Ausgabe 
15.6.1848
 
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Nass

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Volk appellirt; giebt die neue Kammer wiederum ein Mißtrauensvotum ab, so muß das Ministerium unbedingt abtreten; die Kammer hat das Recht der Zustimmung zu Gesetzen, der Gesetzbeantragung, der Steuerbewilligung, der Steuerverweigerung, der Controle, der Beschwerde, der Anklage, der Einwil ligung bei Besetzung der obersten Richter-Stellen; Vereidigung des Militärs auf die Verfassung ꝛc.; die Bestimmung, ob absolutes oder suspensives Veto des Regenten, ist bis dahin ausgesetzt, daß die Nationalversammlung in Frankfurt sich über die nothwendigen Grundlagen der Einzelverfassungen wird entschieden haben. Es leuchtet aus dieser kur⸗ zen Zusammenstellung hervor, daß diese Verfassung wohl als die bis jetzt freieste in Deutschland be zeichnet werden muß. Wir wünschen, daß das Volk in Anhalt⸗Dessau, sich der ihm verliehenen Rechte und Freiheiten zu seinem wahren Besten bedienen möge, und daß namentlich seine Vertreter die ihnen in die Hand gegebene Gewalt mit der nöthigen Umsicht und Vorsicht handhaben.

Es ist nicht wahrscheinlich, daß diese Verfassung lange leben wird; die Anhalt dürften nehmlich für zu klein erachtet werden, um für sich allein dem Staatszweck zu entsprechen; sie dürften mit anderen Staaten vereinigt werden. Wäre aber der preußische Verfassungsentwurf mit dem Anhalt'schen gleichlautend, so würde weniger Alp auf der Brust Deutschlands ruhen. Warum sich gegen das Un vermeidliche sträuben? Was nicht gerettet werden darf, können die Fürsten auf lange nicht mehr retten.

Tagesneuigkeiten.

Mainz. Die am ersten Pfingsttag zu Hochheim gehaltene Versammlung verlief sich ruhig, so ent⸗ schieden sie auch ihre Gesinnung aussprach. Man sprach sich gegen den Geist der Mehrheit in der Nationalversammlung aus.(Zitz, Bamberger, Lu⸗ dolph.) Zimmermann aus Stuttgart, Mitglied des deutschen Verfassungsraths, mahnte von Unüber⸗ legtem ab. Fröbel wollte Auflösung des Bundes- tags und einen vom Volk zu wählenden Vollziehungs⸗ ausschuß. Zitz will daß ihn die N.⸗V wähle. Im Uebrigen hatte Zitz beantragt: Annahme des Bünd⸗ nisses mit Frankreich; Aufstellung von Truppen im Osten statt im Westen; Entsetzung der Beamten, die das Vertrauen des Volks nicht genießen. Die Anträge wurden angenommen. Daß nur diese und nicht stärkere Anträge gestellt wurden, zeigt, daß die republikanische Partei offenes Heraustreten noch nicht an der Zeit glaubte. ö

Wien, 8. Juni. Graf Stadion soll beauftragt seyn, ein neues Ministerium zu bilden. Dieß erregt

Mißbehagen. Man will v. Pillersdorf einstweilen behalten.

Darmstadt. Das Verfahren des Frankfurter Montagskränzchen in Sachen der Bayrhoffer'schen Demokraten-Vereine findet hier lebhaften Beifall; man will hier das Praktische, nicht das Ideale.

London. Die Regierung will einen beschlossenen großen Umzug der Chartisten mit allen Mitteln hindern.

Italien. Das Heer Carl Alberts wird auf 60,000 Mann berechnet. Oesterreichischen Briefen zufolg wird die Eroberung des Venetianischen mit Erfolg fortgesetzt; Radezky greift Vicenza an.

Hamburg. Eine Kundgebung gegen die Thor sperre hat zu ernsten Unordnungen geführt.

Frankfurt. Die Rechte hat in der deutschen N.⸗V. die Mehrheit; sie besteht aus den Pietisten und Ultramontanen, den hohen Beamten aus Oester reich und Preußen, den Adlichen und Reichen. Sollte die Rechte die Errungenschaften des Volks in Frage stellen, so ist es wohl unvermeidlich, daß es bei uns zur republikanischen Staatsform kommt.

Berlin. Die Aufregung der Stadt hat einen hohen Grad erreicht.

Köln. Man ist in großer Besorgniß wegen der Arbeiter. Arbeitervereine und Clubs stehen mit de nen anderer Orte in Verbindung, und nähren die Aufregung auf jede Weise.

In Leipzig und Dresden geschehen Erklärun⸗ gen gegen Republik.

Mailand(5. Juni.) Die Oesterreicher, die von Mantua zum Angriff ausgerückt waren, haben sich nach einer Bekanntmachung der provisorischen Regie⸗ rung zu Mailand, mit Verlust sehr eilig zurückzie⸗ hen müssen.

Mailand(6. Juni.) Der Augenblick zur An⸗ rufung französischer Hülfe scheint nicht mehr fern, da Haufen deutscher Freiwilliger gegen uns ziehen.

Paris. Bei den Wahlen erliegen die antisocia⸗ listischen Republikaner gegen die socialistischen De⸗ mokraten. Zu einem Volksfest zu 25 Cts.(7 kr.) das Couvert sind schon über 200000 Personen un⸗ terschriben. Am 9. Juni mußten wieder Zu⸗ sammenrottungen zerstreut werden; ebenso am 10. vor dem Hause von Thiers.

Prag. Die in Prag versammelten slavischen Abgeordneten verstehen einander so wenig, daß sie sich in ihren Versammlungen der deutschen Sprache bedienen müssen. Die Wahlen für Frankfurt ge⸗ hen an mehreren Orten vor sich.

Triest. Die Oesterreicher sollen mehrere wich⸗ tige Punkte in der Nähe von Venedig besetzt haben.

Hamburg. Bei Hadersleben fand ein kleines Gefecht statt, bei welchem die Dänen 30 Mann und 1 Kanone verloren. Der Verlust der Deut⸗