Jahrgang 
1857
Seite
71
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als er oben ein Loch fand, da meinte er in einen Dachsbau gefallen zu ſein und ſtürzte ſich hinab. Die ſtreitenden Eheleute hörten kaum das Gepolter, ſo fuhr ein Haſe durch den Schornſtein herab und gerade in die Suppe hinein, daß

ſie hoch überſprudelte und das Feuer unter dem Kroppen

Der gewünſchte Souniagsbraten zappelte noch ein wenig und verendete dann in der Suppe. Jubelnd ſtürzten die Jäger ins Haus, nach ihrer Beute zu ſehen und fanden die Urſel und den Hanpeter, wie ſie mit offenem Maule das Sonntagsfleiſch in der Suppe anſtarrten. Item, das Ehepaar durfte den Haſen behalten, und hat ihn wirklich am Sonntag verſpeiſt, ob die Fleiſchbrühe auch, das weiß ich nicht. Nur das weiß ich: Unſer Herrgott läßt manchmal auch einen Haſen durch den Schornſtein in den Kroppen fallen, um dem thränenreichen Sorgenvollen zu

ziſchend dampfte.

zeigen, daß er auch noch Wunder thun könne, wenn er

wolle; daß ſie aber viel beſſer thäten, ſie äßen ihre Mehl⸗ ſuppe mit einem fröhlichen Helfgott, als daß ihre Sorgen ſie Haſenhaare darin finden ließen.

TChiergeſchichten.

2. Der Kaufmaun und ſein Hund.

Ein franzöſiſcher Kaufmann reiſte einſt zu Pferde, in Geſellſchaft ſeines Hundes, um fünfhundert Thaler ein zukaſſiren. Er kam glücklich an dem beſtimmten Orte an, empfing auch ſogleich ſein Geld und that es, nachdem er es ſorgfältig gezählt hatte, in einen Beutel, packte dieſen auf ſein Pferd, ſtieg mit vergnügtem Geſichte auf und ritt wieder ſeiner Heimath zu.

Sein Hund nahm an ſeinem Vergnügen Antheil. Er ſprang um ihn herum und ſchnappte mit offenem Maule nach ihm, gleich als ob er ihm zu ſeiner guten Reiſe Glück wünſchen wollte. Ungefähr auf dem halben Wege verlor der Kaufmann ſeinen Geldbeutel, merkte nichts davon und ritt ruhig fort.

Allein ſein aufmerkſamer Hund, der Alles beobachtet hatte und die Unachtſamkeit des Kaufmanns merkte, lief nach dem Geldſack, und verſuchte es, ihn aufzuheben und mit den Zähnen fortzuſchleppen; da er ihm aber viel zu ſchwer war, lief er zu ſeinem Herrn und ſchrie, winſelte und biß, doch dieſer gab nicht Achtung darauf, ſtieß ihn zurück und ritt fort. Der gute treue Hund konnte und wollte nicht zugeben, daß der Geldbeutel zurückbleiben ſollte. Er legte ſich daher vor dem Pferde nieder, um es zu hindern weiter zu gehen, er bellte in Einem fort und wurde ganz heiſer, endlich fiel er das Pferd an und biß es an fünf bis ſechs Stellen. Der Kaufmann wurde ganz zornig auf ſeinen Hund und fürchtete gar, er ſei toll geworden, und wie ſehr erſchrak er, als er durch ein Waſſer ritt und ſein Hund faſt athemlos neben ihm herſprang, immer bellte und biß, aber nicht trank(ob⸗ gleich dies noch kein ſicheres Zeichen der Hundswuth iſt). Gott! rief er,mein treuer Hund iſt toll! O Unglück, ich muß ihn tödten, denn wenn er Jemand anfiele und biſſe, untg ich in ſchwere Verantwortung kommen. Das arme

Thier ſoll ich mit eigener Hand tödten, das mir 3 lieb, ſo theuer war! Ja, ja, ich muß es, denn wenn ich noch lange zaudere, könnte er mich ſelbſt anfallen und beißen. Muthig alſo! Nun zog der ängſtliche Kaufmann ſeine Piſtole heraus, zielte und drückte mit weggewandten Augen ab.

Der treue Hund fiel, und indem er zappelte, kroch er mit ſeiner tödtlichen Wunde auf ſeinen Herrn zu und ſchien ihm ſeine Undankbarkeit vorwerfen zu wollen. Der Kaufmann entfernte ſich ſchnell, ſah ſich aber doch noch einmal um, und ſiehe, ſein armer Hund wedelte mit dem Schwanze, da er ihn ſah, gleich als ob er ihm noch das letzte Lebewohl ſagen wollte. Sehr traurig gab der Mann ſeinem Pferde die Sporen, hielt aber wieder ſtill und dachte nach, ob wohl dem armen Thiere noch zu helfen ſein möchte; allein die Furcht, er ſei toll und könne ihn beißen, überwand ſein Mitleid und er ritt weiter. Das Bild ſeines ſterbenden Hundes ſchwebte ihm jedoch fortwährend vor Augen, er wurde immer betrübter und hätte viel darum gegeben, wenn er noch lebte. Mehr als hundertmal verwünſchte er ſeine unglückliche Reiſe.Nein, unglücklich iſt ſie nicht, dachte er dann wieder,ich habe ja mein Geld richtig eingehoben, aber fatal iſt ſie doch, weil ich meinen armen Hund verloren habe. Und da er nach ſeinem Geldſack griff, und dieſer nicht mehr da war, ſiehe, da gingen ihm die Augen auf. Er ſeufzte und ſagte:Gewiß war dies die Urſache von dem Zorne und Geſchrei meines unglücklichen Hundes. Die Stelle wußte er noch, wo ſein Hund unruhig geworden war; er ritt alſo in vollem Galopp zurück, das Geld zu holen, und ärgerte ſich heftig über ſeite Nachläſſigkeit und Grauſamkeit. Eine blutige Spur, die er auf dem Wege ſah, brachte ihn vollends vor Betrübniß außer ſich. Endlich kam er an die Stelle, und da fand er den armen, ſterbenden Hund, der bis dahin gekrochen war und ſich neben den Geldſack gelegt hatte, um wenigſtens das Eigenthum ſeines Herrn noch ſo lange zu bewachen, als er lebe. Er wedelte mit dem Schwanze, als er ſeinen Herrn ſah, leckte ihm noch einmal die Hand und ſtarb.

Anagramm.*)

Ich diene dem Menſchen als hüllendes Kleid, Und Niemand kann mich entbehren;

Ich wechsle nicht; wie auch die Mode der Zeit Mag Neues um Neues gebären.

So lange die Woge des Lebens ihm rauſcht,

Umſchließ' ich ihn traulich, nur ſelten vertauſcht.

Er trägt mich bei Tage, er trägt mich bei Nacht, Er trägt mich im Sommer und Winter, Am Werktag und Feſttag, im Donner der Schlacht, Und im friedlichen Hauſe nicht minder. Nach gleichem Schnitt tragen die Leut' mich nicht gern, Ich hab' in der Regel nur Einen Herrn.

Hier bin ich mit Zeichen der Ehre bedeckt Und ſtrahle in glänzender Reinheit,

Dort bin ich vom Brandmal der Schande befleckt, Vom garſtigen Koth der Gemeinheit.

So iſt der Charakter Deß, der mich trägt,

In glühenden Zügen mir aufgeprägt.

Und trennt nun den Kopf mir vom Rumpfe Dein Arm. Als Fuß mir ihn wieder zu geben,

So bin ich ein Wörtchen, das klinget ſo warm, So tröſtend ins menſchliche Leben.

Wohl Dir, wenn dies Wörtchen das Schickſal ſagt

Zu den Wünſchen, die hoffend Dein Herz gewagt!

4 S. Steinhard. *) Auflöſung in Nr. 19. 8 d