Jahrgang 
1857
Seite
38
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Kleine Mittheilungen zur Kurzweil und Belehrung.

Der Faſtnacht Rurzweil. Von Karl Stöber.

8.

Einmal als an der Tafel des Herzogs von Ferrara die

Unterhaltung ausging und auch der Witz des Hofnarren Gonelli auf der Neige war, fragte er, welches wohl die größte Zunft in der Stadt wäre? Worauf der Herzog meinte, die Zunft der Schneider, indem es Kleider⸗Zelt⸗Flick⸗Leiſten⸗ Stroh⸗Haar⸗Stein⸗Glas⸗ Beutel⸗Vor⸗ Zu⸗Auf⸗ und andere Schneider gebe.

Gonelli aber ſtimmte ihm nicht bei,

ſondern verſicherte, er wolle eine noch weit größere Zunft

namhaft machen, wenn man ihm dazu Zeit gönne bis morgen. Und den andern Tag that er einen großen ſeidenen Zahn⸗ bund um, verſtellte ſeine Geberden und ging in der Stadt umher von einer Gaſſe in die andere. Es kannte ihn aber Jedermann und wer ihn kannte, fragte nicht nur, was ihm fehle, ſondern rieth ihm auch dies und das. Der verordnete ihm Rautenblätter und Salbei. Damit ſolle er das Zahn⸗ fleiſch reiben, bis der Schmerz nachlaſſe; das helfe ganz ge⸗ wiß. Wieder Einer rieth, er dürfe nur weißes Jungfern⸗ wachs in den Zahn drücken, in den hohlen, ſo müßten die Würmlein darin erſticken und aufhören zu nagen. Ein An⸗ derer ſagte, für's Zahnweh gebe es nichts Beſſeres, als die gebrannte Aſche von Hirſekörnern; der Herr Gonelli möchte ihm nur die Ehre ſchenken und ſich ein Schächtelein davon holen. Am rathſeligſten erzeigten ſich die Weiber, und eine derſelben verſicherte ihn, wenn er dreimal in den Knochen eines Todten beiße und dabei aus Herzensgrund ſeufze Sparlare ſparlato ſparlamento ſo wird es beſſer mit ihm werden. Gonelli aber hatte einen zuſammengerollten drei Ellen langen und drei Finger breiten Streifen Pergament bei ſich und ſchrieb darauf alle Namen der barmherzigen Brüder und Schweſtern, welche ihn mit Recepten verſorgten. Und als er Abends in das Schloß zurückgekommen war, ſtellte er ſich mit ſeinem Zahnbund unter die Kammerherren, daß ihn der Herzog nicht allein ſah, ſondern auch einem Edel⸗ knaben befahl:Geh, und hol dem armen Teufel von meinem Mithridat, der wird ihm ganz gewiß gut thun. Aber Go⸗ nelli nahm ſeinen Zahnbund ab und ſagte:Glück zu, Herr Gevatter! Ihr ſeid der zweihundertneunundneunzigſte, der mir heute etwas verordnet. Die Zunft der Doctoren iſt die größte in Ferrara.

9.

Wenn man von den Heiligen redet, darf man am aller⸗ wenigſten die wunderlichen vergeſſen. Und der König Wenzel war einer von ihnen. Denn als einmal die Leute lang nicht ins Holz gehen konnten von wegen des Schnees, der ihnen den Weg verlegte, und doch die Kälte ſehr grimmig war, holte er nächtlicher Weile die größten Wellen aus den Holzgewölben der Hofburg und ſtellte ſie den armen Leuten vor's Haus. Und wenn nun am Morgen ſo ein breſthaftes Weiblein die Thüre öffnete, fiel ihm die Laſt entgegen und warf es ſchier über den Haufen; aber es zürnte nicht, als über einen Streich, den ihm böſe Buben geſpielt hätten, ſondern ſegnete den barmherzigen Nachtvogel und machte ſich flugs mit dem Hand⸗ beil über die dicken Prügel her. Und wunderlich hin, wun⸗

derlich her, daß der König ſich ſelbſt bemühte und nicht ſeine Hofbedienten, die Faullenzer und Tagdiebe! Aber erſtens waren ihm die Sternlein am Himmel liebere Zuſchauer, denn die Leute, welche Auge, Fenſter und Maul ſo weit aufreißen, wenn die Könige und Fürſten ſpenden, und dann weiß wohl der freundliche Leſer ſelbſt, wie geweiht die Gaben ſind, die da gleichen dem Brode vom Himmel, davon geſchrieben ſteht: Und am Morgen, da der Thau weg war, ſiehe, da lag es um das Heer her rund und klein, wie der Reif auf dem Lande oder die da gleichen dem Wind, davon Chriſtus ſpricht:Der Wind bläſet, wo er will, und du ſpürſt ſein Wehen wohl, aber du weißt nicht, von wannen er kommt. Aber der Holz⸗ meiſter des Königs, als er merkte, daß ſeine Wellen Füße be⸗ kämen, und zwar die ſchweren weit mehr, als die leichten, ſagte er es ſeinem Herrn an und drohte dabei, daß er dem Holzdieb Arm und Bein abſchlagen wollte. Da beförderte ihn der wunderliche Heilige, ſein Herr, flugs zum Brunnen⸗ meiſter; ſeine Stelle aber ließ er unbeſetzt, bis die größte Kälte vorüber war, und dann erkor er einen gichtbrüchigen Gärtner zum Holzmeiſter.

Ein Entenkog in Schleswig. (Aus dem Däniſchen.)

Biſt Du ein Feinſchmecker, geehrter Leſer, dann begieb Dich nach Föhr im Monat September. Nicht weil die föhriſche Küche gerade zu empfehlen iſt Du biſt vielleicht nicht gerade ein Liebhaber von Mehlpudding und Mehl⸗ klöſen, aber hart an der Einfahrt zum Hafen Wyck liegt eine Auſternbank und gegen die Mitte des Monats Septem⸗ ber iſt die Auſter immer vortrefflich. Geh' an Bord einer der kleinen Yachten, die auf den Fang ausfahren; während der Wind die Segel ſchwellt und das Fahrzeug unter der Küſte hingleitet, ſchleift der Schaber über die Bank und bald erblickſt Du auf der Luke ein Gericht von dieſen Perlen muſcheln der Nordſee, die nur eines wohlangebrachten Schnitts harren, um Dein Auge und Deinen Gaumen zu ergötzen.

Biſt Du ein Feinſchmecker, dann vergiß auch nicht, die Vogelköge zu beſuchen. Wenn Du auf meinen Rath achten willſt, beſuchſt Du einen ſolchen am Borgſum und läßt Dir von Jan Johannen friſchgefangene Krickenten, in ihrem eigenen Fett gebraten, vorſetzen. Das Tiſchzeug beſteht allerdings aus nicht viel mehr als Scherben, und wenn Du nicht Meſſer und Gabel mit Dir führſt, ſetzeſt Du Dich einer ſchlimmen Verlegenheit aus. Doch ſelbſt fürſtliche Perſonen haben in der Hütte Jan Johannen's geſpeiſt deshalb friſch an's Werk, der Verſuch belohnt ſich.

Machen wir einen Ausflug nach Borgſum.

Ein Strecke von Boldixum führt der Weg zur Linken, dem Mittelberge und dem Gedenkſtein Friedrich des Sechsten vorüber, nach Niebelum und weiter fort nach Borgſum. Von hier aus machen wir einen kleinen Abſtecher nach der ſogenannten Schanze oder Burg, die nordwärts von dieſem Dorfe liegt. Es iſt ein mächtiger runder Erdwall, und die Sage erzählt, daß einſt innerhalb dieſes Walles eine Burg geſtanden, die dem Ritter Claus Limbek gehörte. König

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