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Die Phantaſie Bernhard's ließ ihn anfangs hinter jedem Baume, auf jedem Aſte einen bis an die Zähne bewaffneten Banditen erblicken; vor jedem ſich von Zweig zu Zweig ſchwingenden Eichhörnchen ſchreckte er zuſammen, in jedem hellen Rufe eines Vogels glaubte er den Signalpfiff von Wegelagerern zu vernehmen. Aber Alles blieb ruhig, und bald hatte der Reiſende ſeinen ganzen Muth wiedergewonnen und dachte mit einer Art Bedauern daran, daß er möglicher⸗ weiſe doch gänzlich unbehelligt davonkommen könnte.
Mittag war längſt vorüber, als die beiden Reiter das Ende des Waldes erreichten. Nicht das geringſte Verdächtige war ihnen begegnet, aber der anſtrengende zehnſtündige Ritt hatte Roß und Reiter ermüdet und ſie ſehnten ſich daher nach einem Imbiß und einer Stunde Ruhe. Um eine Ecke der Straße biegend, gewahrten ſie in Büchſenſchußweite ein freund⸗ liches Haus, deſſen Aeußeres durch ſeine helle Farbe und Rein⸗ lichkeit von den gewöhnlichen Bauernhäuſern dieſer Gegend vortheilhaft abſtach.
„Weißt Du, ob dies ein Wirthshaus iſt, Joſef?“ wandte ſich Bernhard an ſeinen Begleiter.
„Ohne Zweifel, Herr!“ erwiderte der Gefragte.„Sehen Sie nicht das buntbemalte Schild über der Eingangsthür?“
„Du haſt recht, und es iſt gut, daß es ſo iſt. Unſere Thiere bedürfen einiger Stunden Ruhe und wir ſelbſt nicht
minder. Ich will mich freuen, wenn ich wieder einmal feſten
Boden unter meinen Füßen habe.“
„Gedenken Sie dort zu übernachten?“ ſagte Joſef, mit der Hand auf das Haus deutend, dem ſie ſich inzwiſchen immer mehr genähert hatten.
„Wenn der nächſte Ort nicht zu weit mehr entfernt iſt, würde ich ein Nachtquartier dort vorziehen. Aber ärgerlich iſt es doch, daß wir die Karpathen hinter uns haben, ohne das geringſte Abenteuer zu erleben!“
Es lag in den letzten Worten des Kaufmanns jene über⸗ müthige Laune, die uns oft befällt, wenn wir glücklich einer ſchweren Gefahr entronnen ſind.
Der Diener ſchüttelte den Kopf.
„Wir ſind noch lange nicht am Ziele, Herr!“ meinte der Reitknecht mit einem ſtrafenden Seitenblicke auf ſeinen Be⸗ gleiter.„Wenn ein Unglück geſchehen ſoll, ſo iſt es dazu immer noch Zeit.“
Sie hatten inzwiſchen das Wirthshaus erreicht und ſtiegen ab. Eine Magd zeigte Joſef den Stall für die Pferde, wäh⸗ rend Bernhard die Treppe hinaufſtieg, um in einem ihm be⸗ zeichneten Zimmer ſeine etwas in Unordnung gerathene Kleidung zu ergänzen und zu vervollſtändigen. Er verfehlte aber die richtige Thür und ſah ſich plötzlich in einem ge⸗ räumigen, ſaalähnlichen Gemache, an deſſen Schwelle er über⸗ raſcht ſtehen blieb.
Ein junges Mädchen ſtand im Zimmer, mit dem Sortiren von friſcher Wäſche beſchäftigt. Beim Oeffnen der Thür wandte ſie dem Eintretenden das Geſicht zu und dieſer ſah in ein wunderbar reizendes Antlitz, über welchem jedoch ein unverkennbarer Zug von Traurigkeit lagerte.
Er trat näher und bot dem Mädchen ſeine Hand, die ſie kaum mit den Fingerſpitzen berührte.
„Gehen Sie, Herr,“ ſagte ſie leiſe, aber in ängſtlichem Tone,„wenn man Sie hier fände—“
Sie ſchwieg plötzlich, als habe ſie ſchon zu viel geſagt.
Concordia.
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„Nun, wenn man mich hier fände, was würde geſchehen?“ erwiderte Bernhard.„Iſt es nicht mehr erlaubt, einem jungen Mädchen die Hand zum Gruße zu bieten?“
„Still, um Gottes willen, ſtill!“ flüſterte mit allen Zeichen der Furcht das Mädchen.„Sie ſind des Todes, wenn man Sie hier findet!“
Mit einem Sprunge war ſie an der Thür und flog die Treppe hinunter, den jungen Kaufmann kopfſchüttelnd zurück⸗ laſſend. Langſam ſtieg auch er hinab, um die nöthigen Be⸗ fehle wegen eines Mahles zu geben.
In der Hausflur empfing ihn ein wohlgenährter, behäbig ausſehender Mann, deſſen gutmüthiges Geſicht die Worte des Mädchens noch räthſelhafter erſcheinen ließ. Er entſchuldigte ſich, daß er die Reiſenden nicht gleich habe empfangen können, weil er bei ſeinem Nachbar, dem Forſtaufſeher, geweſen ſei, der drüben am Walde ein kleines Häuschen bewohne und außer den dann und wann bei ihm eintreffenden Fremden ſeinen einzigen Umgang bilde. Er fügte hinzu, daß er das Eſſen oben im Speiſeſaale ſerviren laſſen werde, verbeugte ſich höflich und ging in eins der Parterrezimmer.
Bernhard konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren, als der Wirth dieſer einſamen Schänke von dem„Speiſeſaale“ ſprach. Dennoch zeigte die ganze innere Einrichtung der Zimmer von Wohlſtand und Geſchmack.
Er wollte eben nach Joſef und den Pferden ſehen, als das junge Mädchen an ihm vorbeihuſchte, leiſe ſeine Hand berührte und in dieſelbe einen Zettel gleiten ließ wie ein Schatten verſchwand ſie wieder. die Worte:
„Ein furchtbarer Eid bindet meine Zunge, das Schreiben aber hat man vergeſſen, mir zu verbieten. den ſind Sie eine Leiche, wenn es Ihnen nicht gelingt, Ihre Gegner zu bewältigen. Drei Offiziere werden kom⸗ men, mit Ihnen ſpeiſen und Sie niederſchießen. Flucht wäre unnütz, man würde Ihnen die Pferde verweigern. Der Wirth iſt ein Schuft.“
Der Mann mit dem harmloſen, gutmüthigen Geſichte ein Räuber? Bernhard konnte es nicht glauben. Und doch, was hätte das Mädchen bewegen können, ihm in dieſer geheimniß⸗ vollen Form eine Unwahrheit zu ſagen? Das ſchwermüthige, traurige Geſicht fiel ihm wieder ein; ſollten die in dieſem Hauſe verübten Gräuelthaten die Urſache geweſen ſein? Vor Allem mußte Joſef von dem Zettel in Kenntniß geſetzt und Vorſichtsmaßregeln beſprochen werden; Beide waren entſchloſſen, ihr Leben ſo theuer als möglich zu verkaufen.
Da wurde von der Straße Hufſchlag hörbar; drei Offi⸗ ziere in ungariſcher Huſarenuniform ſprengten vor das Haus, ſchwangen ſich aus dem Sattel und warfen dem ehrerbietig grüßenden Wirthe die Zügel ihrer Noſſe zu, der die Thiere in den Stall führte. Einen Hausknecht ſchien es nicht zu geben.
Gleich darauf trat der Wirth zu dem jungen Kaufmann.
„Es ſind ſoeben noch drei Herren angekommen, die eben⸗ falls zu ſpeiſen wünſchen. Gewiß iſt es Ihnen nicht unlieb, wenn Sie Geſellſchaft finden!“ ſagte der korpulente Mann, ohne in ſeinem Weſen das geringſte Verdächtige zu verrathen.
„Ich bin, offen geſtanden, beim Eſſen nicht gern genirt,“ erwiderte Bernhard,„wenn die Herren aber damit einverſtan⸗ den ſind, daß mein Diener mit am Tiſche ſitzt, ſoll mir ihre
Unhörbar
Das Papier enthielt
In zwei Stun⸗


