Jahrgang 
1857
Seite
6
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Kleine Mittheilungen zur Kurzweil und Belehrung.

Wegerich.

Von O. Glaubrecht.

2

Es gibt ſich, wenn es ausgelaufen iſt.

Es waren einmal zwei Bauernbüblein eingeſperrt worden und ſollten ſo lange das Haus hüten, bis die Mutter heim käme aus dem Feld und der Vater aus dem Wald. Warum man die Büblein nicht mitnahm, das weiß ich nicht; ich denke aber, ſie ſollten das Haus be wachen, damit kein Dieb den Weg hinein finde. Da haben ſie denn zuerſt ihr Butterbrot verzehrt, das ihnen die Mutter mit allerlei guten Vermahnungen zum Abſchied geſchnitten, und einen Topf mit Milch dazu getrunken, weil juſt kein Waſſer im Hauſe war und das Brot Durſt machte. Dann hat der Peter dem Hanneschen ein Märchen erzählt oder zwei, und bei'm zweiten hat das Hanneschen wiederholt in den leeren Milchtopf geguckt, ob nichts mehr darin ſei gegen Durſt und Langeweile. Dann haben ſie ſich zuſammen an's Fenſter geſtellt und dem Wächter zu⸗ geſehen, der gegenüber unter dem Holzſtoß ſein Lager hatte, wie er nach den Mücken ſchnappte und an der Kette zerrte; der Hund war auch eingeſperrt und hatte Durſt. Das ſah das Hanneschen, und vor Mitleid und eigner Rührung gingen ihm die Augen über, und es brüllte: Peter, ich habe Durſt! Indem, ſo ſieht es, wie ein Huhn vom Miſt herabläuft und gerade auf den Brunnen⸗ trog zu, und beugt ſeinen Kopf hinein und thut einen kräftigen Zug und noch einen und wieder einen und hebt jedesmal den Kopf in die Höhe und ſchielt nach dem Fenſter, wo die Büblein ſtanden, als wolle es ſagen: Etſch, ich hab' getrunken, und ihr habt Durſt! Das ver droß das Hanneschen gewaltig, es heulte noch lauter und ſchrie:Ich habe Durſt, Peter, ich glaub', ich ſterbe! Das ging dem Peter zu Herzen, und auch bei ihm begann der Durſt; er heulte auch und ſagte:Komm, Hanneschen, ehe wir ſterben, wollen mir uns noch einmal an Papas Bier laben, das im Keller liegt.

Alſo ſtiegen ſie hinab in den Keller, wo ein Fäßchen Bier lag zum Sommertrank, und der Peter rupfte den Stöpſel heraus und gab ihm den Hanneschen und hielt den Milchtopf unter, und das Bier ſtürzte ſchäumend hin ein. Wie die Blaſen ſich eben am Rand zeigten, da hielten ſie die Mäuler an den Topf und ſtießen ſich mit den Köpfen aus Begierde und Durſt und tranken tüchtig. Aber ſo ſchnell ſie tranken, ſo ſchnell lief das Bier aus dem Faſſe und noch viel, viel ſchneller. Es floß ihnen über Geſicht und Bruſt und Kleider weg; es ging den Hänneschen eben am Hals hinein und floß durch die Höschen hindurch und that ihn kalt auf ſeinen Leib, und es ſchrie und ſtrampelte. Da rief der Peter in Angſt: Was ſchreiſt auch noch, der Topf iſt längſt voll und läuft über, gib mir den Stöpſel, daß ich das Loch zu ſtopfe! Aber das Hanneschen hörte nicht; es ſchrie viel mehr:Ich bin naß, ich bin naß, bis auf's Hemd! Da machte ſich der Peter ſelbſt auf und ſuchte nach dem Stöpſel; er mußte doch irgend wo in der Nähe liegen; er ſuchte und ſuchte, aber er fand ihn nicht. Dafür aber floß das Bier aus dem Faß, daß es rauſchte wie ein

man hätte einen Spund davon machen können auf ein

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Springbrunnen.Hanneschen, rief da in ſeiner Angſt der Peter,das Bier iſt gar mächtig, lauf, hinauf und hol aus der Küche ein Holz oder einen Lumpen zum Zuſtopfen, ich ſtecke derweil den Finger in's Loch und halt' das Bier auf.

Das Hanneschen blieb lange aus, und als es kam, da hatte es ein Holzſcheit in ſeiner Hand, ſo groß, daß

Stückfaß. Aber der Peter rief ihm frolockend entgegen: Hanneschen, es gibt ſich! Wohl hatte es ſich ge geben, das Faß war faſt leer und lief nur noch dünn und langſam, und war von dem Bier nichts mehr übrig, als der Milchtopf für den Durſt.

Und nun die Moral? Soll ſie heißen:Wenn die Katze fort iſt, ſo tanzen die Mäuſe auf dem Tiſch? O bewahre! Oder ſoll ſie heißen:Das Büblein hat ge tropfet, der Vater hat's geklopfet? Bewahre!l die Moral liegt tiefer:Und wer warten will, bis ſich's gibt, dem können alle ſeine Fäſſer im Keller aus- und alle ſeine guten Vorſätze davon laufen.

3. Gedanken ſind zollfrei, aber nicht höllenfrei.

Es ſtand einmal ein Bauer auf ſeiner Wieſe und wendete das Heu. Und wie unter dem Rechen das Heu, ſo wandten ſich unter dem Rad der Gedanken allerlei bunte Bilder hin und her; vielleicht auch das:daß der Bauer Herr auf ſeinem Acker ſei und ernten dürfe, was darauf wachſe und todtſchießen dürfe, was darauf weide; und der das Jagdrecht erfunden, ſei auch kein Bauer ge weſen, der ſich von allem Gethier die Saat müſſen ab freffen laſſen, ſondern ein fauler Junker; und wenn nur die Zeit einmal wieder beſſer würde, dann könne auch der Bauer die Flinte auf den Rücken hängen und das Gethier jagen nach Herzenswunſch. Indem, ſo rauſcht's im nahen Walde und heraus fährt ein Haſe, der Eile zu haben ſchien und darum die Augen nicht aufthat und ge rade auf den Bauer zulief. Der nahm, im Vorgefühle der Zeit, wo das Jagdrecht aufgehoben wird, den Rechen in die Höhe, legte ihn ſchußmäßig an den Backen, und wie erpuff ruft, ſo thuts einen lauten Knall und der Haſe ſtürzt nicht weit von ihm nieder und verendet. Kaum iſt der Schuß gefallen, ſo theilt ſich das Gebüſch und der Förſter ſtürzt mit drohend erhobener Flinte auf den Rechenſchützen los und ruft:Wilddieb, hab' ich Euch jetzt einmal!Halten zu Gnaden, Herr Förſter, ſagte der erſchrockene Bauer,es war ſo böſe nicht ge⸗ meint; und dacht' ich denn, daß das Ding hier los ginge! Das Ding war nun freilich nicht losgegangen, wohl aber des Bauern Gewiſſen; das hatte den Haſen⸗ wirklich geſchoſſen, drum erſchrak er von Knall und Fall. Ach! wenn es jedes Mal einen Knall thäte wenn das Menſchenherz einen Gedankenſchuß thut, nach fremdem Gut und nach fremder Ehre, das gäb' ein Heckenfeuer, wie in der ſchwerſten Schlacht. Man ſollte aber doch bedenken,daß der Herr ſuchet alle Herzen und verſtehet aller Gedanken Dichten.