Ausgabe 
16.6.1848
 
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war vor einigen Tagen bei dem Ausgraben von 8 Leichen, etwa Stunde von Posen, nach Sluczewo, commandirt. Sämmtliche Leichen lagen in voller

Uniform mit auf der Brust zusammengebundenen Hän⸗

den, mit dem Gesichte der Erde zugekehrt, in einem Grabe. Da die Aerzte keine äußere Veranlassung des Todes finden konnten, so müssen dieselben le⸗ bendig beerdigt sein. Es soll dies die That der Krauthofer'schen Vehme gewesen sein. Es ist eine That von furchtbarer Gräßlichkeit, und den⸗ noch sie ist ein Spiegelbild unserer Zustände.

Berlin, 9. Juni. Die früheren Minister Eich⸗ horn, Thile und Graf Stolberg sind jetzt in Pots⸗ dam und häufig bei der k. Tafel. Graf Stolberg wurde in der Begleitung des Prinzen von Preußen gesehen, als derselbe in Potsdam ankam. Die HH. Erminister sollen sich keineswegs der Zurückgezogen⸗ heit und einem Privatleben hingeben.

(Vom 11.) Gestern wurden in allen Clubs und auf allen Straßen wiederum neue Ministerlisten vertheilt. Die an uns gelangte ist eine wunderliche Composttion: Kirchmann, Ministerprästdent; Milde, Finanzminister; Pinde, Minister des Junern; Dahl⸗ mann, Minister des Aeußern; Laue, Justizminister; v. Pfuel, Kriegsminister; Lobeck, Cultus- und Un⸗ terrichts⸗Minister; v. Unruh, Minister der Arbeiter.

Der große Handwerkerverein(in der Jo⸗ hannisstraße), der in den Bewegungen der letzten Wochen von der Tüchtigkeit und Nothwendigkeit sei⸗ nes Strebens mannichfache Proben gegeben, hat auf den 18. Juni einen Congreß aller verwandten Ver⸗ eine Deutschlands ausgeschrieben. Viele mit Man⸗ daten versehene Deputationen sind bereits angemel⸗ det. Zweck der Zusammenkunft ist Centralisation der gemeinsamen Bestrebungen, Verbrüderung der gleich⸗ artigen Vereine ce. Von Mitgliedern der constitui⸗ renden Versammlung in Frankfurt ist der Berliner Handwerkerverein veranlaßt worden, seine auf Er⸗ reichung dieser Zwecke zielenden Anträge auf dem Wege der Petition an die Versammlung gelangen zu lassen.

Die Ruhegehalte der Beamten sollen stark beschnit⸗ ten werden. Unentgeltliche Ertheilung des Un⸗ terrichts in allen Lehranstalten würde den Staat 6 Millionen Thaler kosten.

Breslau. Eine Anzahl Katholiken erklärt sich in einer Zuschrift an die preuß. N,⸗V. gegen meh⸗ rere Punkte des Verfassungsentwurfs. Sie betref⸗ fen sämmtlich Kirchliches. Namentlich will man keine Trennung der Schule von der Kirche; daneben un⸗ bedingte Lern- und Lehrfreiheit, und das Recht, in beliebige religiöse Verbindungen zusammenzutreten.

Innsbruck. Man hält die Mittel unserer Trup⸗ pen in Italien für unzureichend zu angriffsweisen Un⸗

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ternehmungen.

Die Eroberung von Friaul und des venetianischen Gebiets ist die höchste Leistung, die bei gegenwärtigem Kräftemißverhältniß zu erwar⸗ ten ist.

Wien. Eine am 7. d. von Prag angelangte Abordnung stellt die Kluft zwischen Deutschthum und Czechenthum nicht als unübersteiglich dar.

Wesel, 10. Juni. Seit einigen Tagen findet man Morgens Placate, die zur Errichtung der Re⸗ publik und zum Fürstenmord auffordern, jedoch mehr belacht als gefürchtet werden.

Frankfurt, 14. Juni. Die N.⸗V. hat soeben mit großer Mehrheit beschlossen: daß die Bundes versammlung zu veranlassen sei, zur Gründung des Anfangs einer Kriegsmarine die Summe von 6 Mill. Thlr., für deren Verwendung die zu bildende provisorische Centralgewalt der N.-V. verantwort⸗ lich sein muß, auf verfassungsmäßigem Wege ver⸗ fügbar zu machen, und zwar 3 Mill. sofort, die übrigen 3 Mill. nach Maßgabe des Bedürfnisses.

Vilbel. In der Nacht vom 12. auf den 13. kam es hier zu blutigen Händeln zwischen den ver schiedenen Ortscorporationen. Die Bürgerwehr schritt kräftig ein, und verhaftete die Haupträdels führer.

Oberitalien. Die Stimmung ist entschieden für den Anschluß an Piemont, nicht für eine Republik.

Brüssel. Die bevorstehenden Wahlen werden bedeutsam sein, und der Kammer eine veränderte Gestalt geben. Weder die Radikalen noch die Re⸗ trograden werden Einfluß behalten.

Nußland. General v. Saß, der so tapfer ge⸗ gen die Tscherkessen gefochten hat, seither aber außer Dienstthätigkeit war, ist dem Oberbefehlshaber der Armee in Warschau(Paskewitsch) beigegeben worden.

Um Mißverständnissen zu begegnen, halte ich mich zu folgender Erklärung verpflichtet:

Als ich gestern zufällig auf der Straße mit dem Aufzug, den ich für eine Abtheilung der Bürger garde ansah, zusammentraf, schloß ich mich einer Aufforderung zufolge, an, zum Theil in der Hoff nung, auf die Gemüther, die mir etwas aufgeregt schienen, nöthigenfalls günstig einwirken zu können. Meinen bereits bewährten politischen Grundsätzen bleibe ich treu für Freiheit und Reform gegen Anar⸗ chie und Reaction und verwahre mich gegen alle Mißdeutungen.

Gießen am 14ten Juni 1848.

Dr. H. Köhler.

Auf den Wunsch des Herrn Dr. Lanz erkläre ich, daß er zu den Herausgebern der Volkszeitung nicht gehört. Dr. F. Fischer.

Verantwortlicher Redacteur: Dr. F. Fischer.

Druck und Verlag von G. D. Brühl J, in Gießen.