„Ja wohl,“ ſprach die Prinzeſſin,„ich will Alles ver⸗ richten; denn ich liebe Dich von Herzen, kleiner Zwergkönig. Gib mir nur das Schwert und den Spiegel, ſo will ich nach dem Schloſſe der Fee hinziehen.“
Da erhielt die Prinzeſſin einen Spiegel und ein Schwert und fuhr auf dem Wagen, der von Adlern gezogen wurde, nach dem Feenſchloſſe zu, deſſen Beſitzerin gerade auf Beſuch zu ihrer Schweſter gereiſt war. Nicht weit vom Schloſſe ſtieg ſie vom Wagen, und mit dem Schwert und dem Spiegel ging ſie gerade auf die Drachen zu, die vor dem Schloßhofe lagen und ſie verſchlingen wollten. Die Prinzeſſin aber hielt ihren Spiegel in die Sonne nnd richtete ihn auf die Drachen. Sobald dieſe den Lichtſtrahl erhalten hatten, den ſie mit dem Spiegel aufgefangen, ſpieen ſie kein Feuer mehr, ſtanden wie verzaubert da, und das Mägdelein tödtete ſie durch ihr Schwert mit leichter Mühe. Darauf ſchnitt ſie eine Klaue vom Fuße des einen Drachen, ſtieß an's Thor des Schloßhofes, welches ſich ſogleich vor ihr öffnete, ging zum Brunnen und warf die Drachenklaue hinein. Sogleich ſchwammen ſiebenundzwanzig Ringe oben auf dem Waſſer⸗ ſpiegel und kamen von ſelbſt an des Brunnens Rand, daß die Prinzeſſin ſie greifen konnte. Sie ſteckte ſie zu ſich und ging wieder zum Schloßhofe hinaus. Kaum hatte ſie ihn verlaſſen, da geſchah ein gewaltiges Sauſen; denn die Fee kehrte ſo eben von ihrer Reiſe zurück, konnte aber der Prinzeſſin jetzt nichts mehr anhaben. Sie wohnte nachher noch eine kurze Zeit in ihrem Feenſchloſſe, dann aber ward es in einem Kriege zerſtört, den ſie gegen einen in ihrer Nähe wohnenden Rieſen führte.
Der Prinzeſſin aber kamen am Berge ſiebenundzwanzig ſchöne Jünglinge entgegen, das waren die ſiebenundzwanzig Zwerge, die nun wieder zu Menſchen geworden. Es waren aber alle dieſe Jünglinge Königsſöhne, und an ihrer Spitze ging der Zwergkönig einher, der war der ſchönſte Jüngling von allen, fiel dem Mägdelein um den Hals, herzte und küßte es und rief:„Liebes Schweſterlein, erkennſt Du mich denn nicht, ich bin ja Dein Bruder Blauäugelein!“
Da freute ſich die Prinzeſſin gar ſehr und ſteckte jedem der ſiebenundzwanzig Jünglinge ſeinen Ring an, und fröhlich zogen ſie nun alle miteinander nach dem Königsſchloſſe, wo Blauäugeleins Vater wohnte. Dort war große Betrübniß; denn des Mägdeleins Vater hatte ſchon gemeint, es ſei ihr wie ſeinem Sohn Blauäugelein ergangen. Als nun aber der König die vielen Königsſöhne einherſchreiten ſah und in dem Zuge Blauäugelein und ſein Töchterlein erkannte, hieß er ſogleich ein großes Freudenfeſt bereiten. Es begann mit einer großen Mahlzeit, bei der Knechte, Diener und Mägde mit an der königlichen Tafel ſitzen mußten, und dauerte drei ganze Tage lang. Da es vorüber war, begaben ſich die ſechsundzwanzig Königsſöhne anf den Weg zu ihren Vätern; Blauäugelein und ſein Schweſterlein blieben auf dem Schloſſe und lebten mit ihrem Vater und den übrigen drei Schweſtern glücklich und zufrieden.
Wegerich. Von O. Glaubrecht. 4.
„Geloben iſt ehrlich, Halten beſchwerlich.“
Zwei Eheleute waren reich, hatten aber nur einen Buben. Wen ſie am liebſten hatten, den Buben oder das
Geld, das ließ ſich ſchwer beſtimmen; es fragte ſie Niemand danach, bis ihnen einmal der liebe Gott ſelber die Frage vorlegte, und da haben ſie Antwort gegeben.
Der Bube ward krank, ſehr krank, und ſie ſaßen hände⸗ ringend und klagend an ſeinem Lager, und der Mann ſagte: „Ach! wenn uns der liebe Gott den Jungen erhält, ſo gebe ich den Armen hundert Körbe Brot.“—„Das ſchickt nicht,“ ſtöhnte die Frau,„ich denke, der Bube iſt mehr werth, laß uns auch noch einen fetten Ochſen zuſetzen.“— Meinet— wegen,“ ſagte der Mann,„aber es ſchickt noch nicht, laß uns auch noch dreihundert Gulden baar Geld den Armen geloben, vielleicht hilft uns dann der liebe Gott.“— Und der liebe Gott half; der Bube genaß, und das Brot ward mit heiterem Angeſicht unter die Armen vertheilt und der fette Ochſe auch, und dünkte den Beiden Geben ſeliger, denn Nehmen, und ſie thaten's gern. Wenn es aber an das baare Geld gehen ſollte, da ſaßen ſie wieder zuſammen, wie damals an ihres Sohnes Krankenbette und rangen die Hände und meinten, es ſei doch gar zu viel, und baar Geld brauche es ja nicht zu ſein, wenn man nur wiſſe, wie man ſich aus der Verlegenheit ziehen könne. Und ſie riethen hin und her, und ihr Gewiſſen ſchrie, aber das Geld noch lauter, und ſie waren rathlos wie nie vorher. Endlich hatte es die Frau gefunden.„Weißt du was,“ ſagte ſie,„wir geben das gelobte Geld unſerm armen Buben da, daß der doch auch etwas habe für Krankheit und Angſt. Und ſo thaten ſie; ſie gaben ihrem armen Buben die dreihundert Gulden, und der arme Bube gab ſie den reichen Aeltern wieder, und das Gelübde war erfüllt.
Verſuch' es einmal Einer, der ſich ſelber kennt, über die Schelmerei der reichen Leute zu lachen! Wir dürfen's nicht. Wir gleichen auf ein Haar den beiden Eheleuten. Was geloben wir nicht Alles in Stunden der Noth und der Rührung; und wenn dann die Zeit kommt, wo wir dem Herrn unſere Gelübde bezahlen ſollen, dann erſcheint uns unſer ſchwaches, liebes Herz wie ein armer Bube, dem wir wohlthun müſſen, und wir ſind dabei gar gerührt und ſchel⸗ miſch zugleich
Anekdote.
Ratechiſirkunſt eines alten Huſaren.
Nach Beendigung des ſiebenjährigen Krieges wußte ſich ein alter abgedankter Huſar, deſſen Penſion ſehr gering war, nicht anders zu helfen, als daß er, ſeine geringen Schul⸗ kenntniſſe benutzend, eine Winkelſchule anlegte und für eine Kleinigkeit beſonders Soldatenkinder unterrichtete. Da ſich in dieſer Zeit die Aufmerkſamkeit des großen Friedrich be⸗ ſonders auch auf die Schulen richtete, ſo wurde den Winkel⸗ ſchulen ſtreng nachgeſpürt und auch die unſers Huſaren ent⸗ deckt. Dieſer war ein verdienter Kriegsmann, und man wollte ihm nicht gern wehe thun. Deshalb mußte ein Ober⸗Conſiſtorial⸗Rath einmal hören, ob denn der Unter⸗ richt des Mannes erträglich ſei. Er trat in die Schule, fragte den Huſaren, was er Alles treibe, und da auch Geographie darunter war, ſo verlangte er eine Probe. Der Huſar fing an:
Kinder, wo wohnt jetzt der König von Preußen?
Kinder. In Berlin.
Huſar. Wo liegt Berlin?
Kinder. In Brandenburg.


