646—
Concordia.
Geſellſchaft recht ſein. Ich bedarf des Dieners wegen häufiger epileptiſcher Anfälle, denen ich ausgeſetzt bin; bereiten Sie die Herren darauf vor.“
„O, deſſen bedarf es nicht; die Herren werden ſich freuen, etwas Neues von Ihnen zu hören. Kommen Sie von Wien, Herr?“
Der Kaufmann war viel zu unruhig, um ſich mit dem Wirthe in ein Geſpräch einzulaſſen. Er überhörte die Frage deſſelben und trommelte nachdenklich an die Fenſterſcheiben. Das Erſcheinen der Offiziere gab ihm die Gewißheit, daß das Mädchen wahr geſprochen hatte. Es galt jetzt, alle Geiſtes⸗ gegenwart zuſammenzunehmen und dem mit Joſef verab⸗ redeten Plane gemäß den Räubern zuvorzukommen.
Der Wirth meldete endlich, daß das Eſſen ſervirt ſei. Bernhard und Joſef begaben ſich hinauf in das dazu beſtimmte Zimmer und Erſterer ſtellte ſich den Offizieren vor, unter demſelben Vorwande, wie dem Wirth gegenüber, die Anweſen⸗ heit des Dieners entſchuldigend. Beide hatten ihre ſcharf⸗ geladenen Piſtolen zu ſich geſteckt und ſetzten ſich an der Tafel ſo, daß ſie ſich den Offizieren gegenüber befanden.
Die Unterhaltung war ſeitens der Letzteren ſehr lebhaft und ungezwungen; die Huſaren ſprachen anſcheinend dem Ungarweine tüchtig zu und ſchienen in immer heitere Laune zu gerathen. Plötzlich wandte ſich einer der Offiziere an Joſef mit der Bitte, ihm ein Glas friſches Waſſer vom Brunnen zu holen.
Der Diener ſah ſeinen Reiſegefährten fragend an, zwinkerte ihm aber behutſam mit den Augen zu. Bernhard verſtand den Wink.
„Ich würde Sie doch bitten, ſich zu gedulden, bis die Kellnerin erſcheint; wegen meiner Anfälle kann ich meinen Diener keinen Augenblick entbehren,“ ſagte er in höflichem, aber beſtimmten Tone.
Die Räuber wechſelten bezeichnende Blicke.
„Die kleine Gefälligkeit werden Sie mir aber doch nicht abſchlagen,“ wandte ſich ein Anderer an den Kaufmann, „Ihren Diener aus meinem Mantelſack in der Gaſtſtube meine kurze Tabakspfeife holen zu laſſen.“
„Da kommt unſere Bedienung; das Mädchen wird Ihnen das Gewünſchte gewiß gern bringen,“ erwiderte Bernhard, indem er ſich bemühte, möglichſt ruhig zu erſcheinen.
Joſef hatte inzwiſchen jede Bewegung der Banditen ver⸗ folgt; jetzt entdeckte er, daß der Dritte ſich an den Knöpfen ſeiner Uniform zu ſchaffen machte. Offenbar wollte er einen Gegenſtand unter derſelben hervorziehen, obgleich er anſcheinend nur mechaniſch vorn einige Knöpfe geöffnet hatte. Plötzlich faßte er hinein und mit einem ſchnellen Ruck brachte er ein Terzerol zum Vorſchein, das er ſofort auf Bernhard richtete. Mit Blitzesſchnelle aber erfaßte Joſef ſeine beiden Piſtolen,
ein Schuß ſtreckte den ihm gegenüberſitzenden Offizier nieder, ehe dieſer Zeit hatte, ſein Terzerol abzufeuern, ein zweiter ſeinen Nachbar, während Bernhard den letzten der Räuber von hinten gepackt und zur Erde geriſſen hatte.
„Den wollen wir lebendig fangen,“ rief der Kaufmann; „ſchnell Joſef, binde ihm mit einer Serviette die Hände auf den Rücken.“—
Die verzweifelte Gegenwehr des am Boden Liegenden war vergebens; Bernhard's kräftige Fäuſte hielten ihn feſt, bis er, an Händen und Füßen gefeſſelt, regungslos dalag.
„Den Burſchen hier werde ich bewachen,“ ſagte der Kauf⸗ mann, indem er eine ſeiner geladenen Piſtolen auf den Räuber richtete,„und auch der Herr Wirth kann eine blaue Bohne zu koſten bekommen, wenn er unbequem werden ſollte. Du aber, Joſef, reiteſt ſo ſchnell Du kannſt zum nächſten Dorfe und bringſt Polizei mit. Nimm Dir eins der Pferde dieſer Spitzbuben; die Thiere ſind vermuthlich nicht ſo angeſtrengt, wie die unſerigen. In einer Stunde kannſt Du wieder zurück ſein.“
Während Joſef davonſprengte, verſchloß Bernhard von innen die Thür, um vor einem Ueberfall des Wirthes ſicher zu ſein. Er hätte dieſen gern aufgeſucht und zur Rechenſchaft gezogen, wagte es aber nicht, den Gefeſſelten allein zu laſſen. Das Schickſal des Mädchens beunruhigte ihn; es erſchien ihn zweifellos, daß ſeine Retterin nicht die Tochter des Wirthes war, aus deſſen Klauen er ſie unter allen Umſtänden zu be⸗ freien beſchloß.
Plötzlich vernahm Bernhard einen durchdringenden Schrei; er eilte an's Fenſter und ſah den Beſitzer der Schänke allein dem Walde zueilen. Was war aus dem ſtillen, traurigen Mädchen geworden?
Endlich kam Joſef mit zwei berittenen Gensd'armen zurück; ſie nahmen den gefeſſelten Räuber in Empfang, um ihn an das nächſte Gericht abzuliefern. Mit einem der Polizeimänner und Joſef durchſuchte nun Bernhard das Haus; in der Gaſtſtube lag blutend das Mädchen, eine tödtliche Stichwunde in der Bruſt, neben ihr ein Dolch. Der Wirth hatte vor ſeiner Flucht dieſen Zeugen ſeiner Verbrechen unſchädlich ge⸗ macht. Einige Schritte vom Haus ſtand ein kleines hölzernes Gebäude, deſſen Thür ein ſtarkes Vorlegeſchloß verwahrte; mit einem Beile ſchlug der Gensd'arm die Thür ein und ent⸗ ſetzt prallten die Männer zurück. Ein Haufen menſchlicher Gebeine und halbverweſter Leichen lagen durcheinander,— die unglücklichen Opfer der Banditen.
Vom nächſten Dorfe aus ließ der junge Kaufmann die irdiſchen Ueberreſte ſeiner Retterin in einem Wagen holen und in geweihter Erde beſtatten; drei Tage ſpäter büßte der Räuber ſeine Schuld am Galgen.
Von dem Wirthe hat man nie wieder etwas gehört.
Das öÖchloß in Andaluſten.
Von Livius Schmidt.
(Nachdruck verboten.)
Der Feldzug der Franzoſen in Spanien im Jahre 1810 koſtete ihnen ungeheure Opfer an Geld und Menſchenleben; die Bevölkerung war durch die Geiſtlichen fanatiſirt und ſcheute kein Mittel, ihre Feinde zu verderben. Mit Recht ſahen die Spanier in den franzöſiſchen Eindringlingen nur habgierige Eroberer und ihr Haß gegen dieſelben ſteigerte ſich zu einem
förmlichen Vernichtungskampf, der keine Schonung kannte. Der Guerillakrieg wurde den Franzoſen am verderblichſten und die zahlreichen, von tiefen Schluchten durchzogenen Ge⸗ birgszüge der pyrenäiſchen Halbinſel waren der Schrecken des Feindes; in ihnen lauerten unzählige bewaffnete Banden auſ die Franzoſen, überfielen dieſe aus dem Hinterhalte oder
——— —
—


