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Hessische Volkszeitung.
N 27.
Mittwoch, 28. Juni
1848.
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Die Arbeiter frage.
Die Frage vornehmster Wichtigkeit für unsere Zeit ist die Arbeiterfrage. Nicht die Entwickelung der Begriffe von Staat und Recht, nicht, wie man sich ausdrückt, das„zur Reife gediehene politische Bewußtsein“ ist es, welches unsern neuen Zustand herbeigeführt hat; es ist einzig und allein die Lage des arbeitenden Theils des Volkes.
Diese, die große Menge drückende Lage, wurde für sehr Viele durchaus unerträglich; fast alle Welt aber fühlte sich dadurch zunehmend gedrückt. Hierin liegt der Grund, daß die arbeitende Classe überall nach⸗ haltige Anstrengungen machte, einen verbesserten Ge⸗ sellschaftszustand zu erringen. Selbst die Hebung der Bildung unserer Handwerker hat zum Theil da ihre Wurzel.
Das Nothjahr 1846 vermehrte die Noth der Ar⸗ beiter, und reifte die Sache.— Hätten wir in unse⸗ rer Nähe noch große Strecken Landes, das um ein Geringes käuflich wäre, hätte der Handwerkerstand Gelegenheit, ohne große Anstrengungen Arbeit zu finden; so hätte sicherlich noch ein zweites Hungerjahr auf das erste folgen, und noch viel schlechter re⸗ giert werden können,— wir wären gleichwohl nicht dahin gekommen, wo wir sind. In den großen Städten wurde unsere neue Freiheit erkämpft, und in diesen hauptsächlich durch die Handwerker.
Einem so wichtigen Gegenstand, wie die Arbeiter⸗ frage, schenkten aber die Regierungen lange so gut wie gar keine Rücksicht. Weder die Menschlichkeit, noch die Klugheit führte sie dazu. Im Gegentheil, sie steigerten jahrelang das Uebel selbst. Es sind noch nicht gar viele Jahre her, daß von allen Lehr— stühlen herab aus der wachsenden Bevölkerungszahl die zunehmende Blüthe des Landes bewiesen wurde. Die Sache hatte Verführerisches. Mit der zuneh⸗ menden Bevölkerung stiegen die Bodenerzeugnisse und die Hausmiethen, die Capitalien in Grundstücken und Häusern verdoppelten sich dadurch. Daneben wurde die Arbeit durch den zunehmenden Mitbewerb(Con⸗ currenz) wohlfeiler und besser. Die Landbebauer, denen Niemand mehr Geld leihen wollte, weil sie neben den Abgaben die Zinsen nicht mehr aufbringen konnten, fanden wieder Darleiher, und man war so kurzsichtig, das Auswandern zu beungünstigen, um Dieß
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Alles noch höher zu treiben, noch mitzuwirken, daß
der sich immer straffer spannende Bogen noch weiter gespannt werde. Die Welt hatte ja so lange schon gestanden, und Uebervölkerung hatte sie noch nicht umgestürzt. Seuchen und Kriege hatten immer wie⸗ der Luft gemacht. Damit scheint man sich getröstet zu haben. Die ersten Anzeigen des Sturmes, der jetzt losgebrochen ist, hat man gesehen; man hat sie nicht in ihrer wahren Bedeutung gewürdigt; man hat sie mit vornehmem Aburtheilen für beseitigt geach⸗ tet. Nun ist es nicht mehr so. Niemand kann mehr die Wichtigkeit der Sache leugnen. Hätte nicht un⸗ sere Landwirthschaft in derselben Zeit, wo unsere Bevölkerung stieg, sich bedeutend verbessert, so daß der Ertrag des Bodens ebenfalls ein bedeutend grö⸗ ßerer, als früher, geworden ist; so hätte schon frü⸗ her eintreten müssen, was jetzt eingetreten ist.
Die Arbeiterfrage muß erledigt werden, mögen wir eine Staatsform haben, welche wir wollen, un⸗ beschränktes Fürstenthum, eingeschränktes Fürstenthum oder Republik. Derjenige Staat, der sie am schnell⸗ sten an die Hand nimmt, und am besten löst, wird der festeste sein, und wäre er unumschränktes Füsten⸗ thum.(Man fragt vielleicht: wie kann man nur den Gedanken haben, ein„Despot“ werde die Ar⸗ beiterfrage lösen wollen! Darauf antworte ich: Denkt an Kaiser Joseph, er despotisirte, um kräftiger für das Heil der Menschheit zu wirken). Die Sociali⸗ listen waren auch seither, glaube ich, darüber einig, daß sie nicht diese oder jene Staatsform, sondern daß sie thatsächliche Verbesserungen des Arbeiterzu⸗ standes schaffen müßten.) Republikaner sagen uns zum Theil, die Arbeiterfrage sei keineswegs eine vom Staat zu erledigende Sache; sie sei eine Privatsache. Es sind dieß die„Rechtsstaats-Män⸗ ner,“ deren Zahl bisher noch eine große war, die jetzt aber rasch schmilzt. Andere Republikaner sagen, daß für die Lösung der Arbeiterfrage nur Heil von
*) Sollte ich dieses vielleicht nicht aus Druckwerken nach⸗ weisen können, so habe ich es doch öfters im Munde von Socialisten gehört. Ich nenne hierfür namentlich Sebastian Seiler; leider muß ich jetzt fast glau⸗ ben, er sei kein recht Eingeweihter gewesen„denn er sagte mir: der wahre Verfasser von Weitling's Schrift sei A. Becker; der„jüngste Tag“ hat aber neulich eine Erklärung gegeben, die Dem widerspricht.


