sie die Güte mich zu dem nahen Gaſthofe zu be⸗ gleiten, ich bin Vater von mehreren Kindern, älter als Sie ſind, Sie können mir getroſt folgen.“ Emilie beſann ſich einen Augenblick und dann folgte ſie dem Fremden.
Als ſie ihrem freundlichen Wirthe gegenüber ſaß, und der dem Kinde von ſeinen Kindern erzählte und nach Hei⸗ math und Vater und Mutter fragte und Emilie geſprächiger ward, da forſchte er vorſichtig nach ihrer heutigen Anweſen⸗ heit auf dem Friedhofe und als er die einfache Wahrheit er⸗ fahren, da nahm er eine goldene Nadel von der Bruſt und ſagte:„Emilie, von dem Fremden nimmt man nicht gern Gaben, aber von dem Fremden verſchmäht man ein An⸗ denken nicht. Nimm das und hab' Dank für die ſchöne Lebensſtunde, die Du mir heute bereitet haſt. Gott laß es Dir wohlergehen auf Deinem Lebenswege.“
Emilie hat den Namen des Fremden nie erfahren, aber die Nadel hat ſie noch, und denkt gerne an den Hunger, den ſie damals gehabt, und an den Tiſch, den ihr Gott ſo unver⸗ muthet gedeckt hat.
Herzröschen. Märchen von Dr. H. Pröhle.
Herzröschen iſt einmal in den Wald gegangen, um Beeren zu pflücken. Da geht es denn immer, zu bis es tief in den Wald kommt, wo es ſich nicht wieder heraus finden kann. Als es nun ſo unter einem Baume ſitzt und weint, kömmt ein Vöglein geflogen, ſetzt ſich über ihm auf einen Zweig und ſingt:


