Vor ihnen lag abermals ein Wald, und nicht ohne Zagen eilten die Soldaten demſelben zu. Wenn auch hier Guerilla's verſteckt lagen, war ihr Untergang gewiß. Ihre Beſorgniß ſchwand indeß, als ſie über den Wipfeln der Bäume die Zinnen und Thürme eines Schloſſes emporragen ſahen; ſie hatten jetzt wenigſtens Ausſicht, bald ein ſchützendes Obdach zu gewinnen, in welchem ſie ſich nöthigenfalls ſo lange zu halten hofften, bis Verſtärkungen von dem Hauptkorps ein⸗ getroffen ſein würden. Die Ausſicht auf Beute und die Furcht vor einer nochmaligen Ueberrumpelung beflügelte den Schritt der Franzoſen, die durch den Ueberfall vor Wuth ſchäumten und an dem Perſonale und Eigenthum des Schloß⸗ herrn Rache zu nehmen beſchloſſen.
Das Väldchen erwies ſich als ein wohlgepflegter großer Park, der den Edelſitz umgab. Eine breite Kaſtanienallee führte zu Herrenhauſe und die Scharfſchützen wurden voraus⸗ geſandt, um zu recognosciren, ob der Feind in der Nähe ſei.
Sie kamen mit der Meldung zurück, daß ſich nicht das geringſte Verdächrige zeige, aber alle Fenſter und Thüren des Gebäudes feſt verſchloſſen ſeien. Außer einigen kläffenden Hunden hatten ſie kein lebendes Weſen zu entdecken vermocht; das Schloß erſchien öde und todt, als habe die Peſt hier gewüthet. Kapitän Villard ließ vorrücken, und ohne im Geringſten behelligt zu werden, erreichte die Truppe den Haupteingang, der durch eine ſtarke Eichenthür geſperrt wurde. Der Kom⸗ mandant hatte das Schießen verboten, aus Furcht, durch daſſelbe die Guerilla's herbeizuziehen, und die Soldaten begannen daher, als ſich alle Bemühungen, das Thor zu öffnen, als fruchtlos erwieſen, mit dem Kolben das Thor zu ſprengen. Kaum waren die erſten Schläge erfolgt, als ſich in dem
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Concordia.
oberen Stockwerke ein Fenſter öffnete und der Kopf eines alten, weißhaarigen Mannes ſichtbar wurde.
„Wer ſtört auf ſolche gewaltſame Weiſe die Ruhe dieſes Landſitzes?“ fragte eine tiefe Stimme.
„Oeffnet das Thor, wir haben Verwundete bei uns, die der Pflege und Erquickung bedürfen,“ erwiderte der Kapitän, der nothdürftig ſpaniſch ſprach.
„Die Herrſchaft hat das Schloß verlaſſen und ſich nach Madrid geflüchtet; ich habe kein Recht, hier Gäſte zu empfangen, am wenigſten die Feinde des Vaterlandes.“
„Dann werde ich Gewalt gebrauchen!“ rief Villard gereizt hinauf.
„Verſucht das immerhin, wir ſind Leute genug, um der Gewalt zu trotzen,“ erwiderte der Alte, indem er vom Fenſter verſchwand und daſſelbe klirrend zuwarf.
Jetzt waren die Soldaten nicht mehr zu halten; Kolben⸗ ſchlag auf Kolbenſchlag krachte gegen die Thür, die endlich den wuchtigen Angriffen nachgab und polternd nach innen
ſtürzte. In demſelben Augenblick krachte eine Salve und ein halbes Dutzend Franzoſen lag blutend am Boden.
Eine plötzliche Panik ergriff bei dieſer unerwarteten Wen⸗ dung die Uebrigen; entſetzt wichen ſie einen Moment zurück, dann aber ſtürmten ſie wuthſchnaubend hinein, um ſich auf die Vertheidiger zu ſtürzen. Aber Niemand war mehr zu ſehen; die Spanier hatten begriffen, daß ein Kampf gegen dieſe Uebermacht vergeblich ſein würde, und waren durch die Hinterthür in den Park geflüchtet. Die Soldaten kamen ge⸗ rade noch zeitig genug, um zu ſehen, wie dreißig bis vierzig bewaffnete Bauern dem Dickicht zueilten.
(Fortſetzung folgt.)
Plandereien.
Schuch und ſeine Vantoffeln.
Der Erſte, welcher in den preußiſchen Staaten eine förmliche Zewilligung crhielt, Schauſpiele öffentlich aufführen zu dürfen, war Direktor Schuch, deſſen Nachkommen noch jetzt in der Provinz
öſtpreußen Konzeſſionen beſitzen. Als Schuch um die gedachte Er⸗ nubniß nachſuchte, wandte er ſich direkt an den König Friedrich 31
Lilhelm I., der bekanntlich ein Liebhaber vom Schauſpiel, beſonders lesk Nach der Sitte der Schauſpieler damaliger
Rt
von Burl esken war. zeit erſchien er vor dem Könige in einem galonnirten Kleide, roth⸗ ſcharlachener bordirter Weſte, chapean pas(Klapphut), mit einem Degen an der Seite, von ſeinen beiden ebenſo ile deuen Söhnen von zwölf und vierzehn Jahren begleitet. Als er ſein Anliegen dem Könige vorgetragen hatte und von dieſem ge fre wurde, wer er ſei, erwiderte er:„Ich bin der Schuch(Schuh im ſchleſiſchen Dialekte) und das hier(auf ſeine Kinder zeigend) lind ein Paar Pantoffel.“— Dieſe drollige Antwort ergötzte den König ſo ſehr, daß er dem Bittſteller ohne Weiteres das erbetene Privilegium zuſagte. Ein geiſtreicher Muſiker folgende Schilderung: Die geſtimmt,
entwirft von den Inſtrumenten Violine iſt das Mädchen: zart be⸗
handelt, rein entzückt ſie; übel behandelt, zerreißt ihr
Jammergeſchrei das Ohr.— Die Bratſche iſt der Knabe: er iſt gut genug, das Mädchen zu begleiten; allein, weiß man nicht,
wohin mit ihm.— Das Vio er klagt ſein ſüßes Lied,
Verantwortlich her Redakteur⸗
loncell iſt der Fümgling: er ſchwärmt, auch ſeine Munterkeit iſt ſehnfüchtig,
Otto Freitag in Dresden.
— Verlag von Otro Freitag in Dresden.—
liebebegehrend; Luſtigkeit ſteht dem Sinnigen nicht, wilde Tänze nehmen ihm die poetiſche Richtung; aber das Elegiſche verleiht ihm hohes Intereſſe und gewinnt ihm alle Herzen.— Der Baß iſt der brummige alte Mann: er hält das junge Volk zuſammen, man achtet ihn, folgt ſeiner Kommandoſtimme, aber große Zuneigung fühlt Keiner für ihn. Die Gefühlswelt kümmert ſich nur um Mädchen und Jüngling.— Mann und Knabe laufen nebenher.
Der Schauſpieler Reizenberg hatte in Prag Engagement ge⸗ nommen und hatte den erſten Abend aufzutreten, als er ſich, mehr als nöthig im Weine angeheitert, hinter den Couliſſen einſtellte. Der Direktor ſah ein, daß es unmöglich ſei, den Trunkenen ſpielen zu laſſen, erklärte ihm dies und entſchuldigte Reizenberg bei dem Publikum, der heute infolge eines Zungenübels nicht erſcheinen könne.— Dieſer, der hinter den Couliſſen ſtand, ſtolperte aber auf die Bühne und ſtammelte:„Verehrungswürdiges Publikum!— Das iſt nicht wahr!— Ich bin blos— beſoffen!“
In dem Städtchen R. wurde von einer reiſenden Theater⸗ geſellſchaft die„Zauberin Sidonia“ aufgeführt. Als nun Sidonia, vom Abte Gregorius der Zauberei und Giftmiſcherei beſchuldigt, vor dem geiſtlichen Gerichte ſteht und der Präſident nebſt den Mit⸗ gliedern das furchtbare„Sie iſt ſchuldig“ ausſprachen, befindet ſich auch ein Kuchenbäcker als Zuſchauer im Parterre, der auf einmal laut ausrief:„Ja, meine Herren, ſie iſt viel ſchuldig! Ich bekomme allein einen Thaler vier gute Groſchen für Apfelkuchen von ihr.“
Druck von 5. W. Gleißner in Dreoden.


