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Rönig Friedrich Wilhelm III. und der Vogelhändler. Ein Geſchichtchen von L. Würdig.
Die Vogelhändler aus Thüringen und der Harzgegend in ihren blauen Leinwandkitteln und tuchnen Gamaſchen, die zur Frühjahrs⸗ und Herbſtzeit mit den verſchiedenſten Sorten Singvögeln in ſauber geſchnitzten Häuschen Städte und Dörfer durchziehen, ſind euch Allen gewiß ſchon lange bekannt.
Ja noch mehr, ich wollte d'rauf wetten, daß es Viele unter euch gibt, in deren Stuben ſo ein Thüringer oder Harzer Vögelchen, als ein Zeiſig, Stieglitz, Fink, Kanarien⸗ vogel, oder gar ein Dompfaffe(welchem oft die ganze Me⸗ lodie irgend eines Stückleins mühſam einſtudirt wird) fröhlich ſein Liedchen ſingt.
Doch auf unſere kleine Geſchichte zu kommen. Alſo: „Horch nur, Annelore, horch nur, Ton für Ton!“ rief eines Tages hocherfreut der Häusler und Vogelhändler Juſtus Trautmann zu ſeiner eben in's Stübchen tretenden Ehehälfte, und meinte damit einen prächtigen Dompfaffen in einem dicht verhangenen Bauer, der das Preußiſche Königs⸗ und Vater⸗ landslied:„Heil Dir im Siegerkranz“ nach unſäglichen Mühen erſt ſeit einigen Tagen gar wunderherrlich zu pfeifen verſtand.„J ja doch, Juſtus, ja doch,“ entgegnete die An⸗ geredete;„das iſt Alles recht gut und ſchön, aber ſo lange der Vogel da bei uns auf der Spinde ſingt, bringt er uns auch nicht einen Heller ein, im Gegentheil— koſtet nur Geld und die Zinſen bei Kaufmann Lüdemanns von den Fünf⸗ hundert Thalern Hausſchuld werden dadurch nicht bezahlt. Drum thu nur, wie ich Dir ſchon geſtern gerathen, und lauf hinüber zum Amtsinſpector. Der alte kinderloſe Herr iſt ganz vernarrt in das Thierchen, und wie ich ihn kenne, gibt er Dir gerne ein paar Thaler dafür.“
Vater Trautmann entgegnete kein Sterbenswörtchen auf die ziemlich eindringlichen, aber beſonnenen Rathſchläge ſeiner Frau, und allerdings— wenn er an die halbjährlichen Zin⸗ ſen dachte, die Neujahr fällig waren, fiel's auch ihm ſchwer auf die Seele.
„Na, Juſtus, haſt Du Dir die Sache gehörig über⸗ legt?“ nahm Annelore nach einer Weile das Wort wieder.
„Ja, wenn wir reiche Leute wären, die ſich ſo ein Dings da
zum Pläſier halten könnten,— o dann in Gottes Namen. Aber ſo? ach du meine Güte! Und übrigens iſt’s Dein ehr⸗ liches Gewerbe, Du handelſt mit der Waare, und wahrhaf⸗ tig,— Du wärſt mir ein miſerabler Handelsmann, wenn Du den Gimpel(Dompfaffen) nicht an den Erſten, Beſten hingeben wollteſt. Und dann noch, Juſtus—“„Pſt, pſt!“ wehrte der alte Mann mit Mund und Hand, denn im ſelben Augenblick begann der Vogel wieder ſein„Heil Dir im Sie⸗ gerkranz“ zu pfeifen.
Dem alten Mann wurde es ſiedend heiß unter dem lin⸗ ken Latztheil, wo das Herz lieg’t. So war's ihm faſt noch nie geweſen. Unwillkürlich mußte er den Kopf ſenken und wie zur frommen Andacht die Hände falten. Auch über Mutter Annelore mußte Aehnliches gekommen ſein, denn nicht umſonſt fuhr ſie mit der einen Hand über's Geſicht weg und mit der andern ſpielte ſie verlegen am Schürzenbändel.
Als der Vogel mit dem Stücklein zu Ende war, ergriff der alte Mann das Wort und ſprach in einem ganz aparten Ton:„Nicht zum Amtsinſpector, Annelore, nicht zu ihm, ſo
Kleine Mittheilungen zur Kurzweil und Belehrung.
ſehr ich auch ſonſt den alten Herrn reſpectire. Aber diesmal geht's nicht, durchaus nicht! Und nun noch Eins, Mutter,
noch Eins, nämlich: quirle mir um's Himmels Willen nicht
in mein Plänchen hinein, das ich mir ſchon ſeit vielen Wo⸗ chen in dem alten Kopf zurecht gelegt habe. Aber Du ſollſt Alles erfahren, Alles, Alles! So höre. Nach Berlin will ich mit dem Vogel, nach Berlin! Aber nicht um ihn dort an jeden Pinſel und Hansnarr, der mir ein paar Thaler dafür in die Hand drückt, zu verkaufen, ſondern nach Berlin— zum König,— zu meinem König und Herrn, der die Gnade haben wird, den Vogel aus der Hand eines ſchlichten, ehr⸗ lichen Mannes anzunehmen als ein ganz geringes aber herz⸗ liches Zeichen meiner lebenslangen Dankbarkeit dafür, daß er unſern braven Sohn Franz in die Königsgarde genom⸗ men und ihm erſt noch neulich in Potsdam bei einer kleinen Dienſtleiſtung das allergnädigſte Verſprechen gegeben hat, auch fernerhin landesväterlich für ihn zu ſorgen. Iſt's recht ſo, Annelore, iſt's recht ſo?“
„O, Juſtus, der Gedanke kommt vom lieben Gott!“ rief hocherfreut die alte Frau, bei der mit einem Schlag alle etwaigen Bedenken beſeitigt waren, da ſie den König und ihren Sohn, den braven Franz, hatte nennen hören.—
Kurz und gut,— die Sache war abgemacht und andern Tages ſchon war der alte Juſtus Trautmann mit dem Dom⸗ pfaffen auf dem Wege nach Berlin, begleitet von Mutter Annelore's heißeſten Segenswünſchen.—
Und es ging auch ſo halbweg, trotz der hohen Sechziger des alten Mannes und des böſen Wetters, das ſich aufge⸗ macht, denn es war im Dezember.
Und wenn die alten Knochen dann und wann doch mal verſagen wollten, pfiff er aus dem treuen preußiſchen Herzen heraus, gleichſam zur Erwärmung, Erhebung und Be⸗ geiſterung, das ſchöne Königs⸗ und Vaterlandslied:„Heil Dir im Siegerkranz“ und der Dompfaffe fiel mit ein und pfiff melodiſch weiter:
„Herrſcher des Vaterlands, Heil, König, Dir!“
Endlich, nach ſechs langen mühſamen Tagereiſen war das Ziel der Wanderung erreicht, und auch glücklicher Weiſe der König in Berlin. Unſerm ſchlichten Harzer Vogelhändler popperte nun doch das Herz im Leibe, als er den Morgen drauf vor dem Königlichen Palais ſtand und vielleicht auch ſchon in der andern halben Stunde vor dem hohen Bewohner deſſelben,— dem König.—
Mit einem frommen:„Walt's Gott!“ in das er chriſt⸗ gläubig alle ſeine Hoffnungen, Zweifel und Befürchtungen legte, ſtieg er die ſchöne, breite Treppe hinauf, wurde bald darauf von einem dienſtthuenden Kammerherrn empfangen, der ihn dem Könige meldete, und ſchon nach einigen Minuten öffnete ſich die Thür, in der die hohe, Ehrfurcht gebietende Geſtalt des Königs erſchien und ihn mit einem kurzen, militairiſchen„Eintreten!“ empfing.
Einen Augenblick fixirte der König den ſeltenen Gaſt, der ihm nunmehr mit der ganzen Offenheit und Unerſchrockenheit des ehrlichen Mannes in ſeiner ſchlichten Alltagskleidung gegenüber ſtand, aber wahrſcheinlich eben dadurch einen guten Eindruck auf den königlichen Herrn machte.
„Wohl weit her nach Berlin gekommen? und wozu, weshalb?“ fragte der König immer noch in der gemeſſenen Art und Weiſe, die ihm ſo eigen war.
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