Jahrgang 
1857
Seite
79
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Vogel, der dir ſoeben die Verwünſchungsgeſchichte erzählt hat, von einem weit entfernten Berge holen ſoll. Der Trank macht dich unſichtbar; du fliegſt zu der Quelle, ſpuckſt drei⸗ mal auf den danebenliegenden ſchwarzen Stein und wendeſt ihn um, ſo daß die Schrift unten liegt. Kommt bei dem Umwenden eine Schlange hervor, ſo ſpucke ihr dreimal in die Augen; die Schlange vergehet, nur der Schwanz bleibt übrig; damit beſtreiche den Stein und mache dich dann ſo ſchnell als möglich wieder auf den Rückweg. Nimm das Alles wohl in Acht, ich muß jetzt wieder zu Harmfred und den Uebrigen und ſie auf ihre baldige Erlöſung vorbereiten. Uebermorgen kommt der Vogel mit dem Kräutlein wieder zurück, dann ſind es nur noch drei Tage bis zu des Zwerg⸗ königs Einfahrt in den Berg. Darauf geht der Rabe fort. Herzröschen verzehrt nun ſein Frühſtück und freut ſich, daß die Vögel nun werden erlöſt werden und daß König Harmfred es heirathen wird. Als es aufgegeſſen, kommt König Harmfred in das Zimmer, herzt und küßt Herz⸗ röschen, ſpricht ihm Muth ein und ſagt ihm, es ſolle ja die Anweiſung des Raben genau befolgen, da hierauf alles an⸗ käme. Dann lädt er es zu einem Spaziergange ein und beide fliegen fort, hinaus in die prächtige Natur, die wieder eben ſo ſchön geweſen iſt, als das Jahr vorher, da Herz⸗ röschen hierher gekommen war. Zu Mittag kamen ſie wieder und nach dem Eſſen vertreibt König Harmfred Herz⸗ röschen die Zeit mit Vorſingen alter Kriegs⸗ und Liebes⸗ lieder und mit dem Blaſen des bezaubernden Inſtrumentes. Am Abend begiebt ſich ein Jeder in ſein Schlafgemach. Den zweiten Tag darauf kommt der ausgeſandte Vogel mit einem Bündchen Kraut zurück; alles jubelt und ſingt im Schloſſe; alle loben ihn. Er bringt es dem Raben, der es in einen Topf thut, etwas von einem ſchon zubereiteten Ge⸗ tränke darauf gießt und kochen läßt. Als es kocht, gießt er es ab in eine Flaſche und vergräbt ſie in die Erde. Am dritten Tage danach, früh Morgens, gräbt er ſie wieder aus, gießt ihren Inhalt in einen Demantbecher und geht damit zu Herzröschen. Dies iſt aber noch nicht aufgeſtanden; er weckt es und nachdem es munter geworden, giebt er ihm den Becher mit den Worten: Die Zeit iſt da, die euch Er löſung bringt! Schon arbeiten mit regem Eifer die Zwerge im Schooße des Berges; haſt du dein Werk vollbracht, ſo kehre eiligſt zurück. Zitternd nimmt Herzröschen den Becher, trinkt den Inhalt aus und in demſelben Augenblicke iſt es auch nicht mehr zu ſehen; unſichtbar fliegt es zu der Quelle, ſpuckt dreimal auf den ihm bezeichneten Stein, wendet ihn um, aber da ſchießt ihm eine große feuerſpeiende Schlange entgegen. Doch Herzröschen hat die Lehre des Raben nicht vergeſſen; dreimal ſpuckt es der Schlange in die Augen und ſie vergehet, nur der Schwanz bleibt übrig. Den nimmt Herzröschen, beſtreicht damit den Stein und macht ſich dann

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in Eile wieder auf den Rückweg. Gerade als es vor dem Schloſſe ankommt, ſo thuts einen Knall, daß die Berge widerhallen; die Thüren des Schloſſes fliegen auf und heraus kommen die Königsſöhne, in ihre frühere alterthümliche Tracht gekleidet, mit dem in einen Prieſter umgewandelten Raben an der Spitze. In demſelben Augenblicke, als der Knall geſchieht, iſt nun aber auch Herzröschen wieder in einen Menſchen verwandelt worden, ein ſchönes und liebliches Mädchen. König Harmfred, der neben dem Prieſter geht, kömmt ihm entgegen, reicht ihm ſeinen Arm, küßt es und ſagt ihm ſeinen Dank für die gefahrvolle Erlöſung. Der Prieſter beſteigt darauf einen in dem Felſen eingehauenen Altar und trauet Harmfred und Herzröschen. Nachdem er ihnen den Segen gegeben, fällt ein aus der Luft kommender Brief vor ihnen nieder. Harmfred macht ihn auf, und ſieh! er iſt von der Fee, der das Schloß gehört. Sie ſchreibt darin:Das Schloß ſammt allem, was darin ſei, wolle ſie dem König Harmfred und ſeiner Gemahlin Herzröschen ſchenken, weil ſelbige ſich bei der Erlöſung ſo muthig be⸗ wieſen habe.

König Harmfred lädt darauf Alle zu einem gemein⸗ ſchaftlichen Mahle im Schloſſe ein; ſie kehren um, gehen in das Schloß und nachdem das Mahl genoſſen iſt, wandern, reichlich von König Harmfred beſchenkt, die andern Königs⸗ ſöhne ihrer Heimath zu, nur der Prieſter nicht, welchen Harmfred bis zu ſeinem Tode bei ſich behalten hat. Aus Verdruß über dieſe Begebenheit haben die Zwerge die Gegend verlaſſen und ſind in ein anderes Land gezogen; König Harmfred und Herzröschen aber haben noch lange und glück⸗ lich mit einander gelebt.

Chiergeſchichten. 3. Klugheit des Hundes.

Ein Herr P. borgte von einem ſeiner Freunde einen⸗

Hühnerhund, um ſich ein Paar Schnepfen zu ſchießen. Freudig folgte Karo dem Schützen. Kaum am Mooſe angelangt, zeigte dieſer ſeine Kunſt. Das Schnepfchen fliegt auf, aber P. fehlt. Wenige Schritte nur, und Karo ſteht abermals, und wieder ſtreicht die Schnepfe, ohne getroffen zu werden, davon. Karo dreht den Kopf nach dem Schützen und ſieht ihn an, als wolle er fragen:Wohin haſt du denn wieder geſchoſſen? Deſſen ungeachtet ſucht er auf erfolgte Anweiſung willig fort und ſteht aufs Neue, und wie die beiden erſten, wird auch die dritte Schnepfe gefehlt. Nun wird es Karo, der ſo etwas nicht gewohnt war, doch zu arg, den Schützen von der Seite anblickend drehte er ſich um und trat eilig ſeinen Heimweg an. Kein Rufen, kein Pfeifen konnte ihn zurückhalten.

Guter Kath in offenen Briefen.

Herrn g. W. in C.

Es war einmal ein Mann, der hieß Wieland. Selbiger hat ein ſchönes Gedicht verfaßt undOberon betitelt. Darin wird erzählt, daß Kaiſer Karl den Ritter Hüon gen Bagdad ent⸗ ſendete, dem dortigen Kalifen vier Zähne auszuziehen. Der Ritter entledigte ſich des bedenklichen Auftrags, obwohl nur mit Hilfe des mächtigen Elfenkönigs.

Sie klagen über 4 unartige Zähne, die Ihnen Kummer und Schmerzen machen. Ich aber bin weder Ritter Hüon, noch ſind Sie der Sultan von Bagdad. Dennoch rath' ich Ihnen, daß Sie den Oberon zu Hilfe nehmen oder wenn dieſer nicht zu Dienſten wäre einen handfeſten Zahnbrecher, der die unartigen Quälgeiſter mit einem Rucke bannt und zum Schweigen bringt. Wenn ich einmal guter Laune bin, will ich auchdas Schatzkäſt⸗ lein meiner Zahn⸗Recepte öffnen. Heute nicht.

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