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Jedes Heft koſtet 20 Pfennige.
Mr. 28.
Täuſchende Indicien.
Erzählung nach engliſchen Gerichtsverhandlungen von Karl Schmeling. (Fortſetzung.)
7. Kapitel.
Travellshouſe liegt acht bis neun engliſche Meilen in nordweſtlicher Richtung von Salisbury und vier bis fünf Meilen weſtlich von Burtonsfield entfernt.
Der zur Verhaftung des Gärtners William Stoone von Salisbury nach Travellshouſe abgeſendete Beamte war ein noch junger Mann, Namens Saunders. Doch was ihm wielleicht an Erfahrung in ſeinem ſchwierigen Berufe abging, ſuchte er jedenfalls durch Eifer zu erſetzen.
Saunders legte die Strecke von Salisbury bis Travells⸗ houſe in wenig mehr als einer halben Stunde zurück und langte daher noch vor zwölf Uhr auf der zuletzt genannten Beſitzung an.
Es war Saunders bereits aufgefallen, daß die Umgebung und das äußere Anſehen derſelben Spuren von Vernach⸗ läſſigung oder Sorgloſigkeit zeigten. Dieſer Eindruck machte ſich noch in erhöhtem Maße geltend, als er durch das zer⸗ bröckelnde Thor in den weitläufigen Gutshof einritt.
Der eifrige Beamte hatte indeſſen an Anderes zu denken, als ſich mit der Kontrole des Gutes zu beſchäftigen, und ließ es daher bei den flüchtigen, ſich von ſelbſt aufdrängenden Be⸗ obachtungen bewenden. Dagegen hielt er es für ſeine Pflicht, ſich bei Lord Travells zu melden, ehe er zur Verhaftung eines Bedienſteten deſſelben ſchritt.
Saunders ſtieg zu dieſem Zwecke vor dem großen Herren⸗ hauſe, welches ebenfalls Spuren längerer Vernachläſſigung an ſich trug und nur zum geringeren Theile bewohnt zu ſein ſchien, vom Pferde und begab ſich in die geräumige Halle deſſelben.
Ein altes, erſchrecklich häßliches und auch nicht gerade ſauberes Weib ertheilte ihm auf ſeine Fragen Auskunft und wies ihn zu den Zimmern des Hausherrn. Die Anmeldung eines Fremden ſchien hier nicht Sitte zu ſein, und ſomit eilte Saunders die Treppe hinan, um die ihm bezeichneten Ge⸗
mächer aufzuſuchen. Er fand ſich glücklich zurecht, und auf ſein Pochen gegen
die betreffende Thür erfolgte die Nöthigung zum Eintritt von einer ſcharfen, durchdringenden Stimme. Als Saunders derſelben nachkam, ſah er ſich einem Manne gegenüber, bei deſſen Anblick es ihm ſchwer ward, ſeine Ueberraſchung zu unterdrücken.
Dies erklärt ſich leicht durch die Bemerkung, daß die Er⸗ ſcheinung des Beſitzers vollkommen zu der überall wahrnehm⸗ baren Hinfälligkeit und Ruinenhaftigkeit der Beſitzung paßte, oder mit derſelben harmonirte.
Lord Travells war jedenfalls ſchon ſehr alt. Sein langer dürrer Körper war in einen grauen Hausrock gehüllt, welcher vielleicht halb ſo viel Jahre zählte, wie der Mann ſelbſt. Den wahrſcheinlich kahlen Schädel bedeckte ein ſchwarzes, ſtark mit⸗ genommenes Sammetkäppchen.
Die Phyſiognomie des Lords hatte etwas Eulenartiges an ſich und aus der gelben faltenreichen Haut des Geſichts traten ein Paar dunkle Augen wie glühende Kohlen hervor.
Obgleich die Haltung des alten Herrn gedrückt und ſeine ganze Geſtalt kraftlos erſchien, hatte er ſich doch eine große Rührigkeit und Lebhaftigkeit bewahrt.
Lord Travells ſchnellte beim Eintritt des Fremden empor wie ein Jüngling und erwiderte den Gruß des Beſuchers durch eine heftige Handbewegung.
„Was iſt— was giebt's?!“ ſtieß er lebhaft hervor, während er ein paar ſchnelle Schritte machte.
„Habe ich die Ehre, Lord Travells zu ſehen?“ fragte Saunders, ſich höflich verbeugend.
„Der bin ich— ja!“ lautete die Antwort,„was ſoll’s?“
„Ich bin Kriminalbeamter, Mylord!“ erwiderte Saunders, „und habe den Auftrag, Ihren Gärtner, William Stoone, zu verhaften!“
„Stoone zu verhaften?!“ rief der Lord,„ſehr gut—! mir ſehr lieb—! der Kerl iſt ein Schurke—! ein Spitzbube—! ein Lump! Aber mein Gärtner iſt er nicht mehr— habe ihn ſchon vor circa drei Monaten fortgejagt!“
Dieſe Worte des Lords bildeten ſo etwas wie einen kalten 82


