672 Concordia.
wieder aufzunehmen vermochte. Endlich begann er wieder:
„Von dieſer Zeit an war der kleine Carlos der Abgott des Grafen. Als wolle er ſein Vergehen wieder gut machen, wich er nicht von ſeiner Seite, wachte mit der äußerſten Sorgfalt und Zärtlichkeit über ihn und gab ihm eine Erziehung, wie ſie kein Prinz beſſer erhalten kann. Zur Erinnerung an ſeine verſtorbene Gattin ließ er die kleine Kapelle erbauen; ſie iſt genau und in allen Einzelheiten der Schloßkapelle nachgebildet, in welcher er mit Emmy vor dem Traualtare ſtand. Das Grab⸗ monument aus karrariſchem Marmor iſt von einem italieniſchen Künſtler gefertigt; als es vollendet war, ließ der Graf die Ueberreſte ſeiner Gemahlin hierher bringen und ſie in der Gruft beiſetzen. Nun wird er neben ihr und ſeinem Sohne
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Dann habe ich auch nichts mehr hier zu ſchaffen und ich werde
den Reſt meiner Tage drüben im benachbarten Dorfe, wo mein Sohn eine kleine Oekonomie beſitzt, beſchließen.“
„Und das Schloß, was wird aus dem?“ fragte der Offizier. 3
„Für den Fall, daß der Graf keine Erben hinterläßt, fällt das Beſitzthum deſſelben den Jeſuiten zu, die in Sala⸗ manca, wo er einſt ſtudirte, ein Kloſter haben. Wahrſcheinlich werden ſie aus dem Edelſitze der Grafen Ximeno eine Er⸗ ziehungsanſtalt machen.“
Der Kapitän erhob ſich und drückte ſtumm dem alten Kaſtellan die Hand. Am anderen Morgen marſchirte er mit dem Reſte ſeiner Mannſchaft weiter. Als er etwa ein Jahr ſpäter wieder in die Gegend von Ximeno kam, fand er die Angabe des Kaſtellans beſtätigt; das ſtolze Grafenſchloß war in ein Kollegium des Ordens Jeſu umgewandelt worden.
Plaudereien.
Ein Hochzeitsbankett.
Von der Hochzeit Karl's des Kühnen von Burgund mit Margarethe von England meldet die alte Straßburger Chronik: Anno 1468 hielt der Herzog Hochzeit zu Brügge. Da war viel köſtliche Pracht und der Saal mit köſtlichen Tüchern behangen. Er und die Braut hatten goldene Kleider an. Auf den Tiſchen ſtunden 30 Schiffe mit Braten beladen und dabei Boote voll „Zugemüß“. Dann kam ein Löwe, aus deſſen Rachen vier Sänger gar lieblich ſangen. Dann kam ein Greif, aus dem eine Menge Vögel flogen. Dann kam ein Thurm, aus deſſen Fenſtern ſechs Bären den Baß brummten. Ihnen folgten zwölf Wölfe und Böcke mit Flöten und Pfeifen, und zwölf Eſel, die kunſtvoll ſangen. Dann tanzten Affen, einen mauriſchen Tanz um den Thurm. Zuletzt kam ein Walfiſch, aus dem zwölf wilde Männer ſprangen und mit einander kämpften.— Das Eſſen wurde täglich auf 800 ſilbernen Platten aufgetragen.
Der prachtliebende Fürſt Sulkowski war bekanntlich der Liebling König Auguſt's des Dritten, der ihn oft auf deſſen reizendem Schloſſe an der ſchleſiſchen Grenze zu beſuchen pflegte. Einſt hatte der Fürſt ſeinen königlichen Freund zu einer Schlittenfahrt eingeladen, und die Einladung war angenommen worden; jedoch eingetretene Hinderniſſe verhinderten den König, ſein Verſprechen zu erfüllen. Den nächſten Sommer ließ der König, als er ſich von Dresden nach Warſchau begab, dem Fürſten ſeinen Beſuch melden und die ſcherzhafte Aeußerung beifügen: er wollte nun mit ihm Schlitten fahren. Der Fürſt empfing ſeine hohen Gäſte wie gewöhnlich mit verſchwenderiſcher Pracht, und als König Auguſt bei dem Diner lachend der Schlittenfahrt gedachte, verſicherte er mit ernſthafter Miene, daß Alles dazu vorbereitet ſei, und auf des Königs Befehl die Schlittenfahrt nach aufgehobener Tafel vor ſich gehen könne. Man rieth nun hin und her, wie der Fürſt im Stande ſein könne, mitten im Sommer eine Schlittenfahrt zu veranſtalten, und war nicht wenig erſtaunt, als bald darauf der Stallmeiſter erſchien und meldete, daß die Schlitten bereits vorgefahren wären. Der König betrat den Balkon des Speiſeſaales und erblickte in der That den Schloßhof und die Heerſtraße, ſo weit das Auge reichte, mit Schnee belegt, und vor dem Portale des Schloſſes die ſtattlichſten Schlitten. Die Geſellſchaft ſetzte ſich ein und fuhr, wenn auch nicht auf Schnee, doch auf geſtoßenem Zucker. Die Danziger Zuckervorräthe waren ſümmtlich von dem Fürſten aufgekauft worden.
Verantworklicher Nedakteur: Otto Freitag in Dresden.— Verlag von Otto Freitag in Dresden.— Druck von F. W. Gleißner in Dresden.
(Nur keine Zugluft!) Ein Sonderling, wie ihn nur die Phantaſie eines Romanhumoriſten hinſtellen kann, iſt in Prag kürz⸗ lich geſtorben. Es war dies der penſionirte Staatsbuchhaltungs⸗ beamte Cajetan Kunz, welcher innerhalb eines Zeitraums von vierzig Jahren nur einmal das Weichbild Prags verließ. Kunz fürchtete nämlich vor Allem die Zugluft, verklebte daher Winter und Sommer ſeine Fenſter, im Sommer ſogar die Fuge jedes Ofens, und ſuchte zu ſeinen kurzen Spaziergängen nur einige Straßen auf, von denen er behauptete, daß man in ihnen am, wenigſten dem Zuge ausgeſetzt ſei. Durch das ganze Jahr, ohne Unterſchied der Saiſon, trug er drei Hemden, eben ſo viele Jacken, wenigſtens zwei Paar Pantalons und Weſten, ſowie Röcke, und darüber ſtets den Winterrock. Sein Hut war innen auswattirt. Seine Einnahmen und Ausgaben waren faſt auf ein Dezennium hinaus präliminirt. Trinkgelder bilden in ſeinem Budget keine geringe Rubrik, denn er war mit ihnen ſplendid gegen Jeden, welcher ihn vor Zugluft bewahrte.
Caſtelli, der bekannte Wiener Volksdichter, hatte einen Freund, mit welchem er ſich häufig neckte, oft ohne Beachtung der Koſten. Einſt verreiſte der Letztere und ſchickte, auf Caſtelli's Koſten, dieſem von der nächſten Station eine ungeheuer große Depeſche mit der großen Anzeige:„Ich befinde mich noch recht wohl.“ Kaum war dieſer Spaßvogel aber an dem Orte ſeiner Beſtimmung an⸗ gelangt, ſo mußte dieſer die Fracht einer ſehr ſchweren Kiſte bezahlen, welche ihm von Wien aus zugeſchickt wurde. Beim Oeffnen derſelben fand er nichts als einen großen Stein und einen Zettel, worauf zu leſen war:„Bei der Nachricht von Deinem Wohlbefinden iſt mir beifolgender Stein vom Herzen gefallen.— Caſtelli.“
Ein Virtuoſe ſpielte in einer Geſellſchaft Variationen auf der Flöte. Als ihm allgemeiner Beifall gezollt wurde, ſagte Jemand: „Der junge Mann ſpielt vortrefflich, aber die Doppelzunge weiß er noch nicht recht anzuwenden; um auch darin Fertigkeit zu ge⸗ winnen, ſollte er einige Jahre lang Jura ſtudiren.“
In einer Stadt, wo man den Luxus einſchränken wollte, ver⸗ bot der hochedle Rath, Leichenſteine zu ſetzen; da meinte ein Bürger: „Der Rath will immer unſer Beſtes, alſo auch hier; weil er die Bürger im Leben genug drückte, will er ſie wenigſtens im Tode ungedrückt laſſen.“
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