ausgerufen werden solle, ist darunter nicht verstan⸗ den.)— Da in Gießen bereits ein republikanischer Verein besteht, so darf man wohl schließen, der neue Verein habe eigentlich zum Zweck, den Märzverein und den republikanischen Verein thatsächlich zu ver⸗ schmelzen, und habe hierzu den Anlaß benützt, welchen der Aufruf zu allenthalben zu errichtenden und mit einander in Verbindung zu setzenden demokratischen Vereinen geboten hat.
Tagesneuigkeiten.
Aus Westpreußen, 21. Juni. Ein furchtba⸗ res Gewitter, von einem Orkane getragen, tobte längs den Ufern der Weichsel von Danzig bis Brom— berg herabziehend, durch unsere Provinz, also auf einer Länge von 40 Stunden Wegs. Die ältesten Leute können sich eines ähnlichen Unwetters nicht er⸗ innern. Meilenweit liegen die Saaten vom Hagel⸗ schlage niedergeschmettert. Bäume und Alleen wurden entwurzelt, Gebäude auf dem Lande wie in der Stadt eingestürzt, Postwagen umgeworfen ꝛc. Der Unglücks⸗ fälle sind viele. In Marienburg schlug der Blitz wiederholentlich in's Schloß ein, jedoch ohne zu zün⸗ den; dasselbe geschah in Marienwerder in der schö⸗ nen Domkirche; Bromberg dagegen hat seinen schön— sten Schmuck verloren: die beiden prächtigen Thürme der Jesuitenkirche wurden bis auf das Mauerwerk vom Sturm eingestürzt. Den größten Schaden hat der Landmann erlitten.
Berlin. Die Provinzen lassen mehr und mehr vernehmen, daß sie über das verfassungsmäßige Kö⸗ nigthum nicht hinausgehen wollen.
Straßburg. Eine telegraphische Rachricht von Paris vom 27. Juni Abends sagt: Die Ruhe ist in Paris wieder hergestellt; die Natioualgarden strö— men von allen Punkten Frankreichs herbei. Eine telegraphische Nachricht vom 28. 9 Uhr Morgens befiehlt Einstellung der Bewegung der Nationalgar⸗ den nach Paris, wo ihre Gegenwart unnütz wäre.
Paris. Die genaueren Nachrichten über die Schlacht in der Stadt und den Vorstädten sind, wie zu denken, schauderhaft. Es sind Verstümmelungen von Lebenden und von Leichen vorgekommen, Nie⸗ dermetzelungen von Besiegten, Brandstiftung und Plünderung.(Für die Einzelnheiten hat die V. Z. nicht Raum.)— Alle politischen Mauernanschläge, die nicht von der Regierung ausgehen, sind verbo⸗ ten. Es ist verboten, ohne Erlaubniß der Munici⸗ palbehörde Drucksachen auf der Straße auszurufen oder zu verkaufen. Die Drucker sind mitverantwort⸗ lich für das, was sie drucken. Viele gefangene Aufständische erklärten auf den Vorhalt, warum ste
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sich nicht besser uber die wahre Thätigkeit der Na⸗ tionalversammlung unterrichtet hätten, daß sie nur Journale um 1 Sous oder unentgeltlich vertheilte lesen könnten, und diese hätten ihnen Anderes versichert.
Neapel. Bis zum 18. war die Hauptstadt noch ruhig; in den Landschaften wachsender Aufstand.
Berlin. Die neuen Minister sind: v. Auers⸗ wald, Ministerpräsident, zugleich interimistisch für die auswärtigen Angelegenheiten; Cultus: Rod— bertus; Justiz: Märcker; Finanzen: Hanse⸗ mann; Handel, Arbeit und Gewerbe: Milde; Ackerbau: Gierke; Inneres: Kühlwetter, je— doch auf ausdrücklichen Wunsch nur interimistisch: v. Schreckenstein bleibt Kriegsminister. Der bis⸗ herige Polizeidirektor zu Köln, Abgeordneter zur deutschen Nationalversammlung, Müller, ist Un⸗ terstaatssekretär im Justizministerium geworden.— Das neue Ministerium hat bereits das Programm, welches dasselbe seiner Thätigkeit zu Grunde zu le— gen gedenkt, der Berliner Nationalversammlung vor— gelegt. Wessen Geistes dasselbe ist, geht aus den Schlußworten hervor. Diese lauten: Also in der Gesetzgebung, in der Verwaltung, in unserem Thun und Handeln— nicht in abstrakten Erklärungen, die verschiedenartiger Deutung ausgesetzt sind— fassen wir die denkwürdigen Ereignisse des Monats März und unsere Anerkennung der damals stattgehabten Revolution auf, einer Re⸗ volution, deren ruhmvoller und eigen⸗ thümlicher Charakter darin besteht, daß sie— ohne Umsturz aller staatlichen Ver- hältnisse— die constitutionelle Freiheit begründet und das Recht zur Geltung ge— bracht hat. Auf rechtlicher Grundlage steht diese Versammlung, steht die Krone; diese Grundlage halten wir fest.
Nom. Das Ministerium hat abgedankt, weil Pius IX. das Ministerium des Auswärtigen mit einem Cardinal besetzen will.
Königsberg. In Petersburg sollen Unruhen in blutiger Weise unterdrückt worden sein.
Paris. Die Zahl der Todten und Verwundeten ist leider enorm; man spricht von 12 bis 15000; die Garde mobile ist fast aufgerieben.(Andere Nach⸗ richten sagen 10 bis 11000.)
Frankfurt. So eben verkündet der Donner der
Kanonen, das Geläute aller Glocken und das
Schwenken der Fahnen vom Dom die eben vollen⸗ dete Wahl des Erzherzogs Johann von Oesterreich zum Reichs verweser mit der Mehrheit von 436 Stimmen. Präsident v. Gagern erhielt 52, v. Itzstein 32, Erzherzog Stephan 1 Stimme. 25 Mitglieder der Versamm⸗ lung enthielten sich der Abstimmung.
Verantwortlicher Redaeteur: Dr. F. Fischer.
Druck und Verlag von G. D. Brühl J. in Gießen.


