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Na 1.
Beiblatt zum„Feierabend.“
1857.
Motto: Alles für Alle.
Politiſche Rundſchau.
(Vorbemerkung des Verfaſſers. Wenn dieſe erſte Rundſchau in die Hände der Leſer kommt, wird bei der Zeit, welche diesmal zwiſchen der Abfaſſung und der Ausgabe liegt, der Inhalt ſchon in manchen Punk ten durch den Flug der Ereigniſſe veraltet ſein. Wir bitten daher die verehrlichen Leſer, das erſte Mal an unſere Arbeit nicht den Maßſtab des Neuen zu legen, ſondern ſie nur als eine Probe des Gemäldes zu betrachten, das wir künftig über die neueſten Zeitereigniſſe allwöchentlich zu entwerfen gedenken.)
Der Feierabend trifft bei ſeinem erſten Erſcheinen die Welt gar nicht in ſabbatlicher, feierlicher Ruhe an; vielmehr iſt Kampf und Bewegung überall: Kampf im Völkerleben, Kampf zwiſchen den Regierenden, Kampf auf dem Gebiete der Kirche, der Schule, der Wiſſen ſchaft, und wo ſonſt menſchliche Kräfte und Leidenſchaf ten ſich regen und rühren. Aber Kampf ſoll auch ſein!
Stillſtand iſt Tod, in der Natur, wie im geiſtigen
und ſittlichen Leben. Im Kampfe erſtarkt die Wahrheit, ſtählt ſich die Kraft. Im Kampfe wachſen die Völker, ſchreiten Civiliſation und Geſittung unter der Leitung einer höheren Macht mächtig fort. Und dieſer Bewegun im Leben der Völker, und inſonders unſeres deutſchen Vaterlandes, will der Feierabend ſinnend und forſchend horchen, und was er wahrnimmt und beobachtet, mit friſchem und freiem Sinne in den Kreis ſeiner Leſer brin gen. Möchte er dort ſtets gleichem Sinne begegnen!
In der oxientaliſchen Frage ſtreitet es ſich noch um einige Punkte, die Rußland im Friedensvertrage an ders deutet, als die übrigen Großmächte, namentlich um Bolgrad, einen ſchön gebauten bulgariſchen Flecken in Beſſarabien mit nahe an 9000 Einwohnern und 1037 meiſtens ſteinernen Häuſern; aber es wird darum kein neuer Krieg entbrennen, da Rußland nur probirt, was es erlangen, resp. behalten kann. Aber Bolgrad wird es nicht behalten, und einſtweilen werden auch weder die öſterreichiſchen Truppen die Donaufürſtenthümer, noch die engliſchen Schiffe den Bosporus verlaſſen.
In den Köpfen der Zeitungscorreſpondenten iſt der Bruch zwiſchen Frankreich und England, die Schei⸗ dung des kaum verbundenen Paars, ſchon fertig; aber in der Wirklichkeit iſt es hoffentlich nicht ſo. So raſch wech ſelt ein Louis Napoleon ſeine Politik nicht.
Noch zögert der König von Neapel, den Forderungen
Englands und Frankreichs, den Forderungen ſeines eige nen Volkes Gehör zu geben, aber es wird dieſes nicht
länger dauern, als bis die politiſchen Parteien ſich erkannt haben und für die Weſtmächte die Zeit des Handelns ge⸗ kommen ſein wird.
Die Hoffnungen und Befürchtungen, welche man an die nordamerikaniſche Präſidentenſchaft, inſonders für die Sclavenfrage, knüpft, ſind beide übertrieben. Dort, jenſeits dem Ocean, wo dem Herrſcher ein Volksparlament zur Seite ſteht, wo die Aſſociation un beſchränkt und die Preſſe eine Macht iſt, kann einer Forderung des Rechts, der Menſchlichkeit und damit der wahren Volkswohlfahrt für die Dauer nicht widerſtan⸗ den werden.
Hinſichtlich Neuenburgs giebt die preußiſche Thron rede ſelbſt zu erkennen, daß der König Unterhandlungen nicht abgeneigt iſt; und ſo dürfte denn der Conflict zwi⸗ ſchen den Anſprüchen des Völker- und resp. Fürſten⸗ rechts und dem, was auch eine blos factiſche Regierung von ihren Staatsangehörigen fordern darf, ſich noch fried lich löſen.
Mit Befriedigung blickt Deutſchland auf ſeine beiden Großmächte, daß ſie vom Dänen⸗König die Wahrung der Rechte der Herzogthümer bei der Geſammtſtaatsver⸗ faſſung fordern. Hoffentlich wird der jetzigen Energie auch die Ausdauer nicht gebrechen.
Die beſchwichtigende Anſprache des proteſtantiſchen Oberconſiſtoriums in München hat nicht beſchwichtigt und konnte nicht beſchwichtigen, weil das evangeliſche Volk Baierns nun einmal das nicht will, was ſein geiſtliches Regiment will und durch allerlei kleine, raſch und lang— ſam wirkende Mittel zu erlangen ſtrebt.
In den Berliner kirchlichen Conferenzen hat bis jetzt die gemäßigte Partei geſiegt; aber es iſt nur ein halber Sieg, da der Partei, welche noch frömmer ſein will, als der Oberkirchenrath ſelbſt, manche Hinterthüre offen ge⸗ laſſen iſt, die zu benutzen ſie ſ. Z. nicht ermangeln wird.
Mit dem Beſten ſchließen wir: mit dem ruſſiſchen Eiſenbahnnetz und der Dampfſchifffahrt, die von ſeinen Strömen nach allen Weltgegenden hin organiſirt werden ſoll; denn Eiſenbahnen und Dampfſchiffe ſetzen noch viele andere Culturanſtalten voraus: geebnete Stra⸗ ßen, freien Verkehr und vor Allem einen durch unbeſtech liche Beamte geſicherten Rechtszuſtand. Das ſind fried⸗ liche Eroberungen, andere, als welche das Teſtament Peter's des Erſten begehrte. Zu dieſer friedlichen Operation, zu dieſer coloſſalen Förderung der Civiliſation reichen wir dem nordiſchen Coloß freundlich die Hand!


