Der Rirſchkern. Eine wahre Geſchichte. Von K. Fiſcher.
Wie geringfügig erſcheint uns ein Kirſchkern, ſo daß wir ihn verachtend wegwerfen oder ihn, zwiſchen den Fingern haltend, neckend auf den Nachbar ſchnellen oder ihn wohl gar mit dem Fleiſche der Kirſche verzehren, ohne daß er uns Nahrung ſpendet, die er doch ſelbſt ſucht und ſie nur im Schoße der Erde findet, um das in ihm ſchlafende Leben zur Entfaltung zu wecken!
In dem Kirſchkern, von welchem wir ſprechen, lag nicht
etwa nur der ſchlafende Keim eines neuen Kirſchbaumes verborgen, ſondern es lag in ihm zugleich ein anderer, weit merkwürdigerer Embryo für das Schickſal eines Mannes, welcher jetzt noch lebt und den Kirſchkern deßwegen in ge⸗ ſegnetem Andenken erhält. S diente als Schreiber in einer Kanzlei ſchon mehre Jahre, ohne alle Ausſicht auf Beförderung, und ſtand eben beim offenen Fenſter, um ſeine durch die todten Buchſtaben gequälten Augen durch die ſchöne Ausſicht zu erquicken, während er zugleich ſeinen Mund mit ſaftigen Kirſchen labte. Indem ſeine Gedanken von den Kirſchen in die weite Ferne und von da wieder zurück auf die Kirſchen ſchweiften, dachte er wohl nicht im geringſten daran, wie wichtig eine von dieſen Kirſchen oder vielmehr ein einziger Kern dieſer Frucht für ihn werden könnte.
Eben warf er einen Kern nach dem andern zum Fenſter hinaus, als einer derſelben keine Luſt bezeigte, den ihm an— gewieſenen Weg zu verfolgen, ſondern ſich auf die Erde eines im Fenſter ſtehenden Blumentopfes niederließ.„Nun,“ dachte der Schreiber, gleichſam zum Kerne ſprechend,„willſt du dich von mir und meinem Zimmer nicht trennen, ſo bleibe hier,“ und drückte mit dem Zeigefinger den Kirſchkern ſo tief in die Erde, daß er unſichtbar ward.
Es ſchien dies die letzte Berührung zu ſein, in welcher er zu dem Kirſchkern mit ſeinem Finger und mit ſeinem Gedächtniſſe ſtand. Welche länger dauernde Spuren hätte auch ein ſo geringfügiger Gegenſtand hinterlaſſen ſollen!
Es vergingen Wochen, es verſtrichen Monate, nachdem der Kern aus der Hand, aber auch aus dem Gedächtniß des Schreibers verſchwunden war; allein er war immer noch in ſeiner Nähe; er war in der Erde des Blumentopfes; er ruhte neben der Wurzel der Blume; doch nein, er ruhte nicht; er zog im Stillen und unbemerkt Nahrung an ſich für den Keim, der in ihm ſchlummerte. Der Topf mit ſeiner Pflanze ſteht im zeitigen Frühjahre am lichten, ſonnigen Fenſter; es entfaltet ſich die Blume zum neuen Leben durch den Hauch der Wärme und durch den Strahl der neuen Frühlingsſonne; aber es rührt ſich auch mächtig der Keim in der feſten Steinſchale des Kirſchkerns und ſprengt ſie mit Macht und blickt mit ſeinen muntern Aeuglein hervor aus dem Schoße der Erde. Des Schreibers Auge ſchaute ganz verwundert auf den unbemerkten, unbekannten neuen An⸗ kömmling; er wußte nicht, woher er käme, und was er aus ihm und mit ihm machen ſollte.
Kleine Mittheilungen zur Kurzmeil und Zelehrung.
Da fährt ihm auf einmal, wie ein Blitz aus dunkler Wolke, der Gedanke durch die Seele: Ei, das iſt der weg— geworfene Kirſchkern! Er heißt ihn freudig willkommen, ladet ihn zur ferneren, näheren Bekanntſchaft ein und ſichert ihm ſeine traute, untrennbare Freundſchaft zu.
„Iſt es doch,“ ſprach der Schreiber,„als wenn der Kirſchkern ſich von mir nicht trennen könnte, und als liebte er mich gar ſo ſehr, indem er ſeine Aeuglein aus dem dunkeln Schoße der Erde ſo ſehnſuchtsvoll nach mir wendet. Gewiß will er mir es danken, daß ich ihm einen großen Liebesdienſt erwies, indem ich ihn in ſein Element, in den dunkeln Schoß der Erde, barg. Aber du ſollſt mir neben der Blume nicht kümmern, ſondern dich freier bewegen können.“
Kaum hatte er alſo geſprochen, ſo füllte er einen Blumen⸗ topf mit beſter Erde, ſtürzte vorſichtig die Pflanze mit dem Ballen, worin der Kirſchkern wurzelte, in die Hand, löſte den jungen Keim und pflanzte ihn in den ſorgfältig zubereiteten Topf, um ihn als ſeinen Liebling zu pflegen.
Das Kirſchbäumchen wuchs empor, und ſeine Wurzeln trieben nicht nur in die Erde des Blumentopfes, ſondern auch ins Herz des Schreibers hinein.
Um die Pflege treuer abzuwarten, wird ſogar ein Obſt⸗ baumbuch angeſchafft und die Obſtbaumzucht ſtudirt; aber da findet er zu ſeinem großen Schmerze, daß das Bäumchen, ſo fortwachſend, ein Heidenkind(ein wildes Bäumchen) bleiben werde, wenn es nicht die veredelnde Taufe erhält. Das iſt für unſern Schreiber eine noch nie geübte und ſchwierige Operation. Es iſt aber ſein feſter Entſchluß, ſie ſelbſt vorzunehmen; deßwegen unterrichtet er ſich im Buche und wandert als lernbegieriger Schüler zum Gutsgärtner. Endlich glaubt er die Operation wagen zu können und wählt das ſchönſte Reis von der vorhandenen beſten Kirſch⸗ ſorte. Es blutet ihm das Herz, indem er das geliebte Bäumchen verwundet, doch ſorgfältig ſetzt er auf die Wunde das Edelreis und verwahrt ſie mit heilendem und ſchützendem Baumwachſe.
Die für ihn und das Bäumchen wichtige Operation iſt
vorbei; wird ſie auch gelingen? Davon hängt ein eben ſo wichtiger Entſchluß ab, den er mehr geträumt als gedacht hat. Alle ihm übrigen Augenblicke ſind dem Bäumchen ge⸗ widmet; Auge hängt an Auge; des Schreibers Auge am Edelauge ſeines geliebten Bäumchens. Sein erſter Blick beim Erwachen und ſein letzter beim Schlafengehen iſt dem Bäumchen gewidmet. Das Cdelauge bleibt friſch, das erhält ſeine Hoffnung; das Auge ſchwillt an, das ſtärkt ſeine Hoffnung; nun ſpitzt das Auge mit einem grünen Punkte hervor, das krönt ſeine Hoffnung, und das Auge des Schreibers iſt wonnetrunken, und ſein Mund ruft froh die Worte aus: Adieu, du todter Gänſekiel, mit allen deinen Akten! Adieu, du drückender Kanzleiſtaub, mit aller deiner Langeweile! Ich will arbeiten in Gottes freier, lebensvoller Natur; ich will unermüdet Bäume pflanzen, und mein erſtes liebes Bäumchen ſoll mit mir wandern und mich ſegnen.
Und er nahm ſein ganzes Hab und Gut zuſammen und kaufte in der Stadt 3.......... ein ſchönes Grundſtück. Dort lebt er ganz für ſeinen neuen Beruf, und weil er ganz für ihn lebt, iſt er auch ganz glücklich. Seine Bäumchen


