sammlungen alle Mittel der Kunst an, um einen günstigen Erfolg für sich zu erhaschen. Man über⸗ schaut vor Allem seine Kräfte. Man erliest unter den Rednern den Exöffner, die Unterstützer und Kämpfer im Handgemeng, und den Schlußredner.— Zum Eröffner bestellt man einen Mann mit der Gabe guten Vortrags; seine Rede ist eine ganz vorbereitete; er braucht nicht Stegreifsredner zu sein. Folgen auf ihn alsdann Gegner, so läßt man gegen jeden sogleich einen Ste greifsredner los, welcher gewandt und ohne lange zu denken, die schwachen Punkte aufgreift und schlägt,— mit Spässen, mit hinkenden Gleichnissen, mit Verdre⸗ hungen und Entstellungen das Wohlbegründeste ver⸗ dächtig und lächerlich machen kann. Dazwischen, oder wenn Stegreifsredner fehlen, müssen Reden 8⸗ artenmacher, Schönredner auftreten, die mit Wohlklang und voller Stimme Dinge sagen, die in die Ohren klingen, die Hauptsache aber bei Seite lassen, und die dann mit Unterstützung des Antrags, um den es zu thun ist, endigen: Wenn die Geg⸗ ner erschöpft sind, wenn die Leute genug haben, dann muß der Schlußredner hervor, der den Antrag mit den kräftigsten Zügen aus den voran⸗ gegangenen Reden unterstützt,— Gegengründe, die widerlegbar sind, in ein paar scharfen Worten wi⸗ derlegt,— von dem Nichtwiderlegbaren schweigt, oder— je nachdem er zum Einen oder andern Gabe hat,— es lächerlich macht, oder das Ge— fühl der Menge geschickt dagegen aufregt.
Hierneben vertheilt man seine Anhänger. Ein Trupp vor die Bühne; Gruppen nach allen wichti⸗ gen Punkten; für sie alle mehrere Führerz diese am Besten kräftige Stimmen mit Volkswitz. Diese Truppen äußern sich auf gegebene Zeichen ihrer Führer, und müssen einander stets im Ausdruck von Beifall oder Mißfallen unterstützen. Ist die Gegen⸗ partei nicht vorbereitet, so wird sie dadurch häufig unterliegen, selbst wenn sie bei weitem stärker ist. Ihre Anhänger werden verwirrt und entmuthigt, und schämen sich, anders zu stimmen, als die Par⸗ tei, die sich am Lautesten äußert. Manchmal kom⸗ men aber die Unterstützer auch übel an. Dieß, wenn die Versammlung von vielen Bauern besucht wird. Die Bauern halten den zusammen. Drängt sich ein Unberufener unter sie, und äußert er sich da anders, als ihren Füh⸗ rern gefällt, so widerlegen sie ihn zuweilen mit den Fäusten. Doch ist Solches selten.
Die allwöchentlichen Gießener Volksversammlun⸗ gen können weniger den Zweck haben, den Aus⸗ druck einer ganzen Gegend zu erforschen. Sie sind nach Zeit und Ort nur auf die Stadtbewohner be— rechnet, sind erweiterte Clubversammlungen. Sie
hatten zunächst wohl den Zweck der Belehrung und
sich meist nach Gemein⸗
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Aufklärung, aber Unduldsamkeit hat die Oberhand darin gewonnen, in wachsendem Fortschreiten. Es will Niemand mehr den Prediger in der Wüste machen; daher sind so zu sagen nur Redner einer einzigen(und der einzigen) Farbe übrig geblieben. Sie sind Versammlungen für Steigerung der Auf⸗ regung im Volk, und— für einen Theil der Be⸗ sucher— Sache der bloßen Unterhaltung.
Diese häufigen Versammlungen haben das Nach⸗ theilige, daß man für das Besuchen von Volksver⸗ sammlungen lau wird, und daß sie einmal, wenn es gilt, als abgenütztes Mittel, den rechten Erfolg nicht mehr haben.
Man darf übrigens nicht zu streng tadeln, wenn Die, so des Gehens noch ungewohnt sind, im An⸗ fang Fehltritte machen. F. F.
Die Steckborner. Clubs wie an
In Steckborn sind die politischen andern Orten in Blüthe. Die Steckborner sind aber ein ungeduldiges, sonst harmloses Völkchen. Sie haben viele gute Sprecher; aber es sind auch welche darunter, die sprechen zu Viel. Da fiel neu⸗ lich der Antrag: bei einem langweiligen Sprecher solle man rufen dürfen:„Herr Präsident, lassen Sie mich wieder hereinrufen, wenn der am Ende ist!“ Es gab ein Gelächter, und dann auch einen Streit über Redefreiheit. Zuletzt ward man einig, wer bei einem Redner nicht zuhören wolle, könne vor die Thür gehen, und es solle dann an der Thür gerufen werden, wenn ein neuer Sprecher das Wort erhalte. Bei der nächsten Versammlung rief man beim zweiten Redner:„Herr Präsident, der ist es!“ und hinaus stürzte die ganze Versamm⸗ lung, die damit zu Ende war. Seitdem seyen die Reden meist kürzer.(Wär' es doch allenthalben so!)
Reactionsriecher.
Man sucht für mehrere Städte Deutschlands Reac⸗ tionsriecher. Sie bedürfen die meisten Eigen⸗ schaften der früheren Demagogenriecher, da sie eigentlich nur umgekehrte Demagogeniecher sein sollen. Sie dürfen nur durch die Brille der Reac⸗ tionsfurcht sehen. Auf den Seiten hat diese eine Vorrichtung zu Bedeckung aller beruhigenden Anzei⸗ gen. Sie müssen von gleicher Herrschsucht beseelt sein, wie die frühere Polizei. Von Andersdenken⸗ den dürfen sie durchaus nichts halten; diese müssen ihnen vielmehr unerträglich sein, und das eigent⸗ liche Wild, das sie hetzen. Unduldsamkeit ist für sie fast unerläßliches Erforderniß. Sie müssen erfor⸗ derlichen Falls geschickt sein, um einen nächtlichen Unfug zu leiten. Nur Filzstiefeln brauchen sie im


