im Bereich Ihres Leſerkreiſes in Bewegung geſetzten zahl⸗ reichen, markenſchneidenden Scheeren und Scheerlein gern einen neuen Schwung verleihen helfen; dem aber ſtehen Thatſachen entgegen, die nun einmal dazu nicht angethan ſind, und die wir, ob ſie gleich eine Vielen willkommene Illu⸗ ſion ſtören mögen, Ihnen gewiſſenhaft berichten müſſen, da Sie ſich deshalb direkt an uns wenden.
Indem wir Ihnen ſchließlich noch die Ermächtigung er⸗ theilen, von dem Vorſtehenden den Ihnen angemeſſen ſchei⸗ nenden Gebrauch zu machen, zeichnen wir
hochachtungsvoll und ergebenſt Die Redaction der Karlsruher Zeitung.
Karlsruhe, 26. Mai 1857.
Kleine Mittheilungen zur Kurzweil und Belehrung.
Kſeiner Rrieg. Ein Bild aus dem Naturleben. Von Hermann Jäger.
Es war im Juni nach einem warmen Regen. Die überfeuchte Erde dampfte im Sonnenſchein, und an allen Blättern, Blumen und Grasſpitzen glänzten Waſſertropfen in ſchillernder Farbenpracht.
flogen den Mörder ihres ſchon halbverzehrten Kindes ſo nahe, daß ſie ihn berührten, und glaubten ihn durch Schreien zu
vertreiben. Einige Müllerchen(kleine Grasmücken) ſtanden
Die Nachtigallen ſchlugen
noch, daß es eine Luſt war, und in allen Büſchen ſchwirrte 7 5
und zirpte es von jungen, eben aus dem Neſt geflogenen Vögeln. Um dieſe Zeit iſt es für den Stille Suchenden
faſt zu unruhig im Wald, und es giebt Augenblicke, wo der 5„ 9
Kenner der Vögelſprache wirklich in Unruhe und Sorge ver⸗
ſetzt wird um die junge Vögelbrut, nämlich, wenn das ängſt⸗
liche Rufen und Warnen der alten Vögel anzeigt, daß eine Katze durch das Gebüſch ſchleicht oder ein Raubvogel nahe
über den Wipfeln ſchwebt und ſeine ſchön geſchwungenen
Kreiſe ſpiralförmig immer tiefer zieht, um dann mit plötzli⸗ chem Stoß ſeine Beute zu faſſen. Am lauteſten und haufig⸗
ſten laſſen die Rothſchwänzchen ihren ängſtlichen Warneruf hören, dann kommt das metallartig klingende Zirpen der
Goldammern, und der unbeſchreibliche verſchiedenartige Ruf der Grasmückenarten, der Nachtigallen, Amſeln u. ſ. w. Solche geräuſchvolle Augenblicke waren an dem Morgen, welcher uns Gelegenheit zu den folgenden Beobachtungen bot, ſchon oft vorgekommen. Aber einmal wurde der Lärm und das ängſtliche Schreien der Vögel ſo toll, daß der Be⸗ wohner eines faſt im Walde liegenden Hauſes nach dem Blasrohr griff, um der Katze, die er in der Nähe vermuthete, einen Stachelbolzen auf das Fell zu brennen, denn wer die Vögel liebt, haßt die Katzen. Da kamen die Kinder jenes Mannes athemlos herbeigeſtürzt und erzählten in abgebroche⸗ nen Sätzen, daß ein großer, großer Raubvogel die jungen Grasmücken aus ihrem Neſt in dem wilden Roſenbuſche ge⸗ holt und auf der nahen Birke verzehre. Auf den Rath des Vateiß bewaffneten ſie ſich mit Steinen und Stangen, um den Niuber und Mörder zu verjagen; aber ein neuer Regen⸗ guß Pereteli dieſen Plan und hielt ſie im Zimmer zurück, veg eſſen Fenſtern aus die Raubſcene deutlich beobachtet werden konnte. Der„große, große“ Raubvogel war ein bunter Heher, der allerdings ein großer Raubvogel iſt, weil er der Brut kleinerer Vögel ſehr nachſtellt, aber nicht einmal die Größe einer jungen Taube erreicht und nur durch ſeine Federmaſſe groß erſcheint. Man ſah deutlich, wie er einen jungen, noch nicht ganz flüggen Vogel zerhackte und verzehrte. Der Räuber hatte aber bei ſeiner Mahlzeit keine Ruhe, denn ein Schwarm von Vögeln umflog ihn mit ängſtlichem oder
wüthendem Geſchrei, um ihn zum Loslaſſen ſeiner Beute
..—₰. 3. 5„ und zur Flucht zu bewegen. Die ganze Vögelnachbarſchaft war im A
hhr. Die jammernden Grasmückeneltern um⸗
ihnen als gute Nachbarn im Schreien und Jammern redlich bei, und machten ſogar noch mehr Lärm als die Eltern des Unglückskindes, geradeſo wie es bei den Menſchen auch der Fall iſt. Ebenſo große Theilnahme zeigten einige klagende Rothſchwänzchen, die ſich jedoch nicht nahe an den Heher wagten und wohl nur ſchrien, weil ſie bei jeder Gefahr ſchreien müſſen. Schwarzköpfige Meiſen kamen herbei,
ſtießen mit angeborner Kampfluſt auf den Räuber, und ſuch⸗
ten ſogar kleine Stückchen von dem zerhackten Vögelchen zu erwiſchen. Die tapferſten Angreifer aber waren die Bach⸗ ſtelzen, die in gerechtem Zorn die Birke umflogen und keck auf den Heher anſtürmten, denn wenn es einen Raubvogel zu verfolgen giebt, ſei er noch ſo groß, da iſt kein Vogel tapferer und kühner, als die kleine, zierliche Bachſtelze. Der Räuber ſelbſt kümmerte ſich wenig um die Angreifer und noch weniger um die jammernden Leidtragenden und ihre Nachbarn. Kam ihm einer ſeiner kleinen Feinde zu nahe, ſo ſträubte er ſich auf wie ein Federball und ſah die unwill⸗ kommenen Störer zornig an, ohne ſich ihrer zu erwehren. Das Vögelchen war verzehrt und hatte offenbar gut ge⸗ ſchmeckt, denn der Heher flog zur größten Ueberraſchung ſei⸗ ner Gegner noch einmal in den wilden Roſenbuſch und holte ſich ein zweites. Der Lärm und Jammer wurde nun noch toller, denn neue Vögel kamen hinzu. Der Heher, welcher gern in Ruhe eſſen wollte und nicht im Geringſten daran dachte, daß er im Unrecht wäre, flog ärgerlich mit ſeiner Beute auf einen Apfelbaum, verfolgt vom ganzen Schwarm der kleinen Vögel, die kühnen Bachſtelzen ſtets an der Spitze. Aber auch hier hatte er keine Ruhe vor den Angreifern. Er wechſelte nochmals den Platz; jedoch auch hier geſtört, ließ er den Reſt des Vögelchens fallen und flog zum Eichenwald, verfolgt von den Bachſtelzen, die immer auf ihn losſtießen. Die Meiſen blieben bei dem Reſt des verlorenen Vögelchens und ließen es ſich trefflich ſchmecken, denn ſie gehören zu den⸗ jenigen Geſchöpfen, die aus jedem Unglück Nutzen zu ziehen wiſſen.
Während der Heher ſich an den jungen Grasmücken ſättigte, diente ſeine eigne Brut im Eichenwald einem Raben zum Frühſtück. Als er zurückkam, erzählte ihm die Heher⸗ mutter, welche unterdeſſen ein Finkenneſt ausgenommen, das Unglück ſchon von weitem mit ſchnarrendem Gekreiſch. Der Rabe, ein geborner Dieb, der ſeine Thaten am liebſten ganz heimlich vollführt und jeden Lärm und Auflauf ſcheut, räumte, als beide Heher herbeikamen, das Feld, und ließ das letzte dickköpfige nackte Heherkind fallen. Nach einem kurzen aber lärmenden Gekreiſch, wodurch der Heher ſeiner Frau bittere Vorwürfe über ihre Achtloſigkeit machte, flog


