Ausgabe 
8.6.1848
 
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ben oder Tod in ihre Hände gelegt, und da mahnt uns um so stärker unser Gewissen: wähle redlich ohne Ansehen der Person, denn du wählst Richter über Leben und Tod!

Hungen, im Juni 1848. K. L. Hunsinger.

An denJüngsten Tag! (JFortsetzung.)

Man nahm daher keinen Anstand, folgende ma⸗ terielle Hebel zum Umsturz zu gebrauchen: die ver⸗ schiedenen bernischen Landestheile waren, nach dem ari⸗ stokratischen Grundsatz, ihre Interessen in Wider⸗ spruch mit einander zu bringen, und sie dadurch zu beherrschen(divide et impera l), in ihren Interes⸗ sen einander entgegengesetzt. Nun versprach man jedem Landestheil, was er Drückendes auf sich hatte, abzunehmen. So versprach man dem bernischen Jura, der allein Grundsteuer und französisches Recht hatte, Herabsetzung der Grundsteuer und Beibehal tung seiner Gesetzgebung; dem Seeland, das am meisten Zehnten und Bodenzinse an den Staat

zu entrichten hatte, deren unentgeldliche Abschaffung,

dem Emmenthal, das von der auf den Gemein⸗ den ruhenden Armenlast am härtesten gedrückt wurde, . g. Centralisation des Armenwesens, d. h. diese Last auf die Staatsschultern zu nehmen, dem Simmenthal und andern Gegenden, wo die Zehn⸗ ten von den Bauern längst schon abgekauft worden waren, Zurückgabe der Loskaufsummen, dem überschuldeten Oberland mehrere Millionen(5 Mill., glaube ich) zu% anzuleihen(der or⸗ dentliche Zinsfuß war 4%, und für das Ober⸗ land grade noch mehr, eben weil die Leute so schlechte Zinszahler waren). Diese Hebel zogen an, da eigens dazu organisirte Klubs sie terrorisirend handhabten, da die Regierungsmitglieder meist feig oder achsel trägerisch waren, und die so verfahrenden Klubs nicht rechtzeitig hemmten. Ja, konnte man denn den Leuten die Augen nicht öffnen? O! die sahen so ziemlich selbst; aber jeder Theil dachte: was ich er⸗ halte, halte ich fest: mögen dann die andern Can⸗ tonstheile sehen, wie sie durchkommen. So gings. Die Führer der Umsturzparthei waren meistentheils in Schulden; ich nenne, als hierher gehörig, Niggeler,

Großrathspräsident; Stämpfli; Finanzminister,

Dr. Schneider, Minister des Innern, Ochsenbein, Regierungs- und Bundespräsident; dieser zum Theil, weil er für seine Geschwister Manches hatte thun müssen, während er selbst viele Kinder hatte.(Von Ochsenbein weiß ich die Sache nur aus dritter Hand, von Niggeler und Schneider aus Urkunden; von Stämpfli aus einer fast eben so guten Quelle.) Diese Leute hatten bei einem Umsturz nur zu gewunen. Sie ließen es also leichter darauf ankommen, der

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Schweiz Intervention auf den Hals zu ziehen. Das Glück wollte ihnen aber wohl. Die Jesuiten verlo ren in Baiern, in Belgien; der neue Pabst hatte freisinnigere Pläne; die Entente cordiale zerriß; der preußische Landtag deckte eine Stimmung auf, die man bis dahin nicht geglaubt hatte ꝛc. Die Um⸗ stände waren bald nicht mehr die früheren und än⸗ derten sich stets mehr und mehr in gleicher Richtung. Nun hätte Neuhaus auch gewagt, was fetzt nicht nur Neu⸗Bern, sondern viele, fehr vorsichtige Cantone mitwagten, nämlich den Sonderbundskrieg. Ob er gewonnen worden wäre, wenn die Sonderbündler, ehe die Eidgenossen gerüstet waren, in St. Gallen und den kathol. Theil des Aar⸗ gau's eingefallen wären, steht dahin. Man soll die Sonderbündler von Frankreich aus ermahnt haben, davon abzustehen,(der formelle Rechtsboden werde dadurch verlassen, die Mächte dürften alsdann weni⸗ ger leicht interveniren).(Forts. f.)

Bericht über die am 5. Juni abgehaltene Versammlung des vaterländischen constitutionell-demokratischen Vereins zu Gießen.

Vierzehn Personen erklärten durch eigenhändige Unterzeichnung des Programms vom 26. April 1848 ihren Beitritt zum Vereine.

Der Vorsitzer giebt der Versammlung Nachricht, daß Dr. Sundheim, welcher sich mit der in der vo rigen Vereinsversammlung entwickelten Ansicht des Dr. Eckstein über die Competenz der constituirenden Versammlung nicht einverstanden erklärte, ihm an⸗ gezeigt habe, daß er persönlich zu erscheinen verhin⸗ dert sei und deßhalb seine Ansicht schriftlich ausge⸗ sprochen habe.

Dr. Eckstein protestirt gegen das Vorlesen und verlangt, daß sein Gegner sich mündlich erkläre, ab Versammlung beliebte die Vorlesung des Aufsatze ging jedoch von diesem Beschlusse ab, als gleich im Beginn desselben der Wunsch sich ausgedrückt fand, solches dem Protokolle anzuschließen, daher weiterer Beschluß: Zu den Acten.

Die provisorisch ernannte politische Commission erstattete Bericht über die Verhandlungen in Frank⸗ furt, und kündigte eine von Dr. Lanz entworfene Addresse an, in welcher die Sympathie des Vereins für Gagern ausgesprochen und zugleich auf die Stellung der National⸗Versammlung den Regierun⸗ gen gegenüber Rücksicht genommen worden sei. Von mehreren Seiten wurde vor Verlesen der Addresse Protest erhoben, die Sache als überflüssig, verspä⸗ tet, ja schädlich hingestellt. In diesem Sinne spra⸗ chen Welcker, Weber und Eckstein. Dr. Kraft re⸗

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