Jahrgang 
2 (1879)
Seite
409
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Jedes Heft ko

ſtet 20 Pfennige.

Mr. 18.

Die Herrin von Venwyn.

Frei bearbeitet nach dem Engliſchen von Taver Riedl.

(Fortſetzung.)

9. Kapitel. Sorge vermehrt die Krankheit.

Dieſes glückliche und ſtille Leben von Maurice Cliſſold wurde plötzlich durch einen Brief von Martin Trevanard ge⸗ ſtört. Es war einige Zeit ohne Mittheilung von dem jungen Manne verfloſſen, als ſein Brief ankam, aber Maurice hatte in ſeinem neuen Glücke ſeine Freunde in Cornwall etwas ver⸗ geſſen. Er fühlte einige Reue, als er den Brief las.

Die Dinge gehen hier etwas unrecht, ſchrieb Martin. Ich meine das nicht in Bezug auf weltliches Glück und Ge⸗ deihen. Wir haben eine ganz ausgezeichnete Ernte und in jeder Hinſicht ein gutes Jahr. Aber ich bedauere, ſagen zu müſſen, daß es mit der Geſundheit meiner Mutter ſeit einiger Zeit ſtark abwärtsgeht. Sie iſt unfähig geworden, den Haushalt zu leiten, und ohne ſie gehen die Dinge nicht ihren richtigen

Gang. Mein Vater iſt mürriſch und fühlt ſich unglücklich, und

ich fürchte, er ſchüttet öfter Branntwein in ſeinen Cider, als es ihm gut iſt. Muriel iſt beinahe dieſelbe wie gewöhnlich, und die gute alte Großmutter hält tapfer aus. Es iſt meine Mutter, deren Zuſtand mich am meiſten beunruhigt. Ich fühle mich überzeugt, daß ſie etwas auf ihrem Herzen hat. Ich habe bisweilen gedacht, daß ihr Kummer in irgend einer Weiſe mit Muriel zuſammenhängt. Ich wünſchte nur, daß Sie hier wären. Ihr klarer Geiſt würde viel verſtehen, das für mich dunkel iſt. Wenn es von Ihrer Freundſchaft nicht zu viel verlangt wäre, würde ich Sie recht ſehr bitten, auf eine oder zwei Wochen herabzukommen. Es würde mir beſſer thun, als ich es Ihnen ausdrücken kann.

Maurice's Antwort auf dieſe Bitte war prompt und kurz: Cheurer Martin! Ich werde, wenn Alles recht geht, morgen Abend in Borcel⸗End ſein. Immer

Ihr M. O. Es war nicht angenehm für ihn, gerade jetzt die Stadt zu verlaſſen. Er hatte an ſeinem neuen Gedichte zu arbeiten, welches für ihn eben allen Reiz und alle Friſche einer erſt kürzlich begonnenen Kompoſition hatte. Es war nicht zu ver⸗

4(Nachdruck verboten.)

muthen, daß er in Borcel⸗End, mit Martin immer in ſeiner Nähe, viel Gelegenheit haben werde, ſeine Arbeit fortzuſetzen, beſonders, wenn er ſich um die dortigen Familienſorgen und Familiengeheimniſſe kümmern ſollte. Und dann war Juſtina da, und ſeine Theeſtunde des Nachmittags bei ihr und all' ſeine neuen Hoffnungen und Träume, welche ſich um die junge Schauſpielerin gruppirten wie die Liebesgötter und Grazien um Venus auf einem von Lely oder Kneller ge⸗ malten Plafond. Aber Freundſchaft mit Maurice Cliſſold war etwas mehr als ein Name, er fühlte, daß er nichts Anderes thun könne, als ſeinem Freunde zu Hilfe zu eilen. So nahm er ſeinen Abſchiedsthee aus dem chineſiſchen Drachen⸗ Porzellan und reiſte am nächſten Morgen mit dem Eilzuge

ab, nachdem er Juſtina verſprochen, eine ſo kurze Zeit als

möglich abweſend zu ſein.

Borcel⸗End ſah nahezu ſo aus, wie damals, als er es zuerſt geſehen, nur waren die warmen Farbentöne des Sommers von der Landſchaft geſchwunden, und das alte Farmhaus erſchien etwas düſterer in dem trüben Herbſte. Maurice hatte in der Station Seacomb einen Wagen ge⸗ miethet und war ſechs Meilen über das Land, einen wilden Haidediſtrikt, gefahren, in dem hier und da ein offener Schacht einer verlaſſenen Kupfermine ſchauerlich dem Reiſenden ent⸗ gegengähnte.

Der Schimmer des Feuers in der Halle, welcher durch die vergitterten Fenſter drang, war das einzige Heitere an Borcel⸗ End. Im Uebrigen war Alles im Hauſe in Finſterniß gehüllt.

Martin empfing ſeinen Freund am Thore.

Das iſt gut von Ihnen, Cliſſold, ſagte er, als Maurice abſtieg.Ich fühle mich beſchämt durch meine Selbſtſucht, von Ihnen zu verlangen, an einen ſolchen traurigen Ort zu kommen; aber es wird eine Welt des Guten für mich ſein, Sie hier zu haben. Ich habe meiner Mutter geſagt, daß Sie auf vierzehn Tage hierherkämen, um von da Ausflüge in die Umgegend zu unternehmen. Sie darf in dieſem Falle nicht die Wahrheit wiſſen.

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