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Zi zi wei i da!
Weiß ein ſchöner' Land, Iſt dir nicht bekannt. W
Willſt du mit mir ziehn?
Will dich führen hin.
Gräm dich nicht zu ſehr,
Sollſt nicht weinen mehr.
Nimm den Ring zu Dir,
Komm und folge mir:
Dort da iſt es ſchön,
Wirſt du ſehn Und indem das Vöglein dies ſingt, läßt es einen Ring auf Herzröschens Schooß fallen. Den ſteckt Herzröschen an einen Finger und wie es dies gethan, da wird es ein Vög lein, wie das, welches vor ihm ſitzt. Nun fliegen die Beiden fort, weit über die Wälder und Felder und Fluren und Berge und über große Seen und mächtige Flüſſe, bis ſie an einen hohen Berg kommen. Da kann Herzröschen vor Er mattung nicht weiter fliegen; ſeine Fittige ſind lahm und ſein Köpfchen ſinkt traurig auf ſeine kleine Bruſt. Das andere Vöglein ſucht nach Waſſer, aber es kann nichts finden. Da umfaßt es Herzröschen mit ſeinen Füßchen, hält mit dem Schnabel ſeinen Kopf, und ſo fliegt es fort. In der Nacht kommen ſie wieder auf einen Berg, auf welchem ein ſchönes Schloß ſteht. Das Vöglein fliegt gerade darauf zu, an ein Fenſter und ſingt:
Zi zi wei i da!
Macht mir auf die Thür,
Hab'’ mein Schätzchen hier
Macht ein Bett zurecht,
Saget auch dem Knecht,
Daß er Waſſer ſchafft,
Denn Herzröschens Kraft
Iſt gebrochen bald.
Macht! Die Nacht iſt kalt,
Und ſchließt auf die Thür!
Iſt denn Niemand hier?
Eben als es dies ausgeſungen, ſpringt auf einmal die Thür auf, eine ganze Menge kleiner und größerer Vögel fliegen heraus, zwitſchern, ſchreien und lärmen und führen, einen Lobgeſang anſtimmend, das Vögelein ſammt Herz röschen ins Schloß. Nacht iſt es draußen geweſen, aber im Schloſſe iſts wie am hellen Tage, da ſtrahlt und blitzert Alles. Herzröschen bekümmert ſich aber nicht um die Schön heit im Schloſſe, ſein Köpfchen hängt traurig hernieder; es iſt todtkrank. Das Vöglein legt es darauf in das von Dunen gemachte Bett, ſetzt ihm, nachdem der Knecht, ein niedlicher Kolkrabe, aus dem Schloßbrunnen mit einem Eimerchen von reinem Demant Waſſer geſchöpft und gebracht hat, daſſelbe vor und geht dann ſammt dem Kolkraben aus dem Zimmier. Nachdem Herzröschen ein wenig von dem ihm vorgeſetzten Waſſer genippt hat, ſpürt es, daß ſich ſeine Kräfte wieder ſammeln, ſein hängendes Köpfchen erhebt ſich wieder und nun erſt kann es auch die Schoͤnheiten im Zimmer beſehen. Da ſind goldene und ſilberne Tiſche und Stühle, und Leuchter von Diamant geweſen. Doch ſo ganz gefällt es ihm nicht in dem Zimmer und am wenigſten im Bette; es fliegt heraus an das Fenſter, aber es ſieht noch nichts von der Gegend, denn draußen iſt es noch Nacht. Traurig legt es ſich wieder hin. Als aber am Morgen die Sonne aufgeht, da denkt Herzröschen, es ſei im Himmel; da ſieht es die herrliche Gegend. Blumengärten, ſo prächtig, wie die eines Königs; grünende und mit Blumen überſäete Wieſen, von hohen und ſchlanken Laubbäumen begrenzt; dahinter, und in die weiteſte Ferne ausgedehnt, Berge, auf deren Gipfel ſtolz und kühn mächtige Schlöſſer erbaut ſind. So etwas Schönes hat es
in ſeinem frühern, einſamen Thale nicht geſehen. Nun iſt es aber ein Vogel geweſen, und da hat es ſich gekrämt, daß es nicht als Menſch könne in dieſer ſchönen Gegend ſpazieren gehen oder ſich Beeren pflücken, die es gar gern gegeſſen hat. Indem es nun ſo an dem Fenſter ſitzt und die Gegend beſieht, kommt auf einmal ein Vogel an das Fenſter geflogen und ſingt:
Hitzebo, hitzebo!
Biſt du nicht herzlich froh,
Herzröschen? Vögelein!
Willſt wieder Menſch gern ſein?
Warte ein Weilchen hier,
Dann bring ich Nachricht dir,
Wannss ſoll geſchehn.
Darauf fliegt er fort, in wenigen Augenblicken iſt er aber wieder da und ſingt:
Hitzebo, hitzebo! Herzröschen, ſei nun froh! Heut übers nächſte Jahr Stehſt du vor'm Traualtar Doch noch als Vögelein, Herzröschen, wirſt du ſein Unſ're Erlöſerin.
Willigſt du ein?
Herzröschen frägt darauf den Vogel:
Sag mir mein Vögelein: Wer wird mein Schätzelein, Das ich ſoll frein? —+‿. Da erwidert er: Der dich hierhergebracht Spät noch in dieſer Nacht; Der dir das Ringlein gab, Das dich zum Vögelein Hat erſt gemacht.
Nachdem er das geſungen, fliegt er fort. Gleich darauf kömmt der Vogel, welcher Herzröschen geholt hat, vor das Fenſter und ſingt:
Zi zi zi wei i da! Herzröschen! ich bin da. Komm, wollen ſpazieren gehn, Wollen uns das Land beſehn Kannſt du denn nicht heraus? Fenſterlein, thu dich auf! Nicht ſoll Herzröschen fein Bleiben zu Haus!
In dem Augenblick ſpringt das Fenſter auf, das Vög lein giebt Herzröschen einen Kuß und beide fliegen fort. Während ſie weg ſind, macht der Knecht, der Kolkrabe, Ord nung im Zimmer, bettet, wäſcht das goldne Geſchirr auf und kocht das Mittagseſſen. Mittags kommen Herzröschen und ſein Schätzchen wieder nach Hauſe. Da hat der Rabe ſchon die Tafel gedeckt, Stühle geſetzt, und als er ruft: Rab! rab! kommen alle im Schloſſe ſich befindende Vögel zur Tafel. Herzröschens Schatz iſt der Obere geweſen, und neben ihm hat ſich Herzröschen ſetzen müſſen. Nachdem nun alle Vögel fertig gegeſſen haben, fliegen ſie wieder fort, nur Herzröschen und ſein Schatz bleiben da. Dieſer hat ihm etwas vorgeſungen, allerlei Lieder; auch hat er ein In ſtrument gehabt, wenn er darauf geblaſen, ſo hat alles im Zimmer an zu tanzen gefangen, Tiſche Stühle, ſelbſt die Leuchter an der Decke. Als die andern Vögel wieder ge kommen ſind, fliegen Herzröschen und ſein Schatz fort. So iſt es nun Tag aus, Tag ein gegangen.(Schluß folgt.)
Aufloſung des Anagramms in Nr. 18.
Name— Amen.


