der mit der Reaction, welche diese nicht anerkennt, noch mit der Revolution, die ihre eigene Stimme für Gottes Stimme ausgiebt, den neugewonnenen Boden wieder zertrümmern.
Leiten wir nun aus dem Begriff der Volkssouve⸗ ränetät die Competenz der N.-V. her, so handelt sichs um den Begriff Volk: ist damit nur der re⸗ gierte Theil der Staatsangehörigen gemeint, oder das Ganze, Fürst und Regierung als wesentliche Glieder einbegriffen? Ist überhaupt ein feindlicher Gegensatz von Regiminalinteressen und Volksinteres⸗ sen zu statuiren? Bei einem Staate, der krank ist, findet ein solches Verhältniß leider statt. Beim Aufbau einer neuen Staatsverfassung aber muß der gesunde Organismus in's Auge gefaßt werden. Da⸗ rum erklärte sich Gagern in der kurzen Rede, wo— mit er seine Grundsätze darlegte, als er zum provi— sorischen Präsidenten erwählt ward, nachdem er den neuen Rechtsboden der Volkssouveränetät ausdrück⸗ lich anerkannt, zum Schluß dahin:„Deutschland will ein Reich sein, regiert vom Willen des Volks, unter der Mitwirkung aller seiner Glie⸗ derungen; diese Mitwirkung auch den Staaten⸗ regierungen zu erwirken, liegt mit in dem Beruf dieser Versammlung.“ Uebereinstimmend damit heißt es in dem Programm des linken Centrums, das wir dieser Tage lasen:„die gesetzgebende Gewalt geht vom Volke aus und wird zunächst von dessen Vertretern ausgeübt. Zum Volke im weiteren Sinne zählen wir aber auch die Fürsten, denen— aus Gründen der Staatsweisheit und zum Behuf der Stabilität— ein entsprechender Antheil an der ge⸗ setzgebenden Gewalt eingeräumt wird.“ Ueber die Art und Weise der gedachten Mitwirkung spricht sich das Programm dahin aus:„Die von der N.⸗ V. votirte Verfassung sei den einzelen Staaten, resp. Fürsten und Landständen, zur Annahme vor⸗ zulegen, damit dieselbe nicht als absolutes Dictat erscheine, sondern auf dem Wege der Uebereinkunft zu Stande komme, und so nicht blos factische, son⸗ dern auch unbestreitbar rechtliche Gültigkeit habe; damit Reactionsgelüsten aller Vorwand späterer Ver⸗ läugnung genommen werde“. Ferner schlägt das⸗ selbe vor, Gesandte der Einzelstaaten möchten auf einer Art von Ministerbank in der Versammlung Sitz erhalten, um auf die Bedürfnisse der einzelnen Staaten aufmerksam zu machen.
Daß diese Ansicht die große Majorität gewinnen werde, dafür sprechen alle Ausspicien. Es spricht
dafür die ganze Haltung der Versammlung bei den bisher behandelten bedeutsamen Fragen; vor allem aber läßt es sich aus der fast an Einstimmigkeit gränzenden zweiten Präsidentenwahl schließen. Nach⸗ dem Gagern sich über die Cardinalfrage, wie vor⸗ hin angeführt, mit solcher Entschiedenheit ausgespro⸗
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chen, läßt sich abnehmen, daß von den 499 Votan⸗ ten die große Mehrzahl die Principien seiner Poli⸗ tik, nämlich die des entschiedenen Fortschritts auf dem Wege der Reform, tiefgreifender, totaler Re—⸗ form, adoptirt hat. Auch für den Einklang der großen Mehrheit der Nation mit seinen Vertretern sind alle Auspicien da. Vor allem bürgt uns da⸗
für der gesunde gesetzliche Sinn des Volkes, das
an dem neugewonnenen Rechtsboden, worauf mit ihm die Versammlung steht, festhalten wird ge—⸗ gen anarchische und reactionäre Bestrebungen. Es bürgt dafür die Haltung der N.-V., die mit Si⸗ cherheit und Festigkeit die großen Interessen der Nation zu wahren und zu sichern begonnen hat. Auf diesem Einklang beruht nicht nur der Frieden der Gegenwart; es beruht darauf unsre Ehre, unsre Macht, unsre ganze Zukunft. Dieser Einklang sichert uns allein unsre großen Errungenschaften, das ganze Heil des Vaterlandes hängt davon ab. Daß die Versammlung auf dem bereits eingeschlagenen Wege dieses Heil begründen werde, können wir mit vol⸗ lem Grunde zuversichtlich hoffen. Und diese Zuver⸗ sicht öffentlich, und gegen die Versammlung selbst kund zu geben, ist weder überflüssig, noch vordring⸗ lich. Zwar stie bedarf unserer Adhäsion nicht;— das ist wahr. Wir sind unserer wenige von den 40 Millionen, ein kleines Städtchen gegen das große, weite Deutschland;— das ist auch wahr. Aber denken wir auch nicht zu gering von uns selbst? Ist das nicht erfreulich, daß wir uns füh⸗ len als ein Theil der ganzen, großen Nation? Daß wir unsere Stimme erheben, unsere Gesinnung ma⸗ nifestiren dürfen? ruht nicht die ganze nationale Er⸗ hebung auf diesem Grunde? Wir dürfen unsere Stimme erheben, und müssen, wo es gilt zu han⸗ deln, nicht allzu bescheiden sein. Jedenfalls geschieht durch öffentliche Kundgebungen der Gesinnung etwas Practischeres, als leere Discussionen sind, die zu keinem Resultate führen. Karl Lanz.
In seiner, Mittwoch den 7. d. M. gehaltenen Versammlung beschloß der constitutionell⸗demokrati⸗ sche vaterländische Verein in Gießen einmüthig, nach⸗ stehende Addresse an die deutsche constituirende Ver⸗ sammlung in Frankfurt zu erlassen:
„An die hohe constituirende National⸗-Versamm⸗ lung zu Frankfurt!“
„Als die hohe Versammlung, in deren Händen das Heil des Vaterlandes ruht, zusammentrat; als jedes Deutschen Auge in höchster Erwartung sich auf sie hinwandte, empfanden auch die Unterzeichneten den heißesten Wunsch, daß das erste materielle Vo⸗ tum derselben durch sicheren Ausdruck ihres leitenden Grundsatzes ein allgemein beruhigendes, das Ver⸗ trauen zur Zukunft kräftigendes sein möge.“


