Jahrgang 
2 (1879)
Seite
673
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Jedes Heft koſtet 20 Pfennige.

Täuſchende Indicien.

Erzählung nach engliſchen Gerichtsverhandlungen von Karl Schmeling. (Fortſetzung.)

Unter ſolchen Umſtänden verging der Winter. Man lebte ſtill, aber ruhig und zufrieden hin, ohne daß eigentlich viel über die in Travellshouſe herrſchenden Verhältniſſe außerhalb der Mauern deſſelben bekannt wurde.

Auch noch ein zweites Jahr verlief wie das erſte. Lady Anna hatte inzwiſchen die Kindheit gänzlich abgeſtreift und war völlig zur Jungfrau herangereift. Sie konnte in Er⸗ ſcheinung und Benehmen allerdings nicht mit anderen Damen ihres Standes wetteifern. Dagegen hatte ſie einen Schatz von nützlichen Kenntniſſen geſammelt, welche bei Mädchen, ſelbſt in England, nicht ſo leicht gefunden werden dürften.

Mit Beginn des dritten Jahres ſollte jedoch das trauliche Stillleben zu Travellshouſe dadurch unterbrochen werden, daß Sir Robert Burton auf Burtonsfield daſelbſt als Freiwerber um die Hand der Lady Anna Travells auftrat.

Wodurch Squire Burton veranlaßt worden, ſein Auge auf Lady Anna zu werfen, iſt ſchwer zu ſagen. Sir Robert litt häufig an tollen Einfällen, und der gedachte war eben keiner ſeiner ſchlimmſten.

Daß Lord Travells ihn als Schwiegerſohn willkommen hieß, erklärt ſich leichter. Dem Lord trat nachgerade die Noth⸗ wendigkeit näher, Lady Anna, ſeinem Stande und Reichthum angemeſſen, in die Welt einzuführen. Der Gedanke an die daraus erwachſenden Geldkoſten war ganz geeignet, ihm ſchlafloſe Nächte zu bereiten. Konnte er die Tochter vorher verheiraten, ſo war er jener Sorge überhoben. Nebenbei hatte Sir Burton alle Eigenſchaften an ſich, in Betreff der Aus⸗ ſteuer mit ſich handeln zu laſſen; für den Lord gewiß ein ſehr beachtenswerther Punkt.

Lord Travells nahm daher den Antrag des leichtſinnigen Squire mit Wohlgefallen auf und ſagte ihm die Hand ſeiner Tochter zu. Die Letztere ward durch den Vater von der Werbung Sir Burton's in Kenntniß geſetzt und erhielt zugleich die Weiſung, den bisherigen freundſchaftlichen Verkehr mit dem Gärtner aufzugeben.

Jeder oberflächliche Menſchenkenner hätte ſich ſehr leicht

ſagen können, daß ein ſolches Gebot unter den obwaltenden Umſtänden dieſelbe Wirkung bei Lady Anna hervorbringen mußte wie der in ein Pulverfaß geworfene Feuerbrand.

10. Kapitel.

Sir Robert Burton hatte ſeinen erſten Beſuch in Travells⸗ houſe zu Anfang des Monat März gemacht. Seit dieſer Zeit erſchien er häufiger daſelbſt, wenn auch nur zu kurzem Auf⸗ enthalt.

Lord Travells brachte ihn ſehr bald mit der Tochter zuſammen; doch jeder Verſuch Sir Robert's, ſich Lady Anna zu nähern oder angenehm zu machen, ward von dieſer mit entſchiedenem Widerwillen zurückgewieſen.

Dies gab zu wiederholten heftigen Szenen zwiſchen Vater und Tochter Veranlaſſung, bei denen der Squire ſo wenig eine beſonders glänzende, wie erfreuliche Rolle ſpielte.

Es mochten Sir Burton indeſſen Gerüchte über die bis⸗ herigen Verkehrsverhältniſſe in Travellshouſe zu Ohren ge⸗ kommen ſein, aus denen er vielleicht zu erkennen glaubte, woher die von Lady Anna gegen ihn an den Tag gelegte Ab⸗ neigung ſtamme.

Wenigſtens ſpricht das von ihm gegen William Stoone angewendete Verfahren dafür, daß er deſſen Perſon mit dem ihm von der jungen Dame bezeigten Widerwillen in Verbind⸗ ung brachte.

Sir Burton war am vierten April wiederum in Travells⸗ houſe angelangt und begab ſich nach einiger Zeit allein in den Garten. Selbſtverſtändlich traf er hier ſehr bald auf William Stoone, welcher im Ziergarten beſchäftigt war, ein hübſches Bouquet von frühen Blumen zuſammenzuſtellen.

Heda Mann! rief der Squire dem Gärtner ſchon von Weitem zu,kommt einmal näher!

William ſah ſich zwar nach dem Rufenden um, traf jedoch keine Anſtalt, dem Verlangen deſſelben zu folgen.

Nun, Burſch'! rief Sir Robert, ſich weiter nähernd,Ihr

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