Concordia.
Ob dies nur Verſtellung war, vermochte ich Draußen ſtürmte und wetterte es ärger als zuvor. Die Nacht war pechſchwarz und im Scheine der Wagenlaternen erſchienen die an den Straßen ſtehenden Bäume wie rieſige Geſpenſter. Es war ſo dunkel, daß ich nicht zu unterſcheiden vermochte, ob wir uns im freien Felde oder im Walde befanden.
Plötzlich hielt der Wagen, und draußen wurden verſchiedene Stimmen hörbar. Ehe wir noch Zeit hatten, das Fenſter zu öffnen, um nach der Urſache der Störung zu ſehen, ward die Wagenthür aufgeriſſen und drei Männer traten heran. Wenn auch nicht jeder von ihnen in der einen Hand ein Doppel⸗ piſtol mit geſpanntem Hahn gehabt hätte, ſo würde ich doch über den Zweck ihres Erſcheinens keinen Augenblick im Zweifel geweſen ſein.„Wer den Verſuch macht, zu ſchreien oder zu entfliehen, wird niedergeſchoſſen,“ ſagte der eine der Räuber, mehr zu ſeinen Spießgeſellen als zu uns, und man hörte an dem Tone ſeiner Stimme, daß es ihm mit dieſer Drohung völliger Ernſt war. Wir mußten ausſteigen, wurden unſeres Geldes und unſerer Werthſachen beraubt und durften dann wieder Platz nehinen. Ich ſah, wie zwei Kerle das am hinieter Ende des Wagens befindliche Magazin durchwühlten, die Briefbeutel aufriſſen und alle Geldſendungen und Werth⸗ packete an ſich nahmen. Zwei andere Räuber hielten die Pferde und bedrohten den Poſtillon; dem Schaffner hatten ſie bei ſofortigem Niederſchießen verboien, ſeinen Platz im Cabriolet zu verlaſſen. Nur die Schlüſſel zum Magazin hatten ſie ihm abgenommen. Die ganze Szene dauerte kaum fünf Minuten, dann war draußen Alles ſtill; die Wegelagerer waren im Dunkel der Nacht verſchwunden. Der Schaffner war ausgeſtiegen und las jammernd die auf dem Boden zer⸗ ſtreuten Briefe und Packete auf, legte ſie wieder in's Magazin und ſchloß daſſelbe. Die Mehrzahl der Poſtſachen war ganz durchweicht, denn die Räuber hatten ſie ſchonungslos auf die Straße geworfen und darauf herumgetreten. Ich lud den Schaffner ein, im Innern des Wagens Platz zu nehmen. Der arme Mann weinte wie ein Kind und erzählte uns, daß gerade heute ſehr große Summen in den Briefbeuteln ent⸗ halten geweſen ſeien; die Diebe müßten dies gewußt haben, denn in der Regel ſeien die Werthſendungen nicht bedeutend. Der Beamte war kaum zu beruhigen, fürchtete, entlaſſen zu werden, und bat uns in ſeiner Angſt händeringend, ihm bei der Anzeige in T. als Zeugen zu dienen. Die Dame war in Ohnmacht gefallen, als die Räuber den Wagenſchlag öffneten; dieſe Ohnmacht hatte aber für mich etwas Unnatür⸗ liches, ſo daß ich mich des Gedankens nicht erwehren konnte, ſie ſpiele Komödie; ihr Begleiter ſchien durch den Vorfall ſehr ernſt geſtimmt zu ſein und erzählte uns, daß er vierzehn⸗ tauſend Rubel in Banknoten im Portefeuille gehabt habe. Außerdem hatten ihm die Banditen eben ſo wie mir Uhr und Ringe abgenommen. Mein Verluſt an baarem Gelde war nicht bedeutend, da ich nur die zur Reiſe nothwendigen Mittel bei mir führte; dagegen ſchmerzte es mich, meine werthvolle Uhr nebſt Kette verloren zu haben, die ein Erbſtück von meinem verſtorbenen Vater waren. Seltſame Gedanken gingen mir durch den Kopf. Ich mußte das vorhin belauſchte Ge⸗ ſpräch unwillkürlich mit dem Raubanfall in Verbindung bringen. Der Name Patzig kam mir nicht aus dem Sinn; den dritten Theil des Geraubten hatte er vermuthlich an mein Gegenüber
zu ſchlafen. nicht zu erkennen.
Grafen.
abzugeben, morgen früh wollte er im Gaſthauſe ſein, es ſind im Ganzen ſieben Mann, lauter auserleſene Leute— alle dieſe Aeußerungen beſtärkten mich in meinem Verdachte, um ſo mehr, als die Zahl der Straßenräuber ganz genau ſtimmte. Ich nahm mir vor, dieſe Wahrnehmung womöglich noch heute ſofort nach unſerer Ankunft in T. einem Kriminalbeamten aniiznehellen Der Regen und Sturm hatten etwas nachgelaſſen, als wir müde und abgeſpannt gegen ein Uhr Nachts vor dem Poſthauſe in T. den Wagen verließen. Das Gaſthaus war nebenan und ich hörte im Vorübergehen, wie mein Reiſegefährte dem Oberkellner zurief, daß er morgen früh den Verwalter ſeiner Güter erwarte, den er ſofort auf ſein Zimmer zu führen bitte. Ich ſelbſt wurde von einem Verwandten abgeholt, der mich mit in ſeine Wohnung nahm. Ich gönnte mir nur kurze Raſt und begab mich dann zu dem Polizeikommiſſar, den ich aus dem Schlafe klingeln mußte. Aber es war Gefahr im Verzuge und der Beamte beorderte daher auch noch in der Nacht einen Geheimpoliziſten, der anſcheinend als Fremder im Gaſthauſe Quartier nehmen mußte. Der Wirth war verſtändigt worden und wies dem Poliziſten auf deſſen Verlangen ein neben der Wohnung meiner Reiſegefährten liegendes Zimmer an. Im Fremden⸗ buche hatten ſich dieſe als Graf und Gräfin Labitzki aus Warſchau eingeſchrieben. Am anderen Morgen erſchien ein fein gekleideter Herr im Gaſthauſe und fragte nach dem Er blieb ziemlich lange in deſſen Zimmer und der in der Nebenſtube lauſchende Beamte hörte, daß Geld auf⸗ gezählt wurde. Die Unterhaltung wurde aber ſo leiſe ge⸗ führt, daß man keine Silbe zu verſtehen vernohle Als der angebliche Verwalter endlich im Begriff war, das Gaſthaus zu verlaſſen, trat ihm der Kommiſſar mit zwei Unter⸗ gebenen entgegen und verhaftete ihn, ohne daß der Graf davon auch nur die geringſte Ahnung haben konnte. Der Beamte hatte mich rufen laſſen, um den Gefangenen zu rekognosziren; aber obgleich ich überzeugt war, daß er und der Straßenräuber, welcher uns mit Erſchießen gedroht hatte, eine und dieſelbe Perſon ſeien, vermochte ich dies doch nicht mit poſitiver Gewißheit zu behaupten. Als der Kommiſſar dem ahnungslos die Treppe Herabkommenden die Acretur ankündigte, erblaßte dieſer, faßte ſich aber ſehr ſchnell und bewahrte äußerlich vollſtändige Ruhe. Nur als ihm der Grund ſeiner Verhaftung angegeben wurde, ſah ich es in ſeinem Geſichte aufzucken, als habe ihn ein Inſekt geſtochen. Ohne Widerſtand ließ er ſich in den Gewahrſam abführen.
„Jetzt muß ich Sie bitten, mich zu dem Grafen zu be⸗ gleiten, Ihre Gegenwart iſt zur Feſtſtellung der Perſönlichkeit ſehr wünſchenswerth,“ ſagte der Polizeibeamte zu mir, als die Diener den Gefangenen fortgeführt hatten.
Trotzdem ich von der Schuld des angeblichen Grafen überzeugt war, war es mir doch unangenehm, ihm jetzt in Begleitung eines Kriminaliſten gegenübertreten zu müſſen. Der Kommiſſar beſtand aber darauf und wir gingen daher nach dem Zimmer, wo Jener wohnte.
„Der Mann ſcheint es eilig zu haben,“ flüſterte mir mein Begleiter auf der Treppe zu,„er hat, wie mir der Poſt⸗ meiſter anzeigte, bereits Extrapoſt beſtellt, die in einer halben Stunde hier vorfahren ſoll.“
Als wir eintraten, ſaßen die beiden Fremden am Tiſche


