Jahrgang 
1857
Seite
9
Einzelbild herunterladen

Na 3.

Beiblatt zumFeierabend.

1857.

Motto: Alles für Alle.

Politiſche Rundſchau.

Die Kriegsgefahr wird ſo ziemlich allgemein als beſeitigt betrachtet, obwohl man unter dem Einfluß der ver⸗ ſchiedenen, nicht immer ſehr glaubwürdigen Zeitungsberichte ſchwer entſcheiden kann, ob ſich dieſe ſehr ausgeſprochene Friedenszuverſicht auf etwas anderes gründet als auf Wünſche. Preußen hat zwar den Befehl zur Mobilmachung, der am 2. Januar hätte erfolgen ſollen, bis zum 15. verſchoben; aber wenn man hierin ein friedliches Anzeichen finden kann, ſo wird durch den übrigen Theil der preußiſchen Circular⸗ depeſche, insbeſondere durch die Stelle, in welcher eine Ab⸗ änderung der ſchweizeriſchen Verfaſſung als Folge eines ſiegreichen preußiſchen Feldzugs in Ausſicht genommen iſt, ein ſehr weitreichender Plan Preußens in Bezug auf die künftigen Verhältniſſe der Eidgenoſſenſchaft enthüllt. Zwar behaupten ſonſt gut unterrichtete Blätter, daß der König von Preußen gegenüber einer oder mehren Großmäch⸗ ten die förmliche Zuſage gemacht habe, ſogleich nach Frei⸗ gebung der Gefangenen auf ſein Recht auf Neuenburg und auf alle Anſprüche an dieſes Land zu verzichten. Allein abgeſehen davon, daß preußiſche Blätter dies in Abrede ſtellen, läßt ſich auch nicht begreifen, wie die friedliche Aus⸗ gleichung nicht längſt definitiv erfolgt ſein ſollte, wenn jene Zuſage wirklich gegeben worden wäre. Um den Preis einer völligen Verzichtleiſtung des Königs von Preußen auf ſeine Rechte werden die Schweizer gewiß ſich beeilen die unglück⸗ lichen Gefangenen loszugeben und ihnen ſelbſt die Proceß⸗ koſten zu erlaſſen. Aber ſoweit ſcheint die Sache noch nicht gediehen, obwohl die Nachrichten über die jüngſte Inan⸗ ſpruchnahme der Vermittelung des Kaiſers der Franzoſen dem Frieden günſtig lauten, obwohl es wahrſcheinlich iſt, daß man nicht wegen des kleinen Neuenburg in demſelben Augenblick einen europäiſchen Krieg beginnen werde, in welchem der Friede vom 30. Mai vorigen Jahres durch einen Beſchluß der Nachconferenz definitiv geſichert zu ſein ſcheint.

Dieſe Nachconferenz, die noch in den letzten Tagen des abgelaufenen Jahres in Paris zuſammentrat, hat näm⸗ lich am 4. Januar ein Protokoll unterzeichnet, welches alle Schwierigkeiten, die ſich über die Ausführung des Friedens⸗ vertrages erhoben, zu beſeitigen ſcheint. Durch den ein⸗ ſtimmig gefaßten Beſchluß dieſer Conferenz kommen die Schlangeninſeln, auf die Rußland nach dem Frieden An⸗ ſprüche erhoben, als zu den Donaumündungen gehörig, an die Türkei, während das berühmt gewordene Bolgrad am Yalpukſee, der mit der Donau in Verbindung ſteht, der Moldau einverleibt wird. Soweit mußte ſich alſo Rußland den beſtimmten Forderungen England's und Oeſterreichs

fügen. Dagegen bekommt Rußland in Beſſarabien einen Strich Landes zurück im Umfang von etwa 7 deutſchen Quadratmeilen mit einer Bevölkerung von beiläufig 6500 Seelen, nicht als Entſchädigung für Bolgrad, ſondern für den aufgegebenen Anſpruch an die Schlangeninſeln. Die Grenze muß bis zum 30. März definitiv regulirt, und das betreffende Gebiet abgetreten ſein, und gleichzeitig haben dann die britiſchen Kriegsſchiffe das ſchwarze Meer und die öſter⸗ reich'ſchen Occupationstruppen die Donaufürſtenthümer zu räumen. Man hüte ſich aber ja, damit die orientaliſche Frage für gelöſt zu halten. Es iſt vielmehr ſehr wahrſcheinlich, daß über die Organiſation der Donaufürſtenthümer, die durch den Frieden unter das gemeinſame Protektorat der euro⸗ päiſchen Mächte geſtellt ſind, bedeutende Meinungsver⸗ ſchiedenheiten und Schwierigkeiten ſich erhalten werden, da eine Partei in jenen Fürſtenthümern die Vereinigung derſelben zu einem Reiche will und dabei auf Rußlands, insbeſondere aber auf Frankreichs Unterſtützung zählen zu können ſcheint, während die Türkei und Oeſterreich ganz entſchieden, Eng⸗ land neuerdings ebenfalls dieſer gefährlichen und nur für Rußlands Plane erwünſchten Neuerung entgegen ſind. Während nun aber, vorderhand wenigſtens, in Europa der Friede die Oberhand behalten zu wollen ſcheint über die kriegeriſchen Tendenzen, iſt in Aſien allenthalben der Krieg entbrannt. England und Perſien vor Allem ſind im Kriege, weil die Beſetzung Herats) durch die letztere Macht mit den Verträgen, die zwiſchen Perſien und England beſtehen, im Widerſpruch iſt. Hinter Perſien aber ſteht Rußland, und ſo kann man ſagen, daß der in Europa durch einen Frieden beendigte Krieg gegen Rußland in Aſien wenigſtens von England fortgeſetzt wird. Gleichzeitig iſt es, wie ſchon in in der letzten Rundſchau bemerkt wurde, zwiſchen England und den chineſiſchen Behörden von Canton zu Feindſeligkeiten gekommen. Die Chineſen hatten die engliſche Flagge be⸗ ſchimpft. Die Endländer wußten ſich aber Genugthuung zu verſchaffen. Nachdem die dem Vicekönig zur Leiſtung der Abbitte gegebene Zeit fruchtlos verſtrichen war, erſchien ein engliſches Geſchwader vor Canton, nahm die chineſiſchen Flußforts weg und eröffnete ein Feuer auf den Stadtwall und den Palaſt des Vicekönigs. Bald war eine Beeſche ge⸗ ſchoſſen, und die Engländer drangen ein, zogen ſich aber vor den in Maſſe anrückenden Chineſen wieder zurück. Da auch jetzt die Unterhandlungen fruchtlos blieben, ſo wurde zum *) Unſern Leſern zur Nachricht, daß der Feierabend in Kürze einen ausführlichen Artikel über Herat bringen wird. Die Red.