uunter Beihilfe des letztern, wickelt, wie weder Badens Juliſonne noch Balſamſtröme ge
7 98
Kleine Mittheilungen zur Kurzweil und Zelehrung.
Der Almerkoyf.
Ein Seitenſtück zu Pfeffels Türkenpfeife.
Das Jahr 1849, das auf dem Stoppelfelde der Politik
die Heckerbärte zu ſo üppigem Wachsthum trieb, hat mich ar oft an einen alten Bettelvogt meiner Vaterſtadt erinnert, deſſen Bart einſt auf dem Felde der Ehre und des Siegs gewachſen und ruhmvoller als jene, gefallen iſt unter der Ernteſichel der Zeit. Ries war ſein Name, und war er auch gerade kein Rieſe an Geſtalt, ſo reichte ihm doch Sim⸗ ſon an Bartwuchs das Waſſer, wenigſtens wie er ihn ge⸗ tragen 1789 im letzten Türkenkrieg. Eigentlich aber trug er ſeinen Bart nicht, ſondern er wurde von ihm getragen oder vielmehr er wurde demſelben nach⸗ und mitgeführt*). 10 Schuh lang in 2 Zöpfe geflochten, wie er vor General Laudon als Tambour⸗Major ſeinem Regimente voraus de⸗ filirte, trugen 2 Tamboursjungen, wie einſt Pagen den Für⸗ ſtinnen ihre Schleppe, ihm den Bart hintennach. Was iſt dagegen der Tambourmajor des I. Infanterieregiments, wenn er ſtolz wie ein König beim klingenden Spiele der Wachtparade durch die Königsſtraße zieht, mit dem ſtattlichen Barte, den er aus der jetzt ſo wohlraſirten weiland„deut— ſchen Bundesfeſtung“ Rendsburg unverſehrt zurückbrachte! Ries brachte den ſeinen aber nicht mehr in die Heimath zu⸗ rück, wohl aber ſtatt ſeiner den Ulmerkopf, den ich noch beſitze. Jenen hat er in Ungarn gelaſſen; aber nicht begraben liegt er dort, er ziert vielleicht heute noch die Fahne eines Paſcha's, eines Paſcha's nicht von 2 Roß⸗ ſondern Rieſenſchweifen. Ein Glück war es aber für Ries, daß er im Jahr 1760
trunkenen Lagerbiers es vermocht haben bei einem der Hecker⸗
bärte. Anſehen in der Armee; beneidet von Magyaren und Slo⸗
v d
Mit jedem Zoll ſeines Bartes wuchs aber auch ſeien
aken, gefeiert in manchem Liede, das zu großem Verluſte er Nachwelt nicht wie„Prinz Eugen“ erhalten wurde, war
Ja,
Ries von Laudon ſogar perſönlich bewundert worden. der berühmte Feldmarſchall, ſeiner Leutſeligkeit wegen der— Vater der Armee, war einſt auf dem Marſch nach Belgrad
e
ſtiegen und hatte aus ſ Ehre für den
Ritt, zu Ries auf ſeinen Wagen ge⸗ einer Ulmerpfeife geraucht. Welche Tambour und ſeine Pfeife! Und nicht die
rmüdet von langem
öſtreichiſche Armee allein bewunderte den Bart. Die Türken, obwohl Anhänger der abſoluten Monarchie, ſind bekanntlich
große
Verehrer großer Bärte. Und ſelbſt Muhammed, der
große Prophet, bei deſſen Barte ſie ſchwören, hatte keinen ſo
großen gehabt wie Ries. von dieſem in
Was Wunder, daß die Kunde die Mauern des belagerten Belgrads drang!
Ries wenigſtens ſchwur darauf, nur ſeines Barts wegen
Dem Großſultan in Stambul das Wunder der Türkenwelt, geſendet werden.
unter die Reichsarmee angeworben als 16jähriger Tambour
ſeinen Bart noch nicht hatte, denn der hätte ihn damals ge⸗ waltig gehindert, als es nach dem bekannten Vers ging: Wenn Friederich der Große kommt Und klopft nur auf die Hoſen, So läuft die ganze Reichsarmee, Panduren und Franzoſen.
Damals lernte er im 7jährigen Krieg tüchtig das Laufen und das Mitlaufen laſſen. Seine Pfeife aber, die er eben⸗ falls aus einem Bauernhauſe in Baiern eines Morgens hatte mitgehen heißen, bewahrte ihn nicht vor einem noch widerwärtigern Laufen, dem Spießruthenlaufen. Ein paar Dukaten waren an ſeinen Fingern hängen geblieben, als er in einem ſächſiſchen Städtchen bei einem Kaufmann im Quar⸗ tier lag; zufällig hatte er dabei auch ſeine Pfeife geſtopft, und ſo waren ſie, er wußte nicht wie, unter den Tabak und die Pfeife gekommen, und als auf die Klage des Kaufmanns eine Ausſuchung bei ihm ſtattfand, dachte Niemand daran, daß ſich aus der abgebrannten Tabaksaſche ſeines meſſing⸗
—
beſchlagenen Holzkopfs zwei Goldvögel wie ein Phönix er⸗ dieſen Liebesdienſt
ggelobte er ſeiner„Vielgeliebten“ ewige Treue, und ſie beglei⸗
heben würden. Aus Dankbarkeit für
krieg zog, auf allen ſeinen Zügen, ſchaum mit dem goldnen Reifchen. Ungarns Sonne, die den ſeinen Bart zu der Länge ent
*) Auf dem Wagen transportirt.⸗
— ſeiner eignen Perſon zu
tete ihn, als er ſpäter unter Oeſtreichs Adlern in den Türken⸗ gerade wie Pfeffels Meer⸗ Unterdeſſen aber hatte Tokayer reift, vermuthlich auch
Marſche wurde nämlich der Bart mit dem Anhängſel
haben ſie einen Ausfall gemacht, in Folge deſſen es ihnen wirklich gelang, Ries, den ſein Bart am Davonlaufen ver⸗ hinderte, gefangen zu nehmen. Im Triumph vor Omer Paſcha geführt, verſprach dieſer ihm Ehre und Reichthümer, wenn er, der doch durch ſeinen Bart ſchon das Haupterfor⸗ derniß eines echten Muſelmanns habe, zu Muhammed ſchwöre. ſollte der Mann des Bartes, Aber ach! ſeine Vielgeliebte war nicht mitgefangen worden, ſie war im Lagerzelte liegen geblieben, als Ries zur Abwehr des Aus⸗ falls hatte ausrücken müſſen. Von Allem, nur nicht von ihr war die Trennung zu ertragen. Nach mehrtägigem Kampfe mit ſich ſelber, ob er den Kopf oder den Bart laſſen ſollte, ſiegte die Liebe zur Pfeife, der Vielgeliebten, und nach⸗ dem er durch Abſchneidung ſeines Bartes ſich unkenntlich gemacht, unkenntlicher als die aus dem badiſchen Feldzug heimkehrenden Freiſchärler, gelang es ihm, aus Belgrad zu entfliehen. Mit heiler Haut, ſein wundes Kinn abgerechnet, gelangte er wieder zu ſeinen Leuten, und durfte in vollen Zügen die ſüßen, ſo theuer erkauften Freuden des Wieder⸗ ſehens aus dem geſpitzten Munde der Lebſten koſten. Doch welch gräßliches Verbrechen der Türken am Barte eines Ungläubigen! Am andern Morgen pflanzten ſie unter gel⸗ lendem Allahgeſchrei auf der vorderſten Zinne Belgrads einen
Halbmond auf, an dem ſtatt des Roßſchweifs wie ein Admi⸗
ralswimpel ein Rieſenbart in der Morgenſonne flatterte.
Das forderte Rache! Schrecklicher, begeiſternder erdröhnten wohl nie die Trommeln, als an demſelbigen Tage noch Ries ſeine Tambours die Wirbel zum Sturmmarſch ſchlagen ließ, und was Oeſtreichs Krieger zum Sturm und Sieg führte, war der dröhnende Racheruf der Trommeln.— Rieſens Bart hatte Belgrad erobern helfen, er ſelbſt aber, des Sieges ſchönſte Beute, wurde nicht mehr vorgefunden, ein Janitſchar vielleicht hatte ihn für des Propheten Fahne gerettet. So ohne den ſchönſten Siegeslorbeer von Belgrads Erſtürmung
— ohne Bart— kehrte der Krieger in ſeine Heimath zurück, aber auch ohne Bart, als ſtädtiſcher Bettelvogt angeſtellt, war er der Schrecken der Gaſſenjugend. Nur ſeine Pfeife
brachte er mit heim. Nach ſeinem Tode kam die Pfeife, ein Holzkopf mit Schwanenhals und helmartigem Deckel von
Kupfer durch Kauf in meinen Beſitz. Noch blaß in der Er⸗
V innerung ſchwebt vor mir das.Bild des Veteranen aus dem


