Jahrgang 
1857
Seite
66
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Kleine Mittheilungen zur Kurzweil und Belehrung.

Chiergeſchichten.

Die folgenden Geſchichten aus dem Leben der Thiere ſind den nachgelaſſenen Papieren des verſtorbenen Profeſſors J. E. Reimann(in Berlin) entnommen. Der⸗ ſelbe hat ſie nicht erdacht, ſondern größten Theils aus älteren und neueren Schriften geſammelt. Deßhalb ſind manche dieſer Geſchichten in engeren oder weiteren Kreiſen ſchon bekannt; behalten aber nichts deſtoweniger durch die einfache, und doch friſche Sprache, in welcher ſie erzählt werden, ſo⸗ wie durch die tiefen Blicke, die ſie in das äußere und innere Leben der verſchiedenen Geſchöpfe geſtatten, für Alt und Jung ein ſo reges Intereſſe, daß wir nicht anſtehen mögen, eine Auswahl der anziehendſten und merkwürdigſten dieſer Geſchichten den Leſern unſeres Blattes mitzutheilen.

D. Red. 1. Muſikliebe der Thiere.

Nicht bloß viele höhere, ſondern auch manche niedere Thiere, z. B. die Spinnen, zeigen eine auffallende Liebe zur Muſik. Daß die Spinnen Töne vernehmen und ihnen folgen, weiß man von einigen Gefangenen, welche Spinnen gezähmt und an ihre Stimme gewöhnt hatten, namentlich von Lanzün, der zu Pignerol, und von Peliſſon, der in der Baſtille zu Paris gefangen ſaß. Spinnen nahen ſich aber nicht bloß, wenn ſie den Ruf ihres Freundes vernehmen, der ſie vielleicht eine gute Mahlzeit erwarten läßt, ſie ſteigen auch oft an ihren Fäden herab und begeben ſich dahin, wo ſie angenehme Töne hören, und bleiben da lange Zeit unbe⸗ weglich, bis die Töne ſchweigen. Man erzählt, daß, wenn ein gewiſſer berühmter Komponiſt, der in einem Concerte die Violine geſpielt, ein Solo vortrug, allemal eine Spinne ſich ihm genaht und unbeweglich in ſeiner Nähe ſitzen geblieben, bis er ſein Spiel beendigt.So oft, erzählt Dr. A. B. Reichenbach,einer meiner Freunde, ein tüchtiger Klavier⸗ ſpieler, auf ſeinem Pianoforte ſpielte, ließ ſich eine Spinne zu ihm herab, ſetzte ſich auf den Reſonanzboden und blieb ſo lange daſelbſt ſitzen, als er ſpielte. So fehlt es auch nicht an andern Beiſpielen, welche dieſelbe Liebe der Spinnen zur Muſik beweiſen.

Die Alſen, eine bekannte Fiſchart, werden durch an die Netze geheftete Schellen, nach der Behauptung der Alten ſogar durch Cithertöne angelockt. Bekannt iſt, daß Schlangen bei Muſik ſanft werden. Reiſende verſichern, man beſänftige die Wuth der ſo gefährlichen Klapperſchlange von Guyana durch die Töne einer kleinen Pfeife oder durch einen ähnlichen Ton. Chateaubriand erzählt, er habe ſogar eine Klapper⸗ ſchlange einem Flötenbläſer folgen ſehen. Daß die Brillen⸗ ſchlange nach der Muſik tanzen lernt, iſt eine bekannte Sache. Auch die Eidechſe ſoll die Muſik gern hören. Sobald ſie die Töne eines Muſik⸗Inſtruments vernimmt, zeigt ſie durch alle ihre Bewegungen, wie angenehm ihr die Empfindung ſei; ſie wälzt ſich umher, legt ſich bald auf den Rücken, bald auf den Bauch oder die Seite. Aber nicht jede Muſik ſoll ihr gefallen. Der Geſang einer rauhen Stimme und lär⸗ mende Inſtrumente mißfallen ihr. ſanfte Stimme und langſam⸗ſüße Melodien, wie es wenigſtens ſcheint, außerordentlich. Vielen Vögeln verurſacht die Muſik ein lebhaftes Vergnügen, namentlich dem Kanarien⸗ vogel, Finken, Zeiſig, der Nachtigall u. a. Man ſieht ſie

Sie liebt dagegen eine

nahe an das Inſtrument kommen, unbeweglich ſtehen bleiben, ſo lange ſie einen Ton hören, und dann mit den Flügeln ſchlagen, gleichſam um ihre Zufriedenheit zu erkennen zu geben. Jal ſie hören nicht nur gern ſchöne Melodien, ſondern geben ſich auch Mühe, die Töne nachzuahmen. Bekannt iſt der Wetteifer des Kanarienvogels, ſeine Stimme durch Flügelmuſik oder andere Töne nicht übertäuben zu laſſen.

Was die Sänugethiere betrifft, ſo fehlt es unter ihnen ebenfalls nicht an Beiſpielen. Biber und Ratten ſollen ſich durch Muſik locken laſſen. Boeadelet verſichert, er habe auf der Meſſe zu St. Germain acht Ratten nach der Muſik auf dem Seile tanzen ſehen, und in China richtet man dieſe Thiere häufig zu ſolchen Kunſtſtücken ab.

Das Pferd iſt für Muſik ſehr empfänglich. Die Trompete und überhaupt alle Blechinſtrumente ſcheinen ihm vorzugsweiſe zu gefallen. Kriegeriſche Töne, wie Märſche und Signale, beleben und ermuthigen es. Seine Mähne ſträubt ſich, die Nüſtern öffnen ſich und beben, als wollten

ſie die Töne einziehen. Siehe da, das hochaufgezäumte edle

Thier des jungen indiſchen Kriegers, wie ſich ſeine Ohren in die Höhe richten und die Augen funkeln; mit den Füßen ſcheint es gleichſam den Takt zu ſchlagen. Zu allen Zeiten hat man des Pferdes muſikaliſchen Sinn im Dienſte des Menſchen zu benutzen gewußt. Bei den Turnieren in früheren Zeiten tanzten die Pferde nach der Muſik, und im Circus der Kunſtreiter thun ſie es jetzt noch. Die Sybariten richteten, wie Plinius erzählt, ihre Pferde zum Tanzen ab und zwar mit großem Erfolge. Die ganze Reiterei hatte ſolche Pferde. Die Crotoniaten aber, die mit ihnen Krieg führten, ließen insgeheim ihre Trompeter die Muſik lernen, nach welcher die Pferde der Sybariten zu tanzen pflegten. Hierdurch verloren letztere die Schlacht; denn als ſie ſich zum Treffen aufſtellten, fingen die Trompeter der Crotoniaten an, die Tanzmuſik zu blaſen, und die Pferde tanzten, ſtatt daß ſie die nöthigen Schwenkungen hätten machen ſollen.

Auch das Kameel hat an muſikaliſchen Tönen offenbar viel Freude, weswegen auch die Treiber, wenn es von Müdigkeit überwältigt wird, ein arabiſches Liedchen trällern, und das entzückte Thier wandert nun ſeinen beſchwerlichen Weg mit hurtigeren Schritten, bis die Stunde der Ruhe kommt. Den Karavanen oder Kameelzügen geht ein kleiner Eſel voraus, dem eine helltönende Klingel an den Hals ge⸗ bunden iſt, und jedes Kameel iſt in der Regel mit einer großen Glocke verſehen, die einen milden Herdenton erzeugt und nicht am Halſe, ſondern am Sattelknopfe hängt. Wie die Maulthiere in Spanien und Italien, machen auch ſämmt⸗ liche Kameele Halt, wenn dieſe Glocken entfernt werden und nicht mehr tönen. Ein Reiſender machte zu Pergamos in dieſer Beziehung einen Verſuch. Zwei ſtattliche Kameele, von denen das vorderſte die Glocke trug, zogen langſam und mit gemeſſenen Schritten ihres Weges. Er entfernte die Glocke mittelſt eines langen Stockes und die Thiere hielten, ſowie die Töne aufhörten; auch waren ſie nicht eher zum Weitergehen zu bringen, als bis die gewohnte Muſik wieder in ihren Ohren ertönte. Auch ganze Muſikchöre werden zur Belebung der Kameele bei Karavanen nicht ſelten mit⸗ genommen.

Die Sänger in Tirol behaupten, die Hirſche durch Ge ſang und die Hirſchkühe durch Flötenſpiel herbeilocken zu können. 3