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ſchoſſen ſie aus ihren faſt unzugänglichen Schlupfwinkeln ohne Erbarmen nieder. Kein Wunder, daß die auf's Aeußerſte er⸗ bitterten Soldaten des erſten Kaiſerreichs Repreſſalien ergriffen, wo ſich ihnen die Gelegenheit bot, und kein Feldzug Napoleon's iſt ſo reich an Grauſamkeiten, als der in Spanien.
Es war im Frühlinge des Jahres 1810, als ein fran⸗ zöſiſches Infanterieregiment den Befehl erhielt, eine ſtarke Proviantkelonne durch Andaluſien zu eskortiren. Dem Regi⸗ mente war eine Abtheilung Artillerie beigegeben, um einem etwaigen Angriff der überall zerſtreut in den Gebirgen und Wäldern lauernden Guerilla's erfolgreich zu begegnen. Mit der größten Vorſicht betrat das Detachement die Engpäſſe, durch welche der Weg führte, die Kolonne blieb aber mit Ausnahme einiger unbedeutender Scharmützel ziemlich un— behelligt.
Die pittoreske Felſenformation wechſelte mit freundlichen, im friſcheſten Frühlingsgrün prangenden Thälern, dunklen, würzig duftenden Laubwäldern und blumigen Auen, und über der prächtigen Natur ſpannte ſich der tiefblaue Himmel des Südens. Die Reize der Landſchaft verfehlten ihre Wirkung auf die Soldaten nicht; ſie waren heiter und guter Dinge und hatten die Gefahren, denen ſie hier, in Feindesland, auf Schritt und Tritt ausgeſetzt waren, faſt vergeſſen.
Ohne von Guerilla's oder ſpaniſchen regulären Truppen beläſtigt zu werden, näherten ſich die Franzoſen der Sierra Morena, dem„braunen Gebirge“, das mit ſeinen wilden, zerklüfteten Steinmaſſen, ſeinen rauſchenden Gießbächen und ſeinen kühnen, abenteuerluſtigen Bewohnern eine unwiderſtehliche Romantik beſitzt. Die Gefahr eines feindlichen Ueberfalles war in dieſem Theile des Landes, der ſich vollſtändig in franzöſiſchen Händen befand, nicht mehr groß, dagegen hatte die Kolonne mit Schwierigkeiten anderer Art zu kämpfen. Die Wege waren in einem ſo ſchauderhaften Zuſtande, daß es Mühe und Aufmerkſamkeit koſtete, ſie zu Fuß oder zu Pferde zu paſſiren, für Wagen und Geſchütze dagegen ſchienen die ſich entgegenthürmenden Hinderniſſe geradezu unüberwindbar. Dennoch mußten die Proviantwagen vorwärts gebracht werden, was endlich nach unſäglichen Anſtrengungen gelang.
Die gewaltſamen Maßregeln zur Fortſchaffung der ſchwer⸗ beladenen Fahrzeuge hatten zur Folge, daß viele derſelben zerbrachen und zurückbleiben mußten. Der Kommandant der Truppe ordnete daher an, daß dieſelben reparirt und nach⸗ transportirt werden ſollten, und ließ zwei Kompagnien unter dem Befehle des Majors Sauterne als Bedeckung zurück, während die Uebrigen weitermarſchirten. Nach der dem Major ertheilten Ordre ſollte er mit ſeiner Abtheilung ſofort, nach⸗ dem die Wagen wieder in Stand geſetzt worden waren, auf⸗ brechen und ohne Aufenthalt zu ſeinem Regimente ſtoßen, das ſich mit dem Hauptquartier in einer etwa ſechs Meilen entfernten Stadt befand.
Schon nach zwei Tagen konnten die Zurückgebliebenen ihren Marſch antreten und der Reſt der Proviantkolonne, eskortirt von den beiden Kompagnien, ſetzte ſich in Bewegung. Man hatte dem Major geſagt, daß außer dem Wege, welchen das Hauptkorps eingeſchlagen hatte, noch eine andere Straße durch das Gebirge führe, die freilich nicht beſſer, aber weſentlich kürzer ſei. Die zur Truppe gehörigen Offiziere beſtanden außer dem Major, der das Kommando führte, aus dem Kapitän Villard und zwei Lieutenants; alle Drei ſtellten
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dem Befehlshaber die Gefahr vor, welche darin lag, mit einer ſo ſchwachen Abtheilung den gänzlich unbekannten Weg durch wilde Schluchten und ſtundenlange Wälder einzuſchlagen, aber vergebens— der eigenſinnige Major, um ſeine Autorität zu zeigen, beſtand darauf, die kürzere Straße zu marſchiren, auf der die Truppe im günſtigen Falle freilich um zwei bis drei Stunden früher zum Ziel gelangte.
Der Weg war womöglich noch ſchlechter als der andere und nur langſam vermochten die Pferde die ſchweren Wagen fortzuſchleppen. Hinderniſſe aller Art, umgeſtürzte Bäume, tiefe Gräben und Waſſerlöcher, Felſengerölle und Geſtrüpp verſperrten den Weg und mußten von den Mannſchaften hin⸗ weggeräumt werden, bis endlich der Pfad ganz aufhörte und ſich im Dickicht verlor. Eine Abtheilung Scharfſchützen wurde vorausgeſchickt, um zu prüfen, ob ein Weiterkommen möglich ſei oder die ganze Kolonne zur Umkehr gezwungen ſein würde; auch ſie mußte ſich erſt einen Weg durch das niedrige Bu h⸗ werk bahnen.
Plötzlich krachten mehrere Schüſſe und ringsum hallte der Wald von wildem Geſchrei wider. Die Scharfſchützen kamen eilig zurück und meldeten, daß auf ſie gefeuert worden ſei. Von allen Seiten ſtürmten wild ausſehende Guerilla's auf die Kolonne zu und bald war dieſelbe von Bewaffneten um⸗ zingelt. Es ſchien, als wären ſie aus dem Boden gewachſen, ihre Anzahl wuchs mit jedem Augenblick, und hinter jedem Baum, in jedem Strauche mußte ſich ein ſpaniſcher Kämpfer ver⸗ borgen haben. Hier half kein Beſinnen, der Kampf mußte auf⸗ genommen werden, und der Kommandant, der freilich jetzt
ſeinen Fehler einſehen mußte, war zum Aeußerſten entſchloſſen. Der Tod war jedenfalls der Gefangenſchaft vor dieſen fana⸗ tiſirten Horden vorzuziehen, von denen ſich die Franzoſen der ärgſten Grauſamkeiten verſehen mußten.
Ein mörderiſches Feuer begann, aber die Angreifer be⸗ fanden ſich entſchieden im Vortheile. Sie waren durch Bäume und Strauchwerk gedeckt, während die Soldaten ihnen ein ſicheres Ziel boten. Faſt jeder Schuß ſtreckte einen nieder, und der Major begriff, daß ſeine Mannſchaft rettungslos verloren ſei, wenn er nicht ſelbſt zum Angriff überging. Er ließ die Truppen mit gefälltem Bajonett von allen Seiten in den Wald ſtürmen; todesmuthig drangen ſie vorwärts und ſtachen Alles nieder, was ihnen mit der Waffe in der Hand entgegentrat.
Aber auch die Guerilla's kämpften mit dem Muthe der Verzweiflung. Zwar wichen ſie langſam zurück, aber jeder Schritt koſtete den Franzoſen ein Menſchenleben. Als der Kommandant endlich zum Sammeln blaſen ließ, hatten ſeine Leute zwar das Waldesdicklicht hinter ſich, aber nur ein Drittel der geſammten Mannſchaft fand ſich ein, die Uebrigen lagen todt oder ſchwer verwundet auf dem Kampfplatz. Sämmtliche Proviantwagen und die Offiziersbagage mußten aufgegeben werden und fielen den Spaniern in die Hände; die Franzoſen mußten froh ſein, wenn ſie der Feind nicht weiter verfolgte, es wäre kein Mann von ihnen entkommen.
Major Sauterne hatte einen gefährlichen Schuß in die Schulter bekommen und mußte auf einer in der Eile her⸗
geſtellten Tragbahre weiter transportirt werden. An ſeiner Stelle übernahm Kapitän Villard das Kommando über das übrig gebliebene Häuflein und im Geſchwindſchritt ging e
vorwärts, aus dem Bereiche der feindlichen Kugeln.
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