Jahrgang 
1857
Seite
34
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Der Faſtnacht Rurzweil.

Von Karl Stöber.

5.

Ein Biſchof hatte einmal einen ſtattlichen Schimmel, und fromm war er auch. Wenn der geiſtliche Herr auf ihm ſaß und dabei aus ſeinem Pſalter betete, that er keinen unrechten Tritt und vogelſcheu war er ſo wenig, als das Eſelein, das die Kunſtmaler bei der Flucht nach Aegypten mitthun laſſen. Darum hielt ihn auch der Biſchof ſo hoch, daß er ihn um keinen Preis verkaufen wollte, und ſeinen Bruder, der ihn gerne gehabt hätte und darum bat, ließ er nicht viel gelinder abfahren, als Petrus den Zauberer Simon, Apoſtelgeſchichte am achten. Der aber ſprach bei ſich ſelbſt:Bekomme ich ihn nicht ſo, bekomme ich ihn anders, und hielt Wort. Denn weil der Biſchof viele Feinde und Widerſacher hatte, betete er öfters den vierundfünfzigſten Pſalm, darin es heißtRed- det malum inimicis meis zu deutſchEr wird die Bos⸗ heit meiner Feinde bezahlen. Und als dieß ſein Bruder, der Ritter, in Erfahrung gebracht hatte, nahm er, ſo oft der Biſchof nicht daheim war, deſſen Leibroß beſonders, las auf ſeinem Rücken öfters den oben genannten Pſalm und drückte ihm immer die ſcharfen Sporen in die Rippen, ſo oft er an den Vers kam, worin es heißtReddet malum inimicis meis daß der Gaul ſich bäumte und ihn abgeſetzt hätte, wenn der Edelmann nicht ein beſſerer Reiter geweſen wäre, als ſein geiſtlicher Bruder. Der Schimmel aber merkte ſich dieſe Lection, und als der Biſchof wieder einmal den vier⸗ undfünfzigſten Pſalm auf ſeinem Rücken betete und an den ſiebenten Vers kam, bäumte er ſich ſchon bei den Worten Reddet malum und überſchlug ſich mit ſeinem Herrn. Und da er dies nicht blos einmal, ſondern öfter that, ward der Biſchof des Thieres überdrüſſig und ſchenkte es dem Ritter.

In dem Lebenslaufe des geiſtlichen Herrn iſt aber die An⸗ merkung zu leſen, der Biſchof würde ſeinen guten Schimmel noch länger geritten haben, hätte er mehr für, als wider

ſeine Feinde gebetet, und wäre er nicht immer ſo laut ge⸗

worden, wenn er an die Worte kam:Er wird die Bosheit meinen Widerſachern bezahlen. Auch ſei es nicht Jeder⸗ manns Sache, wider ſeine Schuldiger ſo zu rufen, wie David wider die von Siph.

6.

Wie denn ein Menſchenkind, abſonderlich ſo lange es noch in ſeinen jungen Jahren mit der Weisheit ſparſam um⸗ geht, auf mancherlei gute Gedanken kommen kann, ſo wettete einmal ein Student, er wolle Faſtnacht halten ohne Larve vor ſeinem Geſicht, und doch unkenntlich ſein. Und als ſeine Cameraden an ſeine vier harten Thaler andere vier geſetzt hatten, begab er ſich hinter der Stadtmauer herum zu einem geſchickten Maler, und fragte, ob er ihm nicht ganz andere Mienen in ſein Angeſicht malen könnte, als er von ſeinem Vater her hätte. Worauf der Meiſter antwortete, es ſei nichts leichter, als das. Auch wolle er Farben dazu nehmen, die noch ſchneller trockneten, als naſſe Mägdleins⸗Wangen, und der Herr Student wolle nur befehlen, was er ihm in ſein werthes Angeſicht malen ſolle, einen Weltweiſen oder einen Narren. Und als der Studioſus einen Narren beſtellt

Kleine Mittheilungen zur Kurzweil und Belehrung.

ſhatte, dergleichen zu ſeinem Anzug paſſe, klebte ihm der

Maler mit Mundleim vor jedes Auge einen papierenen Deckel, damit ihm von den ſcharfen Farben nichts hinein käme, und griff nach dem Pinſel, tauchte ihn aber nicht in verſchiedene Schalen, ſondern nur in helles, gar fein deſtillirtes Terpen⸗ tinöl, und fuhr damit dem Brandfüchslein im Geſicht hin und her, auf und ab, bis er ſagte, nun ſei der Herr fertig, und ſo lange die Farben friſch blieben, würde ihn ſelbſt ſeine leibliche Mutter für einen Andern halten, und nicht für ihren Sohn. Das ließ ſich der Student nicht zweimal ſagen, ſon⸗ dern lief über Hals und Kopf auf den Markt hinunter und geberdete ſich wie das Kindlein, ſo ein Salvet über ſein Ge⸗ ſicht ſchlägt und ruft:Wau wau! Aber als ihn der erſte Landsmann, der ihm begegnete, fragte, ob er noch den geſtrigen Dampf im Kopf hätte oder einen neuen? lief er heim. Und als er ſich in ſeinem Raſier⸗Spiegelein beſchaute, ſah ihm das Geſicht ſeines ſeligen Vaters entgegen, ächt und gerecht, wie es der Alte unter die Erde gebracht hatte, nur um ein gut Theil weniger geſcheidt.

Der freundliche Leſer aber fragt, ob es noch mehr ſolche Narren gebe, oder ob der Studioſus der einzige geweſen ſei, und der Erzähler antwortet ſchuldigermaßen:Ein dergleichen Raſierſpiegelgeſicht werden wohl alle Phariſäer machen, wenn ſie heimkommen und ſehen, ſie hätten über den Unflath in ihren Herzen vor Gott und ſeinen heiligen Engeln niemals mehr gehabt, als ein paar Pinſelſtriche durchſichtigen Firniß.

7.

Wer zu ſeiner Zeit den jungen Knopf von Dietersdorf nicht kennen gelernt hat, der kann ſeine werthe Bekanntſchaft machen, wenn er ein Stücklein weiter lieſt. Derſelbige ſaß nämlich eines Abends in dem Silbernen Stern mit ſeiner Pfeife allein an einem Tiſch, und als an dem andern Einer ſagte:Kein Scheermeſſer ſchärfer ſchiert, als wenn der Bauer ein Edelmann wird, ergrimmte er ſehr und trank drei württemberger Schoppen in den Zorn hinein, alſo daß ſich das Conzept in ſeinem Kopf verrückte und er in ſeinem Sinn nicht mehr der Bauer Knopf, ſondern der Edelmann war. Fing auch ſogleich an ſeines Amtes zu warten, und ließ fünfzehn Gläſer vor ſich hin auf den Tiſch ſtellen, nach der Zahl der Ortsinſaſſen von Dietersdorf. Und als er ſie alle voll geſchenkt hatte, hub er an Gerichtstag zu halten, und ſagte zu dem erſten Glaſe links:Wohlan, Herr Ober⸗ meier, warum biſt Du verwichenen Montag nicht zum Frohn⸗ dienſt gekommen? warum biſt Du ausgeblieben? Und da das Glas erſchrickt und ſich nicht verantworten kann, fährt er fort und ſchreit:Weg mit Dir in das Loch! und trinkt es auf einen Zug aus. Das zweite aber fragte er:Und

Du, Lenz Kenzauer, Du Faullenzer, warum haſt Du das

Holz nicht gefahren für die Herrſchaft? Und das dritte fuhr er an und ſprach:Treffen wir uns hier, Du widerhariger Schlingel! Warum biſt Du nicht verfloſſenen Mittwoch zu dem Treibjagen gekommen? Und zu dem vierten ſagte er: Und Du, Barthel Nußkern, warum haſt Du Deine Gilt noch nicht geſchüttet? Meinſt Du, es ſollte damit Zeit haben bis auf die Winterpfingſten? Und desgleichen redete er auch die andern Gläſer an. So oft ſich aber ein Glas nicht ver⸗ antworten kann, ſchreit er:Fort mit Dir in das Loch zu