Jahrgang 
1857
Seite
87
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Dämmerſtunde, wenn das ſilberne Mondlicht in's Stübchen blinkte, den erſten Weihegruß der Religion in die Seele des Kindes hauchte und in ſchönen Bildern und Gleichniſſen von dem lieben, guten Gott oben in ſeinem ſchönen, blauen Him⸗ mel und ſeinen lieben Engeln erzählte.

Ja, über Nacht kommt der liebe Gott! Und wie er ge⸗ kommen iſti in jener erſten heiligen Weihnacht mit dem Engels⸗ gruß:Siehe, ich verkündige euch große Freude! ſo wird er noch vunmen über Nacht, immer und ewig kommen und

uns unſere Thränen abkrucnen und unſern Schmerz in

lachende, ſelige Freude verklären. je näher iſt Gott! und wo wir's am wenigſten vermuthet, öffnet er uns zumeiſt ein Thürlein, daß wir eintreten und Ihn ſchauen können in aller Seiner Herrlichkeit. Darum alſo:Alle eure Sorge werfet auf Ihn, denn Er ſorget

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für euch!

gehörtes und Erlebtes.

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Sonſt und Jetzt.

Man ſpricht viel davon, daß die Zeiten ſich verſchlim⸗ mert hätten und die Jugend in der Gegenwart verdorbener wäre als ehemals. Es ſei fern von mir, die Schattenſeiten des 19ten Jahrhunderts leugnen zu wollen. Die Zahl der Verbrecher z. B. hat ſich faſt allenthalben ſeit wenigen Jahr⸗ zehenden verdoppelt. Doch iſt auf der anderen Seite auch nicht zu verkennen, daß die Sitten feiner und beſſer ge⸗ worden ſind.

Als im Jahre 1827 das Univerſitätsjubiläum in Mar⸗ burg gefeiert wurde, war ich während der Dauer des Feſtes bei Verwandten zu Gaſt. Die Studenten hatten einen öffentlichen Commers. Es wurde geſungen und getrunken, daß man ſehen konnte, es war den Muſenſöhnen recht fröh⸗ lich zu Muth. Aais 6 es zerbrochene Gläſer gegeben, wohl auch Händel, welche Veranlaſſung zu Duellen geworden ſind. Doch im Ganzen verlief das Gelag in einer Weiſe, daß auch zart⸗ und feinfühlende Damen als Zuſchauerinnen in der Nähe bleiben konnten.

Ganz anders im Jahre 1727. geſchriebenen akademiſchen Annalen: len ſpeiſeten an 500 Studenten.

Hierüber berichten die In den unteren Sä⸗

Denn je größer die Noth,

mel, 5 gute Schweine, 2 Seiten Speck, 40 junge Hühner, 15 alte Hühner, 12 Gänſe, 600 Laiblein Weißbrod, 400 Laiblein Roggenbrod, 8 Tonnen Bier, 2 Tonnen Rheinwein, 4 Eimer Branntwein u. ſ. w. u. ſ. w. Das Alles war für einen Tag berechnet.(Strack, Erzählungen aus den Zeiten der Religionskriege in Deutſchland S. 177). Von ſolchem Aufwand wiſſen doch die Feldherrn der Gegenwart nichts.

Einzelne Züge von Vandalismus ſind von Franzoſen und Engländern in der Krim ausgeführt worden, die öffent⸗ liche Meinung hat ſolche alsbald gebrandmarkt. Wie anders im 30 jährigen Kriege! Man denke nur an den Schweden⸗ trunk, Magdeburgs Zerſtörung u. ſ. w.!

In vielen älteren adeligen Familien findet man noch einen großen Humpen als Reliquie der Vergangenheit. Dieſer wurde den Gäſten zu leeren vorgeſetzt. Solche Zechgelage, wie ehemals, kommen heute nicht mehr vor. Es war nur ein Scherz, welchen ſich der alte Forſtmeiſter X. gegen den Fürſten von B. erlaubte, als dieſer ihn fragte:Nun Lie⸗

ber, wie ſieht es aus, ſchmeckt Ihnen noch das Gläschen,

Sie haben ſich recht luſtig

gemacht und verſchiedene ſind auch als Zuſchauer auf das

große Speiſezimmer zugelaſſen worden. Dabei ſind keine

Desordres vorgekommen und iſt Alles ohne das geringſte

Unglück abgegangen, indem ſie vorher die Degen ablegen mußten, ohne daß ſie nur alle Fenſter zerſchmiſſen, da der Schaden auf 200 Rthlr. zu ſchätzen, auf Hochfürſtl. Rentkammer Befehl von dem Rentmeiſter bezahlt worden.

Gehen wir noch ein Jahrhundert zurück, ſo berichtet der berühmte Arzt Lotichius aus dem Jahre 1631:Auf un⸗ ſhen deutſchen Hochſchulen nimmt man ſtatt der Bücher nichts

als Streitigkeiten, ſtatt der Hefte Dolche, ſtatt der Federn Dege und Federbüſche, ſtatt gelehrter Unterhaltungen blu⸗ tige Kämpfe, ſtatt des fleißigen Arbeitens unaufhörliches Raufen und Toben, ſtatt der Studirzimmer und Bibliotheten Wirths⸗ und H... häuſer wahr. Wer könnte die Todt⸗ ſchläge, Mordthaten und andere Verbrechen aufzählen, die in unſern Zeiten auf den deutſchen Un verſüttten verübt worden ſind.

Wallenſtein brauchte für ſeine Hofhaltung, beſtehend in

1500 Pferden und 800 Perſonen, 2 gute Ochſen, 20 Häm⸗

willſt Du's nicht; ich meine nämlich,

die Fenſter aber ſind

wie ſonſt? X. antwortete:Ja! Ihro Durchlaucht! wenn ich mich noch ein wenig vervollkommne, kann ich Fürſt werden.

Humoriſtiſche Briefe

von L

IV. Sorgenhauſen, 19. Mai 1857. Du alſo auch, mein Guſtav! biſt angeſteckt von der Epi⸗ demie des neunzehnten Jahrhunderts; Dir reißt auch der Geduldsfaden, ſobald der Thermometer über Null zeigt; Du vermagſt Dich nicht mehr am heimathlichen Herd zu halten und es ruft D Dich hinaus in den Strudel des reiſenden Publi⸗ kums, um Deine Geſundheit zu ſtärken, Deine gedrückte Stimmung zu beſeitigen und Dich neu zu beleben in Baden⸗ Baden, Hom burg, Ems oder Wiesbaden! Du willſt alſo, wenn ich Dich recht verſtehe, in's Bad reiſe n und ich ſoll Dir eines der genannten auswählen, da Dein Arzt Dir die Wahl gelaſſen. Schon manchmal, mein Freund! haſt Du un die Ehre erzeigt, bei Deinen neugeborenen Ideen Gevatter zu ſtehen; daß Du aber auch hierbei mich mit der Pathenſtelle beehren würdeſt, habe ich nicht geglaubt, und haſt Du auch ſicher hierin keinen glücklichen Griff gethan. Ich ſollte das Bad nennen, worin Du Deine Geſundheit ſtärken könnteſt? Nun wohl, das könnte ich ſchon, aber ſo bade in der Werra oder Fulda, im Main oder in der Lahn, und wenn dir dieſe Bäder nicht großartig genug ſind, meinetwegen im Rhein, in der Donau oder wirklich im Miſſiſippi; aber einen Kur⸗ platz Dir bezeichnen: das kann ich nicht, weil ich Dein Freund bin. Das Badereiſen iſt eine Krankheit, die mit jedem Som⸗ mer wiederkehrt. Wenn dieſe Kurorte ſo heilſam wirken, ſage mir, warum ſind dieſelben Perſonen alle Jahre in dem⸗ ſelben Orte? Du ſiehſt alſo, entweder ſind ſie nicht krank, oder ſie werden nicht geſund. In beiden Fällen iſt ihre Kur überflüſſig. Wenn Du, wie ich fürchte, die Zeitungen lieſeſt, wirſt Du Dich überzeugen, daß die Badeorte alle Jahre zahlreicher beſucht ſind. Wenn die Bäder geſund machten, ſo müßten doch der Beſucher weniger werden! Haſt Du Dir dieſen Zweifel noch nicht vorgehalten? In Rück⸗ ſicht auf Deine Zuſtände will mirs durchaus nicht in den Sinn, Dich geſchwächt oder verſtimmt zu wiſſen; mir iſts ſo, als ob die Idee Deiner Badereiſe Deine bedenklichſte