Jahrgang 
1857
Seite
39
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Waldemar belagerte ſeinen rebelliſchen Vaſallen, der ſich lange Zeit hindurch tapfer vertheidigte, jedoch endlich der Uebermacht weichen mußte. Bei Nacht und Nebel ergriff der Ritter die Flucht, nachdem er ſeine Schätze in den Burg⸗ brunnen verſenkt, und die Föhrer behaupten, daß die Schätze ſich noch immer da befinden, daß aber der Brunnen zu tief ſei, um auf deſſen Grund kommen zu können. Man findet ihn noch daſelbſt, er beſteht aus einem kleinen runden Loch in der Mitte der Umzäunung; allein ich hege den Verdacht, daß die Schätze Limbek's hier nicht vergraben ſind und daß dieſer Erdwall nie eine Burg umſchloſſen hat. Wahrſchein⸗ lich iſt der Ort einer der ſogenannten Freiberge geweſen, eine geweihete, heilige Stätte, wohin der Verfolgte ſich vor der unter den alten Nordfrieſen üblichen Blutrache retten konnte.

Vom Gipfel dieſes Walles aus hat man einen Ueber⸗ blick über die ganze Inſel. Auf einer Seite die Marſch mit ihren zahlreichen Viehheerden, auf der andern die Geeſt mit Kornäckern und gefurchten Kartoffelfeldern, mit Dörfern und Kirchen, und um das Ganze ſchlingt das Meer ſeinen in der Sonne funkelnden Rahmen. Die leichte Luft über der See rückt Einem die Gegenſtände näher; die Mühle bei Dageböl ſcheint nur einen Flintenſchuß von Wyck entfernt, und die Dünen auf Amr'am und Sylt erheben ihren glitzernden Saum dicht hinter dem weſtlichen Deiche.

Unter die nicht wenigen Einrichtungen an der Weſtküſte, die aus Holland ſtammen, gehören auch die Vogelköge. Von dieſen befinden ſich drei auf Föhr und einer auf Sylt. Der Vogelkog bei Borgſum iſt der größte. Er iſt von Wällen und Gräben umgeben, und eine Brücke oder richtiger ein Balken, der als Brücke dient und fortgezogen werden kann, führt zu ihm hinüber. Innerhalb des Walles liegt eine Hütte, die in der Fangzeit von dem Kogmann bewohnt wird, und nur mit ſeiner Erlaubniß und in ſeiner Begleitung wird es Einem geſtattet, den Kog zu beſehen.

Jan Johannen, der den Kog bei Borgſum für die Actiengeſellſchaft, die ihn beſitzt, verwaltet, iſt eine klaſſiſche Figur. Wäre ich ein Maler, ich würde Dir das ſonnen⸗ verbrannte, runzlige Antlitz zeigen, mit ſeinen lebhaften grauen Augen, die ſtets umherkreiſend, ſpähende Blicke nach allen Seiten werfen. Du ſollteſt ihn in einem Gewand er⸗ blicken ſonder Gleichen: in einem blauwollenen Hemde, offen über der breiten, behaarten Bruſt, in einem Beinkleid von unnachahmlichem Schnitt, einem Beinkleid, welches unter den Armen beginnt, und in gemeſſener Entfernung von den Knöcheln endigt, und von allen Dingen die größte Aehnlich⸗ keit mit einem Sack und zwei kurzen Futteralen für die Beine hat. Jan benutzt es auch ebenſo ſehr als Sack wie als Bein⸗ kleid: die Taſchen ſind ſtets mit Korn gefüllt, womit er ſeine Enten füttert. Auf dem Kopfe trägt er eine Nachtmütze und an den Füßen ein paar ungeheure Holzſchuhe. Dies iſt ſeine Alltagskleidung; wenn er aber Vögel fängt, iſt er ganz anders angezogen. Dann wirft er einen Sack über die Schulter, drückt einen Hut wie ein halbes Scheffelmaß auf den Kopf, und hängt ſich, damit die wilden Enten ihn nicht wittern, eine Pfanne mit Torfkohlen um den Hals.O, die ſind liſtig, ſehr liſtig, ſagte er und drohte mit der Hand, aber ich prelle ſie doch. Kommen Sie, ich werde Ihnen zeigen, wie ich es mache.

Der alte Jäger ergriff meine Hand und zog mich in's Gebüſch. Wenige Schritte führten uns an das Ufer eines Teiches, in welchem mehrere Enten umherſchwammen und den Chorrab rab anſtimmten, ſobald ſie den Kogmann erblickten. Jan griff in die Taſche und warf ihnen eine

Hand voll Korn zu; darauf begann er ſeine Auseinander⸗ ſetzung:

Ein Kog beſteht aus einem ziemlich großen Teiche, von welchem in verſchiedenen Richtungen Canäle ausgehen, die ſich im Gebüſch im Sande verlaufen. Dieſe Canäle (PPfeifen) fangen am Teiche breit an und laufen allmälig, indem ſie ſich wie ein Horn krümmen, ſpitz zu. Wenn die Fangzeit entweder gegen Ende Auguſt oder zu Anfang des September beginnt, wird ein Netz über die Pfeife, am Teiche in einer ziemlichen Höhe über der Waſſerfläche, weiterhin jedoch immer niedriger, ausgeſpannt, dergeſtalt, daß es an dem äußerſten Ende der Pfeife, das im Gebüſche liegt, faſt die Erde berührt und um die Reuſe ſchließt, die am Ende des Canals geſtellt iſt. An jeder Seite der Pfeife befinden ſich manneshohe Strohgeflechte, ein Geflecht dem andern vorgeſchoben, wie die Couliſſen auf einer Bühne.

Die Fangkunſt beſteht in dem Anlocken der wilden Vögel, meiſt der Enten, am Kog, und wenn ſie dort ſind, darin, daß ſie in die Pfeife und hinauf in die Reuſe gehen.

Zu dieſem Zwecke werden alljährlich von den eingefan⸗ genen Enten ein- oder zweihundert ausgehoben und in die Univerſität eingeſperrt wie Jan die kleine Erdhütte nennt, die hierzu eingerichtet iſt und wenn ſie etwas zah⸗ mer geworden, werden ſie unter die zahmen Enten und die völlig gezähmten wilden Enten in den Teich gelaſſen. Vom Herbſt bis zum künftigen Frühjahr werden ſie hier gefüttert. Unterdeß wachſen die Schwungfedern, die wilde Natur er⸗ wacht auf's Neue, und wenn die Enten des Meeres nord⸗ wärts ziehen, verlaſſen die halbgezähmten Vögel ihre zahmen Freunde, ſchließen ſich ihren wilden Gefährten an und ziehen mit dieſen ab, ohne zu ahnen, daß ſie gerade dadurch ihre Beſtimmung erfüllen, und daß ihre Anweſenheit den Keim zum Tode und Verderben des ganzen Fluges legt. Jan Johannen reibt ſich die Hände, wenn er ſieht, wie der eine Deſerteur nach dem andern ausreißt, allein er reibt ſie noch einmal, wenn der Herbſt erſcheint und der Flüchtling, der auf ſeiner Reiſe gen Süden ſich des alten Futterorts erin⸗ nert, wiederum in den Teich einfällt, ſich ſcheu unter den alten Freunden umſieht, das Futter koſtet, davon fliegt und wiederkommt nicht allein, ſondern begleitet von dem gan⸗ zen Fluge, der ſich nun, von der Anweſenheit der zahmen Enten angelockt, plötzlich in den Teich wirft. Jan Johannen iſt ſogleich bei der Hand. Den Sack um die Schulter, die Torfkohlenpfanne um den Hals und die Taſchen voll Korn, ſteht er hinter der Couliſſe und wirft das Futter am Ein⸗ gange derjenigen Pfeife aus, welche gegen den Wind liegt. Wilde und zahme Enten ſtürzen ſich auf das Futter. Er wirft jetzt eine Handvoll etwas weiter hinein: die wilden Enten eilen dem Futter nach, während die abgerichteten, die daran gewöhnt ſind, das ihrige nur im Teiche ſelbſt zu be⸗ kommen, zurückbleiben. Wie eine Katze eilt Jan von Cou⸗ liſſe zu Couliſſe buſcheinwärts, ſeine Lockſpeiſe ſäend. Die wilden Enten folgen; ſie ſind bereits unter dem Netze, ſie entgehen ihrem Geſchicke nicht. Plötzlich wirft der Jäger den abgerichteten Enten, die am Eingange der Pfeife harren, eine Handvoll Korn zu und tritt ebenſo ſchnell aus den Cou⸗ liſſen hervor, mitten zwiſchen die wilden Enten und den Teich. Erſchreckt ſtürzen die armen Gefangenen vorwärts, das Netz umgibt ſie auf allen Seiten, der Kogmann ſchnei⸗ det ihnen den Rückzug ab; es ſcheint nur Ein Ausweg offen zu ſein, aber derſelbe führt in die Reuſe und den Tod. Kaum ſind die wilden Enten in der Reuſe, ſo ſchnürt Jan mit gewandter Hand dieſelbe zu. Ein Griff um das Genick