Kleine Mittheilungen zur Kurzweil und Belehrung.
Wegerich. Von O. Glaubrecht.
Von der erſten Frühlingszeit bis zum letzten ſchönen Tag im Jahre ſteht an allen Wegen im lieben Vaterland ein Pflänzchen, das heißt Wegerich oder Wegebreit. Unter allen Gewächſen iſt es das unſcheinbarſte und un⸗ ſchönſte, hat keinen Stengel und keine Zweige, ſondern liegt breit und platt mit ſeinen bald eiförmigen, bald ſpitz⸗ zulaufenden, lederartigen, dunkelgrünen Blättern auf dem Boden. Kommt ſeine Blüthezeit, dann geht mitten aus den Blättern heraus ein Schaft, mitunter bis zur Höhe eines Schuhes, und der hat oben eine Blüthenähre, röthlich⸗weiß, mit einer Menge kleiner Blüthchen, aus denen die Staubgefäße hervorſehen und eine Art von Bürſtchen bilden. Und weil es ſo ärmlich ausſieht, das Pflänzchen, ſo wird es wenig beachtet. Die Kinder bücken ſich wohl nach dem Vergißmeinnicht und nach dem Löwen mäulchen und ſogar nach der Kettenblume, aber der muß ſchon ein curioſer Liebhaber ſein, der nach dem Wegerich ſich bückt. Alſo für die frohen Menſchen iſt das Pflänz chen nicht geſchaffen. Deſto mehr aber für die Traurigen. Denn der Bauer, der nicht gerne in die lateiniſche Küche, ſondern lieber in unſeres Herrgotts Apotheke geht, freut ſich, wenn das Kraut ſeinem Viehe ſo wohl ſchmeckt; denn er weiß recht gut, daß es, auf böſe Wunden und Eiterbeulen gelegt, ein gar trefflich Heilkraut iſt und denkt, was ihm gut thue, das müſſe auch ſeinem Viehe wohl bekommen. Und von der Großmutter auf den Enkel herab hat es noch manch ander gut Zeugniß; denn es be ruhigt das ungeſtüme Blut, und wer es im Frühling
die Spatzen miſchen, dahin ſie nie gehören, weil böſe Ge⸗ ſellſchaft gute Sitten verdirbt, ſo ſucht der Finke die Raine auf und findet leicht über den Schnee hervor ragen die Samenähre des Wegerichs; denn ſie hält ihre Körner feſt, bis ſie geſucht werden, und was die Finken zerſtreuen, das hat der Schnee geſäet für's neue Jahr. Wenn ich das von dem Kräutlein Wegerich ſo erzähle, ſo ſcheint es faſt, als wollte ich eine Art von Naturgeſchichte liefern für den kurioſen Liebhaber. Aber dem iſt nicht ſo; ich wollte nur erklären, warum ich die kleinen Hiſtörchen, die hier folgen werden, mit dem Namen Wegerich belegt habe. Sie ſind eben ſo unſcheinbar wie jene Pflanze, wachſen wie dieſe am Wege, es geht Mancher an ihnen vor⸗ über und ſieht ſie gar nicht oder tritt mit Abſicht darauf, weil er morſch iſt, wie die Leute ſagen, oder gerade nicht gut gewitzt. Es gehört ſchon eine Art Naturſinn dazu,
neben einem Wegerichpflänzchen ſtehen zu bleiben, und ſo
unter die andern Kräuter preßt oder als Thee trinkt, dem
giebt ſein Saft geſunden Magen und heile Haut. Was will man mehr von einem einzelnen Kräutlein, das zumal unter vielen Tauſenden das unſcheinbarſte iſt!
Aber ſein Nutzen für die Creatur iſt damit noch nicht alle. Denn iſt das Federbuſchblüthchen ausgefallen, ſo hat ſich an jedem Blümchen ein Sämchen angeſetzt, künſtlich geborgen in einer kleinen Kapſel, und das Säm chen ſchließt in ſich ein winzig Tröpfchen Oel. Das wiſſen tauſend Menſchen nicht, die mit dem Fuß das Samen kellchen zertreten, und ohne daß ſie es wollen, unſers Herrgotts Saatleute werden; aber jedes Finklein weiß es. Das iſt ſeine Wiſſenſchaft, von der Mutter ihm an⸗ geerbt und angefüttert, und wenn es die Flügel regen kann, dann fliegt es zu der vollen Aehre des Wegerichs, und die hat nie Mißwachs. Und wer dann ein Auge hat für der Geſchöpfe Thun und Treiben, der ſieht mit Ver gnügen, wie der Diſtelfink— das Vöglein, das der liebe Gott nach der Kinder Mährchen zuletzt gefärbt hat, als in allen Farbenſchüſſeln nur noch ein Tüpchen übrig war— wie der Diſtelfink die gelben Schwingen ausbreitet und ſich flatternd an den Stengel des Wegerichs hängt und mit ihm umfällt, daß er ſchier auf dem Rücken zu liegen kommt und in dieſer Stellung ſeine Schnabelweide hält. Und die Weide reicht nicht für heut oder morgen, ſondern für lange, lange Zeit. Denn wenn der Schnee Alles bedeckt
und die Ammern in die Dörfer kommen und ſich unter
muß Einer auch eine beſondere Art von Menſchenſinn haben, wenn er hören und begreifen ſoll, was die Leute hinter den Hecken und hinter den Gläſern, auf Wegen und Stegen und im Werktagskleid, ohne lange Beſinnung, gleichſam aus dem Stegreif reden und thun. Da ſind ſie aber unübertreffliche Schauſpieler und wiſſen ſelbſt nicht, wie meiſterlich ſie ſpielen. Kein Souffleur hilft ihnen fort, und kein Publikum klatſcht Beifall; nur dann und wann ſteht Einer dabei,„dem's zu Herzen ging, daß ihm der Zopf ſo hinten hing,“ d. h. Einer, der ſich ſeiner Schalkheit und Schwachheit ſelbſt bewußt iſt, und der lacht entweder zu den Bockſprüngen des Menſchenherzens, oder er überlegt ſinnend und ernſt, wie wahr es ſei:„Es iſt das Herz ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen?“
Und aus ſolcher Betrachtung wird denn die Arzenei für das Herz bereitet, wie aus dem grünen Kraut des Wegerichs das Heilmittel; und wie ſein unſcheinbares Blümchen leicht nach Zimmet riecht, ſo ſind auch die Hiſtörchen nicht ganz ohne allen Duft; und wie die Vögel kommen und ſuchen die kleinen Sämchen des Wegerichs und werden damit Säemänner, ohne es zu wollen, ſo nähren auch wohl dieſe kleinen Erzählungen für Stunden, ſind gleichſam Aepfel wider den Durſt und geben damit Trieb und Nahrung, zu forſchen und zu ſuchen das eigne Weſen, und zu ſtudiren den Menſchen; denn der bleibt immer mit ſeinem Geiſt das vornehmſte Stück der Natur⸗ forſchung.
1.
„Man kennt den Eſel an den Ohren, An den Worten kennt man den Thoren.“
Der Oberſt Rieger, der Würtemberger, iſt bekanntlich ein Hitzkopf geweſen, den ſeine Frau nicht anders abküh⸗ len konnte, als daß ſie die Schachtel holte, worin er den Bart aufbewahrte, der ihm einſt im langen Gefängniß gewachſen war. Sah der Hitzkopf den Bart, dann ſchwieg das Gewitter plötzlich ſtille, das ſich mit Donner und Blitz aus dem Munde des Trotzkopfs entleerte. Was hätte jene Schneidersfrau darum gegeben, eine ſolche


