Herzröschen. Märchen von Dr. H. Pröhle. (Schluß.)
Herzröschen mag nun wohl bald ein Jahr hier geweſen ſein, als eines Morgens, nachdem es aufgeſtanden iſt und ſich an ein Fenſter geſetzt hat, ein Vogel von draußen her zu ihm an das Fenſter fliegt und ſingt:
Dort unten am Berge, am Hügelhang, Da fließt eine muntere Quelle.. Sie murmelt ſo lieblich, ſo ſanft und ſo bang, Und ihr Waſſer iſt klar und helle. Und am Rande der Quelle ſtehet ein Buſch. Dort, ſagt man, iſts nicht geheuer;— Um Mitternacht ſoll es da gehen: huſch, huſch, Und der Mann muß ſein Leben theuer Erkaufen, der ſich in die Gegend verirrt; Denn von Eulen umkreiſet, von Feen gekirrt, Muß er kämpfen mit Adlern und Drachen, Die der Quelle Schätze bewachen.
Dort nun, an der Quelle, liegt ein Stein, Geſchwärzet vom Dunſte der Orte,*) In dem ſollen einſtens geſchrieben ſein Des Zauberſpruchs mächtige Worte, Der uns Königskinder in Vögelein Verwandelt muthwilliger Weiſe, Als ſpät eines Abends wir kehrten hier ein. Ermüdet durch längere Reiſe, Wir ſaßen gerade beim ſpärlichen Mahl, Mit Weine war nicht gefüllt der Pokal; Nein aus der Mitte der Quelle Da ſchöpften wir Waſſer, das helle;
Als blitzesſchnell, wie vom Sturm gejagt, Ein Stein flog in unſere Mitte.— Wir waren wohl kühn, nicht unverzagt— Auch hörten wir hinter uns Tritte. Doch ſahen wir Nichts. Da that's'nen Schlag, Wir glaubten, es ſtürze die Feſte Hernieder auf uns, mit Donnergekrach Zerſplitterten ringsum die Aeſte Der Bäume. Noch einen Schlag! Und fürchterlich ſcholl in den Bergen nach Des Gewaltigen mächtige Stimme, Der verderben uns wollte im Grimme: Wie? wußtet ihr nicht, daß heilig mir iſt Die Quelle und ihre Geſteine? Daß deſſen Leben verloren iſt Der nahet ſich meinem Haine? Verwünſcht ſeid ihr Königsſöhne heut', Ihr habt mir entweihet die Quelle, Geſchöpfet mein Waſſer und ſolches verſtreut: Gleich ſchafft mir die Tropfen zur Stelle! Als Vögel ſollt wohnen ihr hundert Jahr Im Schloſſe des Berges, das ehedem war Bewohnet von mächtigen Feen. Ihr werdet es heute noch ſehen!
Und kaum war verhallet das mächtige Wort, Da flogen, verwandelt in Vögel, Wir hin zu dem uns bezeichneten Ort, Faſt ging es ſo ſchnell als mit Segel. Wir fanden im Schloſſe den rußigen Knecht. Er, früher der Feen Geſandte, Er dienet uns redlich, es geht uns nicht ſchlecht, Doch wir Könige ſind ja Verbannte. Ach! bald ſind verfloſſen die hundert Jahr, Seitdem die Verwünſchung geſchehen war, Bald wird uns Herzröschen erlöſen Aus dieſer Verbannung des Böſen.
) Ein localer bergmänniſcher Ausdruck auf dem Harze.
Kleine Mittheilungen zur Kurzweil und Zelehrung.
Der ſchwarze Geſell, ein erfahrener Mann, Kann viele Getränke bereiten, Ich wüßte wohl keinen, der weiter es kann, Sie helfen für jegliches Leiden. Den frage um Rath, wie am Beſten man wohl Den Stein entreißen könnte Dem Mächtigen, welcher wohnen dort ſoll, Und ob man erſt Boten entſende. Er wird dir es ſagen, er kann die Magie, Denn was er gerathen, es trügte noch nie. Dann währt es nicht lange, dann ſind wir befreit, Wir werden dich loben in Ewigkeit.
Nun muß ich von hinnen,
Muß ſcheiden von dir,
Dein Schätzchen da drinnen
Schon fraget nach dir.
Lebwohl und vollbringe
Die herrliche That,
Ich will dich beſingen
Frühmorgens und ſpat.
Darauf fliegt der Vogel fort, weithin nach einem fern gelegenen Berge, von dem er, wie es der Rabe geheißen, ein Kräutlein holen ſoll. Herzröschen bleibt aber traurig am Fenſter ſitzen und denkt darüber nach, auf welche Weiſe es wohl die verwünſchten Vögel erlöſen könnte, als der Rabe in das Zimmer kommt und ihm in einer goldnen Schale ſein Frühſtück bringt. Herzröschen ſpricht darauf zu ihm: Ich habe gehört, daß du ein ſo kluger Mann biſt, daß du die Magie gelernt haſt, kannſt du mir wohl nicht ſagen, wie man den verhängnißvollen Stein, auf welchem die über die Königsſöhne ausgeſprochenen Verwünſchungsworte ſtehen, von dem Rande der geheimnißvollen Quelle entfernen kann? Ja, ſagte der Rabe, das iſt ein ſchweres Stück und du biſts gerade, die das Werk ausrichten ſoll. Nur durch meine Vermittelung aber haben die verwünſchten Königsſöhne in dir ihre Erlöſerin gefunden; ich gab deinem Schatze, dem König Harmfred, den goldnen Ring, der dich in einen Vogel verwandelte, ich wußte, wo du wohnteſt und zeigte ihm den Weg. Wäreſt du dazu nicht ausgewählt, ſo würde es ihnen noch nicht gelingen erlöſt zu werden, denn der Zwergkönig, der nahe bei der Quelle im Berge wohnt, iſt ein mächtiger Herrſcher; der hat ſchon viele tauſend Menſchen, die ſich zu nahe in ſein Gebiet wagten, ums Leben gebracht. Die Königsſöhne können nur froh ſein, daß ſie mit dem Leben, wenn nun auch verwünſcht, davon gekommen ſind, indem ſie doch einmal wieder erlöſt werden ſollten. Meine frühere Herrin, eine mächtige Fee, hat blos um des Zwergkönigs willen dies Schloß verlaſſen und ſich in ein hoch in der Luft ſtehendes zurückziehen müſſen, denn obgleich ſie ſehr mächtig war, mit dem Zwergkönig konnte ſie ſich doch nicht meſſen. War ſie einmal nicht zu Hauſe, und mußte ich die Länder durchziehen, ſo waren die Zwerge gekommen und hatten ge⸗ ſtohlen, was ſich vorgefunden, ihre ſchönſten Sachen, und das konnte ſie nicht mehr ertragen. Ich aber mußte hier zurückbleiben und das Schloß bewachen, als ſie weggezogen war, und der Fee zum Trotz hat der Zwergkönig die Königs⸗ ſöhne hierher verwünſcht. Was ſollte ich machen? Ich habe mich derſelben angenommen. Nun habe ich aber von meiner alten Herrin erfahren, daß es eine gewiſſe kurze Zeit giebt, in welcher der Zwergkönig mit ſeinem Volke tief in die Erde fährt, um die ſchönen Metalle, die im Berge
ſind, hervorzuholeu, und dieſe Zeit mußt du benutzen um die Vögel zu erlöſen. Die Zeit iſt ſehr nahe, ich werde dir dann ein Tränklein kochen von einem Kraute, welches der
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