Jahrgang 
1857
Seite
55
Einzelbild herunterladen

Unſer Trautmann aber dachte:ZJetzt gilt's! Hübſch aufgepaßt, Juſtus! und das ganze übervolle Herz drängte ſich auf die Lippen, und dennoch fiel es ihm ſchwer, den rech⸗ ten, gewichtigen Anfang zu finden.

Dann aber begann er:Halten zu Gnaden, Majeſtät,

wenn ein ehrlicher Harzer es wagt, vor Sie hinzutreten, aber Gott iſt mein Zeuge, es ging nicht anders!

Der König, der nach dieſem Eingang des alten Mannes wähnen mochte, es ſei ihm irgendwie ein Unrecht geſchehen, oder er appellire in ſeiner etwaigen unverſchuldeten Armuth und Noth an das ſtets zur Hülfe und Rettung offene Herz des Landesvaters, war ganz Ohr. Der alte Mann aber fuhr fort:Mein Name iſt David Juſtus Trautmann aus dem Städtchen B. im Harz, und mein Sohn Franz hat die Ehre und das Glück, in der Königsgarde zu dienen.

Des Königs Züge erheiterten ſich ſichtbar und er ſprach:

Ja, ja. Franz Trautmann, kenn' ihn, guter Soldat, werde

mal für ihn ſorgen. Natürlich war dies Waſſer auf des Alten Mühle und redſelig fuhr er fort:Meines Gewerbes ein Vogelhändler, iſt es mir mit Gottes Hülfe gelungen, den Dompfaffen hier im Häuschen ſo weit zu bringen, daß er das ſchöne Lied:Heil Dir im Siegerkranz aus dem ff zu pfeifen verſteht. Da dachte ich denn, bringſt den Vogel dem König, erſtens weil er grade das Lied ſingt, was doch Ew. Majeſtät zunächſt angeht, und zweitens als ein geringes Zei⸗ chen meiner Dankbarkeit, daß Ew. Majeſtät meinem lieben Franz immer ſo abſonderlich gnädig und wohlwollend ge⸗ weſen ſind. Und nicht wahr, allergnädigſte Majeſtät, Sie nehmen den Vogel an? Jeder muß im Leben nach ſeinen Kräften thun, wenn er's ehrlich meint, und das weiß Gott, hätte ich mehr, würde ich Ew. Majeſtät auch mehr und Beſſeres bringen.

Der König lächelte gutmüthig über den ehrlichen Mann, der nunmehr in ſeiner großen Herzensfreude das Häuschen mit dem Dompfaffen auf den Tiſch ſtellte und nun den klei⸗ nen Sänger auf alle mögliche Art und Weiſe kaſchelirte, ge⸗ nanntes Lied vorzutragen.Aber proper, Hänschen, proper, 's iſt vor Deinem Herrn und König! ſchwatzte er mit dem Dompfaffen, der denn auch Wort für Wort zu verſtehen ſchien, denn augenblicklich ſetzte er ſich auf ſeinem Stängel⸗ chen zurecht, reckte das Köpfchen etwas in die Höhe und ſang dann das:Heil Dir im Siegerkranz mit einer Meiſter⸗ ſchaft und Vollendung, wie noch nie. Der König hoch erfreut darüber, fragte den alten Mann:Was der Vogel koſten ſolle? Der alte Juſtus Trautmann antwortete ſchnell: Halten zu Gnaden, Majeſtät, Geld will und mag ich dafür nicht nehmen. Ei, das ließe auch! und meiner Seele, deswegen bin ich nicht nach Berlin gekommen! Wenn aber mein allergnädigſter König und Herr das Thierchen anneh⸗ men und lieb haben will, dann macht der Gedanke, daß es in Ihrem Zimmer pfeift und ſingt, mich zum glücklichſten Menſchen des ganzen Harzgebirges und zum erſten Vogel⸗

händler der Welt.Soll geſchehen, braver Mann, ſoll

geſchehen! antwortete der König und gab dann dem Kam⸗

Guter Kath in

Nur mit einem flüchtigen Worte darf der gehorſamſt Unter⸗ fertigte ſeine werthen Kunden heute begrüßen, damit ſie wenig⸗ ſtens erſehen, daß er noch wohl auf iſt. Ehre, dem Ehre gebührt! Sr. Majeſtät, König Friedrich Wilhelm hat diesmal unſerLeſe⸗

merherrn den Befehl, dem Vogelhändler in einem Nebenflügel

des Schloſſes eine Wohnung einzuräumen, ihn anſtändig zu bewirthen und ihm alles Sehenswerthe Berlins zeigen zu laſſen. Insgeheim aber war der Kammerherr vom König beauftragt, den alten Mann auszuforſchen, was ſo wohl ſein Herzens⸗ wunſch ſei und womit ihm am meiſten gedient ſein möchte.

Natürlich, daß nun auf der Wanderung durch Berlin erſt ſein Franz, der Königsgardiſt, aufgeſucht wurde; und daß da die Freude des Wiederſehens eine große war, wer wird's bezweifeln?

Acht ganze volle Tage blieb Juſtus in der prächtigen Königsſtadt und lebte wie der Vogel im Hanfſamen, bis denn doch endlich die Sehnſucht zu Anneloren und zu ſeinen trauten, heimiſchen Bergen erwachte. Auf königliche Koſten fuhr er mit der Poſt wieder zurück

Es war grade am heiligen Weihnachtsabend. Draußen herrſchte der Winter in ſeiner ganzen Strenge, und der Sturm fegte wild und toll den Schnee von den Dächern und Straßen und heulte unheimlich im Küchenſchlot.

manns. Auf dem Bänkchen am warmen Kachelofen ſaßen die beiden alten Leute in feierabendlicher Ruhe und Juſtus erzählte ſeiner aufhorchenden Annelore von Berlin, vom König und von Franz, und mehr denn einmal wurde er von ihrem neugierigen Gefrage nach Dieſem und Jenem unter⸗ brochen.

Da pocht es plötzlich an der Thür, ein ſeltener Fall bei dieſem Wetter und noch ſo ſpät Abends, und als ſie ſich auf dasHerein! Trautmanns öffnete, tritt der Bürgermeiſter mit dem Kaufmann Lüdemann in's Stübchen, und Neugier und Verwunderung, Schrecken, Angſt und Kummer packen die alten Leute. Lange aber dauert die Scene nicht, da ändert ſie ſich, denn Herr Lüdemann überreicht dem alten Juſtus die Quittung über die betreffenden 500 Thaler Haus⸗ ſchuld, nebſt Zinſen bis Neujahr. Kein Wunder, daß die Alten ganz verblüfft daſtehen und den Vorfall nicht faſſen und erklären können. Da aber nimmit der Bürgermeiſter das Wort und erzählt den Erſtaunten, daß ihm erſt vor einigen Stunden mit der Poſt vom königlichen Kämmerer in Berlin 500 Thaler nebſt Zinſen zugekommen, um, wie es buchſtäblich im Schreiben geſtanden, damit den Herzens⸗ wunſch des alten Trautmann zu erfüllen und die drückende Hausſchuld zu tilgen; was von Amtswegen auch ſofort geſchehen.

Zu viel, zu viel! ſchluchzte Annelore unter Dankes⸗ und Freudenthränen. Juſtus hingegen ſprach tiefgerührt: O Du mein Gott und Herr, welch ein gnädiger König! Dann aber rief er mit bebender Stimme aus dem übervollen Herzen heraus:Gott erhalte den König, unſern König, und ſein ganzes Haus bis auf alle und ewige Zeiten! Amenl klang es wie aus Einem Munde in dem kleinen Kreiſe nach, und ich denke, ihr, die ihr das kleine Geſchicht⸗

von Herzen beiſtimmen.

offenen Briefen.

ſtübchen in Beſchlag genommen. Da beſcheidet ſich Dr. Rath⸗ geber in Demuth, daß er den vollen Säckel ſeiner menſchenfreund⸗ lichen Mittheilungen erſt in den nächſten Nummern leeren darf. Dann ſollen auch die vielen Anfragen pflichtſchuldigſt beantwortet

Deſto gemüthlicher war's im kleinen Stübchen bei Traut⸗

chen geleſen, werdet dieſem frommen patriotiſchen Wunſche