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Jedes Heft koſtet 20 Pfennige.
Die Herrin von Venwyn.
Frei bearbeitet nach dem Engliſchen von Xaver Riedl.
(Fortſetzung.)
Nach kurzer Pauſe erwiderte Churchill:
„Ich kann keine neue Gefahr erblicken, Theuerſte. Die Frau war befriedigt mit ihrem Looſe und würde keine Unruhe gemacht haben, außer dieſem unglücklichen Zufalle mit ihrem Sohne. Ich will dafür ſorgen, daß dieſer Menſch einige Mittel erhält und aus dem Lande geſchickt wird, ſodaß man nie wieder von ihm hört. Die Frau iſt harmlos und kümmert ſich wenig um ihren Sohn; nur der rohe Inſtinkt der Ver⸗ wandtſchaft, den auch Wilde fühlen, machte ſich diesmal in ihr geltend.“
„Warum haſt Du ſie hierhergebracht, Churchill? War das klug?“
„Ich dachte, es ſei das Beſte. Ich hielt es für klug, ſie bei der Hand und unter meinen Augen zu haben, wo ich ſie beobachten konnte und es wahrſcheinlich war, daß ſie nicht leicht Verbündete fände— hier konnte ich alle ihre Wünſche befriedigen, und ſie hatte keinen Grund, mich zu quälen.“
„Es iſt vielleicht das Beſte,“ ſtimmte Madge bei.„Aber es iſt entſetzlich, ſie hier zu haben.“
„Die Egypter hatten ein Skelet bei ihren Feſten, um nicht zu vergeſſen, was für eine kurze Spanne Zeit ihnen für ihre Erdenfreuden übrig bleibe. Es iſt eine Erinnerung daran, daß ſich Gift in dem Becher des Lebens befindet.“
„Und jetzt geh' zu unſexen Gäſten, Churchill. Laß Deine Geſichtszüge keine Geſchichten erzählen. Sage, daß ich ſogleich kommen werde.“
„Mein Liebling, ich fürchte, daß Du Deiner Kraft zu viel zutrauſt.“
„Nein, Churchill; ich werde ſo beginnen, wie ich fortzufahren
gedenke. arde ich mich ſelbſt einſchließen, würde ich mir jetzt,
gleich im Anfange, Zeit zum Nachdenken gönnen— ich würde
wahnſennig.“
Unwillig verließ er das Zimmer. Sie ſtand einige Augen⸗ blicke wie feſtgebannt auf dem Platze, wo er ſie verlaſſen, wie
in einen ſchauerlichen Traum verloren, dann ſchritt ſie ſchwankend
in das anſtoßende Zimmer, wo ſie die Aſchenbläſſe mit
(Nachdruck verboten.) friſchem Quellwaſſer aus ihrem Geſichte zu waſchen ſuchte. Sie ordnete ihr Haar wieder, mit zitternden Händen, ſo viel ſie ſich auch bemühte, ruhig zu ſein, wechſelte ihr Kleid, befeſtigte eine ſcharlachrothe Kamelie in ihrem dunklen Haar und ging hinab in das Speiſezimmer, ein wenig bleich und ermüdend ausſehend, aber nicht weniger lieblich anzuſchauen, als ſonſt. Was für eine tolle Welt ſchien ihr das zu ſein, als ſie ihre Gäſte an dem ovalen Tiſche verſammelt ſah, in der ruhigen, leichten und unreſervirten Weiſe plaudernd und lachend, die bei einer Mittagsmahlzeit ſo natürlich ſchien, wenn die Diener verbannt ſind und die Herren ſich dem ſchwierigen Amte unter⸗ ziehen, die Braten zu zerlegen, wenn hungerige Leute, eben von langen Ausflügen über Hügel und Seeufer, wo der wilde Thymian wächſt, oder vom Ballſpiel, oder einem Galoppritt über die Haide zurückgekehrt, ein heterogenes Mahl von Rinds⸗ lendenbraten, Trüffelpaſteten, Créme, Obſt und ſo weiter verſchlingen und den funkelnden Cider von Devon in langen Zügen trinken, der hundertmal beſſer iſt als Champagner.
Jedermann ſchien heute beſonders guter Laune— es gab eine Miſchung von Geplauder, Kokettiren und Lachen— und an dem Ende der Tafel ſaß der Herr von Penwyn, ruhig, unerforſchlich, und keine Linie auf ſeiner großen Stirne mit der ſpärlichen Einfaſſung von krauſem braunem Haar zeigte das Brandmaal des Kain.
7. Kapitel. „Ach, Liebe, es giebt kein beſſeres Leben, als dieſes.“
Juſtina hatte einen großen Erfolg im Royal⸗Albert⸗ Theater. Die Zeitungen waren faſt einſtimmig in ihrem Urtheile. Auch die mehr äſthetiſchen und kritiſchen Journale gaben ihre Zuſtimmung, was für ſie eine Art Freibrief war. Das Publikum, immer gradſinnig und aufrichtig im Ausdruck ſeiner Zufriedenheit, zweifelte längſt nicht mehr an ihren Talenten. Sie galt ſogleich als eine der beliebteſten und meiſt⸗
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verſprechenden jungen Schauſpielerinnen des Tages— natürlich


