Einzelbild herunterladen

115

Es ist mir ein Exemplar eines„Offenen Briefs“ an die lieben Landsleute, d. d. Oberhessen, am Tage Sommers-Anfang“(kürzer gesagt 21. Juni)— und heute eine Erwiederung des Vorstan⸗ des des republikanischen Vereins, d. d. Gießen den 26. Juni, mit Ueberschrift„An Städter und Land leute in Hessen“ zugeschickt worden. Wenn gleich ich offen und unverholen bekenne, daß ich mit dem Hauptinhalt des ersteren, soweit nämlich sich über Republik und constitutionelle Monarchie, und gegen das ungehörige jetzige Treiben gewisser Menschen ausgesprochen wird, vollkommen einver⸗ standen bin, so kann ich mich dennoch keineswegs mit manchem Specielleren des offenen Schrei⸗ bens, und das zwar um so weniger einverstanden erklären, als ich bedauerlich die Namcus-Unterschri⸗ ten dieser Freunde des Volkes, der Wahrheit und des Rechts vermisse.

Nicht entfernt, in Zwei el ziehend, daß diese Freunde des Volkes, der Wahrheit und des Rachls solches in Wahrheit seien, glaube ich doch, sie wur⸗

e

8

den der guten Sache genützt haben, wenn sie sich

bei Weglafsung aller Andeutungen auf Persönlichkeiten, noch“ weit derber gegen ein gesetzloses, zügelloses und terrorrsti⸗ sches Treiben einer gewissen Klasse,(welches ge— wis auch keinem ehrlichen Republikaner Freude macht), ausgesprochen hätten.

Fest bin ich überzeugt, daß, wenn die Herrn Freunde des Volkes, der Wahrheit und des Rechts nur so keck gewesen wären, ihre An— sprache an ihre lieben Landsleute mit ihrer werthen Namensunterschrift zu versehen, es kaum mog- lich gewesen wäre, eine so hohnische, alles Maas überschreitende Beantwortung zu provociren, welche ihre Kraftstütze nur allein in der Anonymität ihrer Gegner suchen kann, und wodurch selbst man⸗ cher Unbetheiligte in Verlegenheit kommen konnte.

So dumm ist übrigens auch unter den Aller- dummsten unserer Bürger und Bauern keiner, daß er auch nur einem Theil des in der Anrede an Städter und Landleute in Hessen Gesagten Glauben schenke, und nicht, die beiden Acteustucke miteinander vergleichend, das Wahre vom Unwahren unterscheiden sollte. Welcher Bauer läßt sich glau⸗ ben machen, daß wir viermal soviel Steuern, als jetzt die französischen Republikaner, zahlen müßten? Welchen Bauer kann man weis machen, daß von den vielen Extrasteuern, Erbschaftssteuern u. s. w. die Schulden Louis Philipps bezahlt würden? Die Leute lesen ja die Zeitung, und lesen darin, daß Milliarden neue Schulden gemacht werden müssen, und sie werden aus der Zten Beilage des Frankfur— ter Journals vom Heutigen ersehen, daß die rebelli⸗ schen, durch den unsinnigen Plan einer National—

Arbeitsanstalt verwöhnten Arbeiter resp. Faulenzer, nachdem das Blut in Paris in Strömen geflossen ist, und noch fließt, tausende von Bürgern im Kampe gefallen, gemeuchelt und gespießt worden sind, nicht weniger als 400,000,000— sage Vier⸗ hundert Millionen jährlich vom Staat— also von den Steuern bezahlt haben wollen. Ich enthalte mich alles Weiteren und überlasse es der gesunden Beurtheilung der Bürger und Bauern, ob sie den leider ungenannten und mir unbe— kannten Freunden des Volks, der Wahr⸗ heit und des Rechts, trotz ihrer Anonymi⸗ tät, oder dem Vorstand, des in unserm constitut'o⸗ nell-monarchischen Staate sich öffentlich gebildet ha— benden vepublikanischen Vereins Glauben scheuken wollen. Ludwig Welcker.

In seiner außerordentlichen Sitzung vom 29. Juni hat der„vaterländische Verein eine Commission er⸗ nannt, die sich sosort mit dem Bürgerverein und dem Gemeinderath in Verbindung setzen soll, um gemeinsam mit diesen eine Antwortszuschrift zu ent⸗ werfen und unterzeichnen zu lassen, durch welche die Ausprache unseres Großherzogs an die Hessen⸗Darm⸗ städter bei seinem Regierungsantritt angemessen er⸗ wiedert werde.— Habe das keinen Erfolg, so solle die Commissson allein eine solche Adresse entwerfen, und dieselbe solle durch Mitglieder des Vereins zur Unterschrift in Giaßen von Haus zu Haus getragen werden.— Die Commission soll sich auch mit dem Bürgerverein und Gemeinderath in Benehmen setzen, um, wenn die Wahl des Reichsverwesers für Deutsch⸗ land erfreulich ausfalle, Abends die Stadt zu er⸗ leuchten und Böllerschüsse loszubrennen.

Gestern fand hier eine Versammlung derjenigen Einwohner Gießens Statt, welche sich sür Durch⸗ führung der unbedingten Volksherrschaft erklären. An der Versammlung betheiligten sich namentlch Mitglieder des Märzvereins und des republikani⸗ schen Vereins. Es wurde der Grundsatz der Volks⸗ souvcränetät an die Spitze gestellt, zu dessen Ver⸗ theidigung Zusammenhalten noth thun könne; dahin gehe der Vereinszweck. Von republikanischer Seite wurde dieß ungenügend gefunden, es solle die de— mokratische Republik an die Spitze gestellt werden. Dieß fand aber Widerspruch dahin, daß das Volk zur Reife für dieselbe zu erziehen sei. Nach der Na⸗ menscinzeichnung der Beitretenden erklärte der Prä— sident auf gegebene Veranlassung: allerdings habe der Verein den Zweck nicht nur für den Grundsatz der Volkssonveränctät zu wirken, sondern auch für baldige Einführung der Republik.(Daß die Repu⸗ blik sofort mit der rothen Fahne auf der Straße