Jahrgang 
2 (1879)
Seite
601
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Jedes Heft koſtet 20 Pfennige.

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Täuſchende Indicien.

Erzählung nach engliſchen Gerichtsverhandlungen von Karl Schmeling.

1. Kapitel.

Der AusdruckJuſtizmord! iſt eines der inhaltsſchwerſten und ſchrecklichſten Worte, welche die Sprache kennt. Es be⸗ deutet, daß ein Unſchuldiger, ungerechtfertigt oder gar böswillig angeklagt, irrthümlich verurtheilt und als verabſcheuungs⸗ würdiger Verbrecher hingerichtet wurde. Es deutet an, daß dieſer ungerechtfertigt Angeklagte, irrthümlich Verurtheilte und unſchuldig Hingerichtete doppelt und dreifach die Körperqualen und Seelenmartern eines wirklichen Verbrechers erdulden mußte. Es beurkundet die Umwandlung des Rechts in das empörendſte Unrecht es entſpricht einer Verhöhnung aller Verordnungen, Geſetze und Inſtitute, welche der Rechtspflege im civiliſirten Staate zu dienen beſtimmt ſind.

Man hat nicht nöthig, weitere Gründe für die Verwerf⸗ lichkeit der Todesſtrafe heranzuziehen: Die Möglichkeit des Vorkommens von Juſtizmorden genügt allein, dieſelbe zu ver⸗ dammen weil die Todesſtrafe keine Rehabilitirung ihres ſchuldloſen Opfers keine vergütende Berichtigung ihres ent⸗ ſetzlichen Mißgriffs zuläßt!

Die Stadt Salisbury iſt der Hauptort der Grafſchaft Wiltſhire in England. Von Salisbury führt in nordweſtlicher Richtung eine Straße nach der Stadt Heytesbury. An dieſer Straße liegt, ungefähr ſechs bis ſieben Meilen von Salisbury entfernt, das ziemlich bedeutende Landgut Burtonsfield, ſchon ſeit Jahrhunderten unveräußerliches Eigenthum der Familie Burton.

Der augenblickliche Inhaber oder Beſitzer dieſes Majorats war Sir Robert Burton, Esquire, ein Mann von ungefähr achtunddreißig bis vierzig Jahren und ſtattlichem Aeußeren, aber zweifelhafter Sittlichkeit und demzufolge ſehr ſchlechtem Rufe. Daß Sir Robert ſich wenig oder gar nicht um die Be⸗ wirthſchaftung ſeiner Beſitzung kümmerte, hätte nicht viel zu ſagen gehabt, da er es in dieſer Beziehung ja nur machte wie ſehr viele andere Herren ſeines Standes. Ueberdem

(Nachdruck verboten.) konnte einem ſolchen Mangel durch Anſtellung thätiger und rechtſchaffener Beamten leicht begegnet werden.

Doch Sir Burton galt auch allgemein für einen Spieler, Trinker und Lüſtling der verworfenſten Art. Von den acht⸗ baren Standesgenoſſen der Umgebung ward er daher ſorg⸗ fältig gemieden und nur die wenigen Ausnahmen unter jenen bildeten ſeinen Umgang, in welchem er überhaupt nicht wähleriſch ſein ſollte.

Sir Robert war übrigens ſeiner engeren Heimat lange Jahre hindurch völlig entfremdet geweſen. Er hatte das Un⸗ glück gehabt, ſeine Eltern zu verlieren, als er erſt vier Jahre zählte. Ein Verwandter ſeiner Mutter war ihm zum Vormund beſtellt worden und hatte ihn infolge deſſen gänzlich zu ſich genommen. Später ward er einem diſtinguirten Erziehungs⸗ Inſtitute übergeben und bezog nach dem Abgange aus dieſem eine Univerſität.

Nach Ablauf der Studienjahre wählte Sir Robert die Militär⸗Karrière als zukünftigen Beruf und ward, wie dies ja nicht anders ſein konnte, ſehr bald Offizier.

Der Militärdienſt mußte jedoch nach kurzer Zeit ſchon den Reiz für den jungen Herrn verloren haben; denn ſo wie er mündig geworden und dadurch in den Beſitz ſeines Ver⸗ mögens gelangt war, nahm er ſeinen Abſchied, um viele Jahre hindurch in London als Privatmann ſeinen Neigungen zu leben.

Dieſe Zeit koſtete Sir Robert ſein mütterliches Erbtheil zwei ſchöne Beſitzungen in Berkſhire. Wäre Burtonsfield verkäuflich geweſen, würde der Squire ſchon damals vollſtändig zu Grunde gegangen ſein.

Nach dem Schwinden ſeines freien veräußerlichen Eigen⸗ thums war auch der Kredit Sir Burton's in London gänzlich erſchöpft. Es blieb ihm daher nur übrig, nach Burtonsfield zu gehen, um mit den Revenuen aus dieſer unveräußerlichen und mit Schulden nicht zu belaſtenden Beſitzung das etwas eintönige Leben eines Landedelmannes zu führen.

Sir Burton beging hier nach Ablauf einiger Zeit, wahr⸗ 76