Jahrgang 
1857
Seite
86
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Sonntagsklänge aus dem Alſtagsleben. Von L. Würdig.

Dem ſtrengen und langen Winter von 1855 war ein rauhes und naßkaltes Frühjahr gefolgt. Mitte Mai im Wonnemonde ſah draußen Alles noch öde und traurig aus. Kaum, daß die Weiden am Schloßmühlengraben ihre ſammtnen Kätzchen trieben und von Süßkirſchenblüthe und jungem Eichengrün, von den buntfarbigen Wieſenblümlein unnd den reizenden Weihnachtslichterchen auf den Kaſtanien⸗ bäumen war rundum noch keine Spur.

Aufgebluſtert vor Froſt und Regen ſaßen Nachtigall, Fink und Weißkehle auf den dürren Zweigen des Schleh⸗ dorns und der Hanbutten, und das Klappern des Storchs auf dem Dorfkirchlein drüben, klang eben auch nicht wie Maienluſt und Frühlingsjubel. Bangend und zagend blickte das ſchwache Menſchenherz in die Zukunft und manchem kleinen Landmann mochte der Nothſchrei des hungrigen Viehes durch die Seele ſchneiden, denn das Speicherchen war leer und von Woche zu Woche ſtieg die Frucht auf den Märkten, daß es zum Gott'serbarmen war.

Da o ich weiß es noch wie heute, es war juſt am 21. Mai, am Montag nach dem Sonntag Exaudi, zu Deutſch Erhöre! geheißen zerriß urplötzlich Gottes unverkürz⸗ ter Arm den düſtern Wolkenſchleier, und mit den blitzenden Sonnenſtrahlen, mit den ſprießenden Gräſerchen und den aufſpringenden Blüthenkelchen, die da ſehnſüchtig geharret des AllmächtigenWerde! war auch eine rechte hochheilige, gnadenbringende Oſterzeit über die Menſchen gekommen, und ihre Blicke wurden wieder heller und leichter und raſcher klopften ihre Herzen.

Auf einem Spaziergang an einem prächtigen Junimor⸗ gen, an dem der Herr alle ſeine Wunder und Lieblichkeiten erſchloſſen, kam ich durch die Muldenaue, die grade hier in meiner Heimath einen wunderherrlichen Reiz enfaltet.

Eine rege Thätigkeit herrſchte in Feld und Flur, denn manches Stück Arbeit war bei dem naßkalten Frühjahr liegen geblieben und mußte nun nachgeholt werden. Ja, ſäete man doch noch hin und wieder Sommerfrucht auf die kaum ausgetrockneten Ackerſtücke in der frohen Hoffnung auf. eine geſegnete Ernte.

Aus dem ſchattigen Laubgehölz kam mir eine bekannte Bauersfrau entgegen, eine arme Wittwe und Mutter von ſieben noch unerzogenen Kindern mit einer ſtraffen Hucke des erſten würzigen Grünfutters auf dem Rücken.

Wer den rührigen Landleuten nur ein Bischen in's Haus und in's Herz geguckt hat, der weiß, daßdas erſte Gras ſicheln und heimtragen eine ganz beſondere Freude für ſie iſt. Iſt's doch der Erſtlingsſegen der wiedererwachten Natur, ein neues ſprechendes Gnadenzeichen des lieben, alten Herr⸗ gott's im Himmel.

Auch mir mochte wohl Aehnliches durch den Sinn gehen, und ſchon von Weitem rief ich der rührigen Frau ein herz⸗ lichesHelf Gott! zu, mit der Frage:Wie geht's?Ei, das ſollten Sie doch gleich weghaben, antwortete ſie,warm geht's heute, aber gut, denn der liebe Gott hat mich ja ſo reich geſegnet. Sehen Sie nur das prächtige Futter,'s iſt zum Anbeißen. Na, das ſoll mal meinen ausgehungerten Kühchen ſchmecken. Das ſchöne, duftige Gras nahm frei⸗ lich auch mich Wunder.Ja, ja, gute Frau, ſagte ich,und

das Alles in ungefähr zwölf Tagen! (Da Alle ngeſäyr Felſ Kag⸗ ſie mir ſchnell in's Wort,wie ſie auch rechnen! In unge⸗

Was denn? fiel

fähr ſieben Tagen, lieber Herr, denn nicht wahr, heute ſchrei⸗ ben wir doch den zweiten Juni? Und als ich dieß bejahete, fuhr ſie redſelig fort:O ich weiß es kommt mir mein Lebtage über nicht wieder aus der Seele grade am heili⸗ gen Pfingſtabend war's, da hatte ich auch nicht eine Hand voll Futter mehr für meine Kühchen, und das weiß Gott, Körner kann ſich unſereins nicht erſchwingen zumal erſt heuer! Und das arme Thier ſchrie vor Hunger, daß es mir jedesmal wie Meſſerſtiche durch's Herz fuhr. Ach, Herr, das iſt ein Jammer, von dem ſich die Stadtleute nichts träu⸗ men laſſen. Da denke ich denn in meiner großen Herzens⸗ noth: lauf' hinaus, vielleicht findeſt du draußen am Rain und den Wallabhängen doch ein paar Hälmchen. Ja, du meine Güte, da war Alles noch öde und kahl, und wo ja ein Blättchen geſtanden haben mochte, war's ſchon von Andern katzekahl abgeputzt, denn mir ging's nicht allein ſo traurig.

Nachdem ſich die arme Frau in der Erinnerung an das Erlebte mit der Oberfläche der Hand die Thränen aus den Augen gewiſcht hatte, fuhr ſie fort:So gingen die lieben Pfingſtfeiertage hin, traurig genug, und hätten mir die reichen Müllersleute drüben nicht ein paar Rappskuchen geliehen, um ein bischen Tränke anzurühren, mein armes Vieh wäre vor Hunger geſtorben. Heute Morgen aber, der Tag war nicht ſo früh, machte ich mich auf und immer heidi dem

Grashau im großen Werder zu! Und da? aber nein,

ſo was muß man mit ſeinen eig'nen Augen ſehen, um es ſo recht durchfühlen zu können: Gras wie angerammt, ſpannen⸗ lang und die würzigſten Waldkräuter darunter. Mein beſter

Herr, ich lüge nicht, aber da ſtand ich denn ſprachlos vor

Freude und Herzensdank und dicke Thränen traten in meine Augen und ein ordentlicher heiliger Schauer kam über mich, wie Sonntags in der lieben Kirche, denn über Nacht mußte wohlder liebe, gute Gott mit aällen ſeinen heiligen Engeln vom Himmel herniedergeſtiegen ſein, und die zarten Pflänzchen und Gräſerchen alle herausgezupft haben. Na, denn in Gottes Na⸗ men, dachte ich, als ich die erſte Freude und Rührung über⸗ wunden hatte, und die Sichel flog dann nur ſo hin, und da, hier ſehen Sie ſelber den reichen, reichen Gottesſegen! Aber nun, behüt' Sie Gott, lieber Herr, und nichts für un⸗ gut, mein armes Vieh ſoll nun am längſten gehungert haben..

Mit dieſen Worten ſchritt ſie eiligen Schrittes, trotz der ſchweren Laſt, dem Dorfe zu.

Und ich?! Klopfenden Herzens ſah ich der braven Frau nach, auf ihr:Behüt' Sie Gott! auch nicht eines danken⸗ den Wortes mächtig, aber deſto mehr fühlte und dachte ich.

O, welch' ein kindlich-frommer Glaube! Ja, ganz gewiß, es giebt noch eine Religioſität und ein lebendiges Gottver⸗ trauen im Volke, das kein zelotiſches Geſchrei ableugnen und kein Strom des Unglaubens überfluthen und vernichten kann! Der Herr iſt Gott! Er ſpricht, ſo geſchieht's; er gebeut, ſo ſteht's da! Und die Natur in ihrem Frühlingsſchmuck und Winterkleide, in ihrem Spenden und Vorenthalten iſt eine ſeiner mächtigſten Dienerinnen.

Und wie Orgelton und Pſalmenjauchzen kam es über mich, und wieder heimelte es mich an, wie einſt auf dem Schooß der betenden Mutter, da die längſt Selige in der