Jahrgang 
1857
Seite
22
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Wegerich. Von O. Glaubrecht. 6. Wer viel wünſcht, dem fehlt viel.

Es ſaßen einmal zwei Weidbuben an einem hellen Maitag am Waldſaum, indeß ihre Kühe nicht weit von ihnen graſe⸗ ten. Man ſah den Buben keinen Mangel an; denn ihre Backen waren roth nnd ihre Augen hell, und aus dem Sack des Einen ſah noch dazu ein Stück Brot heraus, groß genug, einen Hungrigen ſatt zu machen. Der Eine hatte einen Zweig von der nahen Weide abgeſchnitten, hatte ihn zugerichtet, mit Luftloch und Stöpſel wohl verſehen, und ſchlug mit dem Stiele ſeines Sackmeſſers darauf los und ſang: Saft, Saft, Weide! Der Andere trieb derweil Naturkunde. Er war Zeuge, wie ein früher Maikäfer neben ihm das Feſt ſeiner Geburt feierte, wie er die Erde durchbrach und heraus⸗ ſchlüpfte, ſich reckte und putzte und verſuchte, ob die Flügel ein Kreuz ſchlagen könnten. Der Weidbube hatte ihm unter lautem Frohlocken zugeſehen, hatte ihm mitleidig geholfen, dann den Käfer in ſeine hohle Hand gelegt und hineinge⸗ haucht, daß er Leben bekommen ſollte, und als es ihm Zeit ſchien, daß er fliegen würde, da hatte er einen Faden aus dem Unterfutter ſeines Wamſes gezogen und den Käfer mit einem Bein daran gebunden, und während ſein Kamerad dasSaft, Saft, Weide ſang, brüllte er in den feinſten Trillern:

Klewerchen, Klewerchen, flieg' aus, Flieg' über's Bäckerhaus!

Das wär' ſo übel nicht, ſagte plötzlich der Kamerad, wenn das Klewerchen über's Bäckerhaus flöge und zwei Weck' heraus brächte, mir einen, dir einen, wie wollten wir da hineinbeißen!

Ach, geh' mir hinweg, ſagte der Andere; wenn's wünſchen hülfe, dann wünſcht' ich mir etwas Anderes! Nun was denn?Ich ließe mich auf einem Heu⸗ wagen durch's ganze Dorf fahren!O geh, du Schlechter, gab der Kamerad zur Antwort, da weiß ich etwas Beſſeres!Nun was denn?Ich ließe mir eine Suppe von lauter Baumöl kochen!

Ob die Weidbuben das Wünſchen noch weiter getrieben, oder ob ſie es bei dem Heuwagen und der Suppe von Baumöl gelaſſen haben, das erzählt meine Geſchichte nicht; aber ſie gibt doch allerhand zu bedenken. Einmal:Wünſchen und Wollen ſind keine guten Haushalter; denn ſie halten nicht gut Haus mit der Zeit, und Müßiggang iſt des Teufels Ruhebank. Zum Andern, ſo weiß ſelten Einer, wo ihn der Schuh drückt und hätte gern große Schuhe an kleinen Füßen, und derhätt' ich iſt ein böſer Vogel, der viel Futter braucht und mit Spott davonfliegt, wenn man ihn fett gefüttert hat.

7.

Der Wein iſt gut, wenn er auch den Mann die Treppe hinunterwirff.

Es iſt einmal in einem Städtchen eine Kindtaufe gefeiert worden, und zwar mit vielem Nachdruck. Sie muß wol

Kleine Mittheilungen zur Kurzweil und Zelehrung.

die erſte im Hauſe geweſen ſein; denn es wurden viele Ge⸗

ſundheiten dabei getrunken, und waren viele da, die ſie tranken,

alſo daß dem Krämer des Städtchens, der auch geladen war, die Wehmuth ſchier das Herz abſtieß. Was konnte er dazu, daß er wehmüthig ward unter dem Geſundheittrinken, während ſein Nachbar, der Apotheker, plapperte wie eine Elſter und der Phyſikus dem Kindtaufsvater ewige Freund⸗ ſchaft ſchwur! Was konnte der Krämer dazu, daß der Stadt⸗ rechner, an deſſen Bruſt er ſich gern ausgeweint hätte, vom Stuhle fiel und ihm nicht Stand hielt! Niemand verſtand ihn in dem bewegten Kreiſe; er mußte die Einſamkeit ſuchen. So taſtete er ſich denn die Stiege hinab und fand auch ein ſtilles Plätzchen.

Eine Stube ſtand offen und war Niemand darin und ſie warm und behaglich. Was lag dem Krämer daran, daß kein Licht darin war; ſo ſah auch Niemand die Thränen der Rührung, die er weinen wollte. Er fühlte um ſich her und hatte richtig gefühlt. Da ſtand ein Sopha; hier wollte er ruhen und ſeinen Gefühlen Luft machen. Gaſtlich nahm ihn das Sopha aufV; er ſtreckte ſich der ganzen Länge nach darauf aus, dehnte und reckte die Glieder, ſeufzte und ſtöhnte und ſchlief endlich ein. Wie mit weichen Mutterarmen umfing den Betrübten der Schlaf.

Droben im Feſtzimmer ging indeſſen das Feſt ſeinen ge⸗ müthlichen Gang; um die Lichter bildeten ſich feuerrothe Kreiſe, und die drehten ſich ſo raſch, daß man nicht hinein⸗ ſehen konnte, und aus den Gläſern ſahen neidiſche breite Geſichter, die ſchlängelten mit den rothen Naſen, wenn man

ſie anſah, und ſperrten die Mäuler, als wollten ſie trinken

und könnten nicht mehr. Da begann ſich der Stadtrechner hinter dem Ofen wieder zu ſammeln, er ſchaute ſich erſtaunt um, er zählte die Häupter ſeiner Lieben, und ſiehe, es fehlte ſein Buſenfreund, der Krämer.Wo iſt der Krämer, ihr Nachbarn? Seht einmal, ob ſeine Laterne noch dort am Haken hängt und ſein Ueberrock mit den Katzenpelzen und ſein Stock mit der Elle darauf nach dem alten Maß! Laterne, Rock und Stock fand ſich in der alten Verfaſſung, aber der Krämer fehlte.Auf und ſuchet ihn! rief da der Phyſikus.Jeder nehme ein Licht und folge mir, und wer nicht Schritt hält hinter mir her, der wird gepönt um eine Halbe! Wankend ſetzte ſich der Zug in Bewegung, voran der Phyſikus. Den trieb die Praxis zuerſt nach der hintern Seite des Hauſes; aber da war der Krämer nicht. Dann ſuchten ſie ihn in der Nähe des Neugeborenen, aber dort ſchreckte ſie drohend das finſtere Geſicht der Hebamme. Nun war noch ein Raum zu unterſuchen, die Familienſtube, wo man ſonſt und trank, das Geld zählte und allerlei that, was geſchehen mußte, wenn es am täglichen Brot nicht fehlen ſollte. Der Phyſikus that die Thüre auf und leuchtete hinein, aber auch hier war der Vermißte nicht; es war nichts Auffallendes in dem Zimmer, als ein großer Backtrog; der ſtand mit Teig gefüllt neben dem Ofen.

Eben wollte die Karawane wieder Kehrt machen, da trieb den Stadtrechner noch der Inſtinct der Freundſchaft zu dem Backtrog hin, und ſiehe da, aus dem Teige heraus ſchim⸗ merte den erſtaunten Kindtaufsgäſten das rothe gerührte Ge⸗ ſicht des Krämers entgegen, aber ſonſt von dem Manne nichts, gar nichts. Der Brotteig hatte ihn ſchützend und wärmend in ſeine Arme genommen, war dann, ſeiner Pflicht einge⸗